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Ostkreis Die schnellsten Hände im Landkreis
Landkreis Ostkreis Die schnellsten Hände im Landkreis
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06:16 14.03.2012
Der Neustädter Schüler Dogukan Yavsav gehört zur Sportelite der Speed-Stacker. Quelle: Tobias Hirsch

Neustadt. Dogukan Yavsavs Blick ist konzentriert – er fixiert die zwölf rot gefärbten Becher, die vor ihm auf einem Tisch stehen. Der Schüler atmet ein letztes Mal tief durch, bevor seine Hände plötzlich nach vorne stoßen. Blitzschnell formt der 13-Jährige Türme aus den Plastikbehältern, um sie im nächsten Moment wieder in sich zusammenfallen zu lassen.

Seine Bewegungen sind dabei fast zu schnell für das Auge. „Dokan ist ein Phänomen, er ist sicherlich der talentierteste und schnellste Stacker, den wir im heimischen Raum haben“, sagt Markus Biermann. Der Neustädter Lehrer muss es wissen, schließlich hat er bereits vor etwas mehr als vier Jahren eine Speed-Stacking-AG an der Martin-von-Tours-Schule gegründet. „Gesehen habe ich Stacking zum ersten Mal bei einer Sportlerehrung“, erinnert sich Biermann.

Fasziniert von der ungewöhnlichen Sportart etablierte er eine erste Nachmittagsstunde, zu der sich interessierte Fünft- und Sechstklässler einfanden. Zu den ersten gehörte auch Dogukan Yavsav. „Ich bin mit Freunden zu der AG gegangen, um es  mal auszuprobieren. Es hat mir gleich soviel Spaß gemacht, dass ich überall mit den Bechern geübt habe. Manchmal mehr als drei Sunden am Tag“, erzählt der junge Sportler.

Mittlerweile übt Lehrer Biermann mit Schülern von der ersten bis zur zehnten Jahrgangsstufe das schnelle Stapeln der bunten Becher. „Der besondere Anforderungscharakter dieses Sports liegt für die Kinder im Kampf gegen die Uhr. Ziel ist es, sich immer weiter zu verbessern, immer schneller zu werden“, sagt Biermann, der gerne Kooperationen mit anderen Schulen oder Interessierten eingehen würde: „Ich möchte dazu beitragen, den Sport noch bekannter zu machen, zumal es unheimlich viele positive Nebeneffekte durch das Stacken gibt“.

Wissenschaftliche Untersuchungen unterstützen Biermann in seiner Aussage. Demnach aktiviert Speed-Stacking durch das abwechselnde Arbeiten mit linker und rechter Hand beide Gehirnhälften. Es werden neue Verknüpfungen gebildet, neue „Nervenstraßen“ gebaut, die bei regelmäßiger Beschäftigung mit den Plastikbechern ausgebaut werden können.

Diese neuangelegten Nervenbahnen können hilfreich sein beim Erlernen anderer Inhalte oder Fertigkeiten, wie dem Spielen eines Instruments, Lesen und Schreiben oder beim Sport. „Seit ich stacke, kann ich mich besser konzentrieren und lerne Vokabeln leichter“, sagt Dogukan Yavsav, der mittlerweile für den SST Butzbach startet. Dieser Speed-Stacking-Verein stellt momentan die meisten Weltmeister und ist auch Ausrichter der Weltmeisterschaft, die am 14. und 15. April in der Mehrzweckhalle Kirch-/Pohl-Göns stattfindet.

Die Qualifikation für die WM schaffte Yavsav über die deutschen Meisterschaften, bei denen der 13-Jährige in der Teildisziplin „Cycle“ mit einer Zeit von 6,84 Sekunden den Titel holte. Der Weltrekord für die Cycle-Figur liegt bei 5,91 Sekunden. In der Zusammenrechnung aller Disziplinen reichte es für den Schüler bei den deutschen Meisterschaften in Speichersdorf immerhin zu Gesamtplatz Vier. 

Beim Stacken kommt es auf Schnelligkeit an – Sieger und Besiegte trennen oft nur Hundertstel. Deswegen muss die Zeitnahme extrem genau erfolgen. Dazu stoppen die Sportler ihre Zeit selbst mittels einer so genannten Zeitmatte. Auf dieser sind Kontaktflächen angebracht, auf die der Sportler seine Hände legt. Wenn eine Hand den Timer verlässt, startet die Zeitnahme.

Wenn der Sportler fertig gestapelt hat, platziert er beide Hände wieder auf den Kontaktflächen, wodurch die Zeitnahme gestoppt und die benötigte Zeit angezeigt wird. „Bei größeren Wettkämpfen werden die einzelnen Versuche der Sportler gefilmt. So hat man später einen Videobeweis für die erzielten Rekorde“, erklärt Biermann und stellt sich neben Yavsav, um eine weitere Disziplin des Speed-Stackings zu demonstrieren: das Doppel. 

Dabei müssen zwei Teilnehmer mit einem Becherset stapeln, wobei einer nur die rechte, der andere nur die linke Hand benutzen darf. Auf Kommando verschmelzen die Bewegungen. So auch bei Biermann und seinem Schüler. „Einen Versuch noch – wir packen das“, motiviert Yavsav seinen Lehrer, nachdem wieder ein Becher zu Boden gefallen ist und der offizielle Versuch damit beendet wäre. Biermann schaut entschlossen, er beugt sich tief über den Tisch, bereit das Spiel von neuem zu beginnen. Noch einmal blickt er auf und sagt: „Alles eine Frage der Konzentration.“

von Dennis Siepmann