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Ostkreis Drogenelend führt ins Gefängnis
Landkreis Ostkreis Drogenelend führt ins Gefängnis
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00:15 18.12.2013
Das Archivfoto zeigt die sichergestellte Partydroge Crystal Meth. Dem hohem Suchtpotenzial des zerstörerischen weißen Stoffes war die Widerstandskraft des 34-jährigen Stadtallendorfers nicht gewachsen. Foto: Arno Burgi/dpa Quelle: Arno Burgi
Stadtallendorf

Weil er zwischen Anfang 2012 und April 2013 mit Betäubungsmitteln unerlaubt gehandelt haben soll, wurde einem 34-Jährigen vor dem Marburger Schöffengericht der Prozess gemacht. Die Hauptverhandlung begann erst mit 45-minütiger Verspätung, da ein Schöffe nicht erschienen war. Dem Gericht gelang es kurzfristig, einen Ersatzschöffen zu finden.

Als dann die Hauptverhandlung unter dem Vorsitz von Richterin Ina-Nadine Bernshausen eröffnet werden konnte, zeigte sich bereits im Anklagesatz, welches Ausmaß die Taten des Angeklagten hatten: Allein für genannten Zeitraum warf die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten vor, in 18 Fällen jeweils zwischen 30 und 100 Gramm des Rauschmittels Amphetamin erworben zu haben, um es dann gewinnbringend zu verkaufen. Der Kaufpreis pro Gramm lag nach Feststellung der Staatsanwaltschaft bei sieben Euro, der Verkaufspreis bei durchschnittlich elf Euro.

Nach Rückfall Beruf, Frau und Wohnung verloren

„Ich streite nichts von den Punkten ab“, waren die ersten Worte des ehemaligen Stadtallendorfers, der sich inzwischen in einer südhessischen Therapie-Klinik befindet, nach der Verlesung der Anklage. Er sei rückfällig geworden - wieder einmal - und habe das Geld gebraucht, um seinen eigenen Drogenkonsum zu finanzieren. Dabei hatte der 34-Jährige erst 2010 einen Entzug gemacht - von Alkohol, Cannabis, Ecstasy und sogar dem von vielen Gesundheitsexperten als „gefährlichste Droge der Welt“ bezeichneten Crystal Meth. Und gerade die hat beim Angeklagten sichtbar Spuren hinterlassen. Vor dem Gericht berichtete er von Zahnproblemen, Knochen- und Gelenkschmerzen sowie Haarausfall. „Trotzdem ging es mir nach der Therapie in 2010 gut. Ich habe einen neuen Job bekommen und geheiratet.“

In den Monaten danach sei er aber wieder in ein emotionales Loch gefallen, habe Beruf, Frau und Wohnung Stück für Stück verloren. „Ich habe Probleme, mit solch schwierigen Situationen zurecht zu kommen“, machte der Angeklagte deutlich. Denn schon als Jugendlicher habe er Marihuana geraucht und auf Techno-Partys die Wirkung von Ecstasy erlebt. Die Wirkung, die der Rauschmittelkonsum auf ihn hatte, beschrieb der Beschuldigte wie folgt: „Man erreicht mehr. Ich habe mich zum Beispiel getraut, auf Frauen zuzugehen.“ 2002 wurde er erstmals auf einer solchen Party erwischt, als er versuchte, durch den Handel mit Ecstasy seinen immensen Schuldenberg zu tilgen. Die Folgen: zwei Monate U-Haft. „Als ich von dort nach Hause kam, habe ich zu Hause etwas Crystal gefunden und bin sofort wieder rückfällig geworden“, erinnerte sich der Angeklagte, der sich daraufhin zum ersten Mal stationär behandeln ließ. Sechs Monate hatte er sich unter Kontrolle, dann sei „alles wieder weggebröckelt“.

„Es ist eine Schande für mich, immer wieder hier zu sitzen und die Dinge aufzuarbeiten“, sagte der 34-Jährige mit gesenktem Haupt. Seit August sei er nun erneut in therapeutischer Behandlung.

Richterin Bernshausen verlas den Zwischenbericht seines Betreuers. Der Angeklagte zeige sich gesprächsbereit und aufgeschlossen, wisse um seine Situation und habe seine Persönlichkeit gestärkt, hieß es darin.

Angeklagter nannte Namen seiner „Geschäftspartner“

Nach der Therapie, so der Angeklagte, wolle er im südhessischen Raum die Möglichkeit des Betreuten Wohnens nutzen und seinen Lebensmittelpunkt dorthin verlagern. Wohl auch, weil er gegenüber der Polizei und der Staatsanwaltschaft bereits im Vorfeld alle Namen derjenigen Personen genannt hatte, mit denen er bei den 18 angeklagten Drogengeschäften kooperiert hatte. Viele Freunde wird der Ex-Stadtallendorfer in diesem Milieu also nicht mehr haben.

„Wegen des umfassenden Geständnisses sprechen wir von einem relativ einfachen Sachverhalt“, erklärte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer. Nach der Beweisaufnahme gebe es keinerlei Zweifel am gewerbsmäßigen Charakter der angeklagten Taten. Der Angeklagte habe das Amphetamin erworben, um es mit Gewinn weiterzuverkaufen. Er habe sich auf diese Weise eine Einnahmequelle geschaffen. Das spreche ebenso gegen den 34-Jährigen wie die Tatsache, dass der einschlägig Vorbestrafte die angeklagten Taten während der laufenden Bewährungszeit begangen habe.

Für den Angeklagten wertete der Staatsanwalt das umfassende und werthaltige Geständnis, dessen Kooperationsbereitschaft mit den Strafverfolgungsbehörden zur Aufdeckung weiterer Straftaten und die therapeutischen Anstrengungen, die der Angeklagte inzwischen unternommen habe.

Die Anklage hielt eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten für tat- und schuldangemessen. Der Angeklagte wisse allerdings auch, dass er noch nicht gefestigt sei. Da auch sonst keine besonderen Umstände vorlägen, könne die Strafe definitiv nicht zur Bewährung ausgesetzt werden.

Keine Bewährungschance für Bewährungsversager

„Ich würde mich freuen, wenn ich die Chance bekäme, weiter an mir zu arbeiten“, waren die letzten Worte des Angeklagten.

Das Gericht folgte im Urteil Argumentation und Strafantrag der Staatsanwaltschaft und verurteilte den Angeklagten wegen unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten. Auch die für den Angeklagten entscheidende Frage nach einer neuerlichen Aussetzung der Strafe zur Bewährung verneinte das Gericht. Für einen einschlägig vorbestraften Bewährungsversager sei dies nicht möglich, sagte vorsitzende Richterin Bernshausen. Später werde ein Rechtspfleger im Vollstreckungsverfahren darüber entscheiden, ob ein Teil der Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden könne, erklärte die Richterin dem Angeklagten.

Da sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung Rechtsmittelverzicht erklärten, erlangte das Urteil sofort Rechtskraft.

von Yanik Schick