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Die gewollte Zumutung

Verkehrsversuch Die gewollte Zumutung

Pünktlich zum Start des Verkehrsversuchs in die Kirchhainer Innenstadt zum 2. Januar flogen die Komplimente tief. In den sozialen Netzwerken wurde gegen den Versuch der Stadt geschossen, die Brießelstraße zu entlasten.

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Über den Feldweg führt wohl die beste Option, Kirchhain in Ost-West-Richtung zu queren. Das Stadtparlament erwägt, gegenüber dem Busbahnhof ein Halteverbot einzurichten. Fotos (5): Matthias Mayer

Kirchhain. Kernpunkte der Kritik: Wir haben nichts davon gewusst. Die Beschilderung ist ­unzureichend. Die eingerichteten Umleitungen sind eine Zumutung. Die OP ging in einem Selbstversuch den Kritikpunkten auf den Grund.

Die Ausgangslage

Die Brießelstraße ist das Kirchhainer Nadelöhr. Gleichwohl ist sie Bestandteil der zweitwichtigsten Ost-West-Achse durch die Stadt. Entsprechend hoch ist das Fahrzeugaufkommen. 4000 Autofahrer nutzen laut einer Verkehrszählung täglich die Straße durch die Kirchhainer Altstadt. Und die proben hier nicht nur zu Stoßzeiten den automobilen Stillstand. Blumenkübel ragen in die Fahrbahn rein, die deshalb fast überall nur einspurig befahrbar ist. Selbst die bescheidene Höchstgeschwindigkeit von Tempo 20 bleibt auf der verkehrsberuhigten Straße eine Illusion.

Hinter den Blumenkübeln bilden sich regelmäßig Autoschlangen, die sich nur langsam auflösen. Und dies, obwohl die Straße für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen gesperrt ist - was manchen vom Navi fehlgeleiteten Brummifahrer nicht davon abhält, sich mit seinem 40-Tonner in der Straße festzufahren.

Der Selbstversuch

Ziel der drei Testfahrten ist der Parkplatz am Bürgerhaus. Ausgangspunkte für die ersten beiden Fahrten ist die Einmündung der Brießelstraße in die Borngasse. Die dritte Testfahrt beginnt auf der Niederrheinischen Straße am Abzweig Feldweg.

Unzureichende Beschilderung? Die Schilder lassen sich nicht übersehen. Gleichwohl kann es passieren, dass der Mensch als Gewohnheitstier bei seiner tausendsten Fahrt über den Steinweg Richtung Altstadt nicht schlecht staunt, dass er plötzlich in einer Sackgasse gelandet ist. Die Schilder wird er im zweiten Anlauf zur Kenntnis genommen haben. Wir haben nichts davon gewusst? Diese Zeitung hat großflächig über den Verkehrsversuch informiert, und die Stadt Kirchhain hat dies auf verschiedenen Kanälen auch getan.

Sind die Umleitungen Zumutungen? Nach den Testfahrten steht ein entschiedenes „jein“. Die erste Tour führt gleich in die Brießelstraße hinein. Ein völlig neues Fahrgefühl. Obwohl drei Autos vorausfahren, gibt es kein Stocken und Stoppen. Die kleine Kolonne biegt geschlossen auf den Marktplatz ab - eine andere Richtung ist auch nicht möglich, weil die Brießelstraße hinter dem Abzweig auf einer Länge von etwa 15 Metern komplett gesperrt ist. Die ersten beiden Autos parken auf dem Marktplatz, das dritte Fahrzeug hält Unterm Groth an. Die Fahrzeuglenker steuern also direkt ihr Ziel an, nur das OP-Auto bleibt auf der inoffiziellen Umleitungsstrecke durch das alte Dörfchen. Die Sträßchen sind eng, dementsprechend zeigt der Digitaltachometer trotz fehlenden Gegenverkehrs nie mehr als 25 km/h an.

Nach 3 Minuten und 17 Sekunden steht das Auto auf dem Parkplatz vor dem Bürgerhaus. Ein Fußgänger wäre vermutlich schneller gewesen. Aber das ist gewollt. Schließlich lässt sich das Verkehrsaufkommen auf der Straße nur reduzieren, in dem man sie für den Durchfahrtverkehr möglichst unattraktiv macht.

Die zweite Tour führt über die Niederrheinische Straße zur Römerstraße. Auf der Niederrheinischen Straße fällt eine neue Halteverbotszone vor dem Gebäude der Sparkassen-Versicherung auf. Hier gibt es gelegentlich Staus, beim OP-Versuch rollt der Verkehr. Vom üblichen Auto-Knäuel am Abzweig in die Römerstraße ist nichts zu sehen. Die Verbreiterung der Fahrbahn durch die vorübergehende Aufgabe von fünf Stellplätzen zeigt offenbar Wirkung. Am schlechten Zustand der Straße ändert das nichts. Über den Bahnhof und den Steinweg erreicht das Auto nach 3 Minuten und 26 ­Sekunden den Parkplatz am ­Hexenturm.

Wer aus Richtung Stadtallendorf in die Stadt reinfährt, nutzt den Feldweg, um in die Altstadt zu gelangen. Auffällig: Die von einigen Stadtverordneten geforderte Halteverbotszone auf ­Höhe des Busbahnhofs ist noch nicht eingerichtet worden. Der Begegnungsverkehr rollt an dieser Stelle nicht so einfach aneinander vorbei. Trotzdem steht das Auto nach zwei Minuten und 56 Sekunden vor dem Bürgerhaus. Das ist die Bestzeit, auch wenn für die anderen Routen nur wenige Sekunden mehr Zeit benötigt würden. Nach dem Eindruck der OP-Redaktion lässt es sich auf der Route über den Feldweg besonders entspannt und für die Anwohner schonend fahren - auch zu anderen Zielen im Westen der Stadt.

Parkplätze

Der Verkehrsversuch hat auch Auswirkungen auf die Parkplatzsituation in der Stadt. Der Festplatz war gestern früh vollbesetzt. In der Römerstraße gab es nur drei freie Stellplätze. Auf dem Pendlerparkplatz am Feldweg ging - wie üblich - nichts mehr. Dafür hatten die gebührenpflichtigen Parkplätze Richtung Bahnhof noch reichlich Kapazität. Die Parkplätze an der Brießelstraße und auf dem Marktplatz waren voll belegt. Am Bürgerhaus gab‘s etliche Lücken.

Wie geht‘s weiter

Am 1. Juli folgt der zweite Verkehrsversuch. Zwischen dem Annapark und dem Minikreisel am Steinweg soll eine Einbahnstraße stadtauswärts eingerichtet werden. Später wird die Einbahnstraßenlösung in der Gegenrichtung erprobt.

von Matthias Mayer

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