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Die ersten Profiteure des Protests

1968er Die ersten Profiteure des Protests

Revolution juckte nicht ­alle: Für tausende Schüler im Landkreis Marburg-­Biedenkopf war das Jahr 1968 Höhepunkt ihrer Jugend, die Auflehnung gegen die Eltern eher pubertär denn politisch. Stadtallendorfer erinnern sich.

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Die Schüler der Realschulklasse 10a der damaligen Teichschule, die im Jahr 1968 ihren Abschluss feierten.

Quelle: privat

Stadtallendorf. Hans-Joachim Görge blättert durch das Fotoalbum. Jede Seite ist voll von Bildern von Menschen mit wilden Frisuren und schrillen Klamotten. Er muss lachen als er die Jugendfotos von einem jungen Mann mit massiger Mähne auf dem Kopf sieht: er ist es selbst. Wenn der Stadtallendorfer über 1968 spricht, sieht er eine „aufregende Zeit“ lebendig vor sich. Als ob es gestern war. Ein Gestern, das aber 50 Jahre her ist. Und es war ein Jahr, eine Zeit, die auf dem Dorf, in den Kleinstädten anders erlebt wurde als in der Universitätsstadt, als in Marburg.

„Hier haben sich keine Menschen auf der Straße eingehakt und sind gegen die Eltern, Großeltern und den Staat marschiert“, sagt er mit einem Lachen. Die „bissige Stimmung“, die in Marburg oder Frankfurt herrschte, die Sehnsucht nach der ganz großen internationalen Umwälzung schwappte in Orte wie Stadtallendorf nicht so recht rüber. D

abei spürte der damals 16-Jährige diese „starke Energie des Wandels, die Wucht der Moderne“ – und zwar vor allem bei Konzertbesuchen in den Herzkammern des mittelhessischen Protests, in Marburg und Gießen, als Hannes Wader oder andere Liedermacher auftraten, als The Dukes oder andere Bands spielten.

Jeden Abend Livemusik

„Da tobten die DKP‘ler, es wimmelte von Revoluzzern“, sagt er. Doch seien jene, die wie er damals Schulabschluss etwa an der Teichschule machten, in Mitten von vielen Anfang- und Mittzwanzigern, die sich mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaftsthemen auseinandersetzten, mit der Verwandlung der Gesamtgesellschaft „ein bisschen überfordert gewesen“.

Für Görge, wie auch für die Stadtallendorfer Angelika Meurer, Rosemarie Willscheck oder Hermann Josef Feldpausch, ist das Jahr 1968 weniger mit ­
Politik und Protest als vielmehr mit Musik und Tanz, mit der ersten Liebe verbunden. „Man schlug die OP auf und konnte sich aussuchen, wo man heute zur Livemusik geht. Von ­Marburg bis Wolferode, es war immer etwas los, es war laut, ­lebendig“, sagt Görge, der auch im Elternhaus in der Hof­gasse die Boxen aufdrehte. „Da ­wackelten die Schindeln.“

An einer Straßenecke, wo Bauern die Milchkannen abstellten, traf sich die Clique von Rosemarie Willscheck zum Quatschen, Blödeln und – mit 15 Jahren tief in der Pubertät – zum Jungs-Angucken, zum Flirten – und Heiraten. So ist die 65-Jährige bis heute mit einem der Jungs zusammen, die damals als Zugezogene frischen Wind nach Stadtallendorf, wo man gerade im alten Ortskern lange eher unter sich blieb, brachten. „Meine Mutter fand das nicht so toll, sie hat alle Heiligen im Himmel angerufen: zu jung, und dann noch einen Fremden!“

Heimlich Zigaretten rauchen

Für Hermann Josef Feldpausch ist 1968 ein Gefühl. Eines von „Sicherheit und Geborgenheit, eingebunden in die dörflichen Strukturen“, sagt der 64-Jährige. Fußballspielen auf Wiesen, die heute fast alle zugebaut sind. Je nach Jahreszeit mit Seifenkisten oder Schlitten die Leide hinunter brausen.

Heimlich Zigaretten rauchen, die Mini-Röcke der darin steckenden Mädchen begutachten und Beatles und Bee Gees hören. „Feiern in Glastanzdiele Strohmeier oder im Scotchclub. Mit dem Moped bis an den Edersee fahren – ohne Helm“, erinnert sich Angelika Meurer (67), die zu der Zeit in der Elasta-Strumpffabrik arbeitete.

Lange Haare statt kurzer Schnitt, Rock- statt Heimatmusik, Miniröcke statt Hosenanzüge an Mädchenbeinen, Pin-up-Fotos in Magazinen und Kondom-Automaten in Gaststätten statt Prüderie, Religion und Moral: Nicht Protestaufmärsche, Rebellion und Krawalle, sondern eher ein Gefühl der Unbeschwertheit und Lebenslust ist das, was die Jugend in den Dörfern des Landkreises spürten.

Interessen: Mädchen oder Jungs, Musik, Fußball

Und mit genau diesem Freiheit- und Freiheitsdrang, mit Lautstärke, Tempo und auch all den technischen Neuerungen seien viele Eltern nie so richtig klargekommen, erinnert sich Görge. Denn wie so viele in der Generation redeten auch sein Vater, seine Mutter, die Großeltern nicht viel über damals, über Krieg, Tod, Schuld, Verantwortung. Der Blick sollte nach vorne gehen.

Wie nah die Themen dann doch auch für Schüler sind, erlebten Teenager Görge und seine 26 Klassenkameraden 1968 beim Schüleraustausch im englischen St. Ives. Dort wurden er und die Mitschüler – mal 
spaßig, mal ernsthaft – mit Fragen zu Hitler, Nazis und Holocaust konfrontiert. Unangenehme Situationen, wie Görge sich erinnert – doch die 
eigentlichen Interessen der britischen wie deutschen Schüler waren andere: wahlweise Mädchen oder Jungs, Musik, Fußball.

Im Ergebnis war eines für die Schüler, für die Kinder und Jugendlichen in Stadtallendorf ähnlich wie für die Studenten etwa in Marburg: Es war ihr Ausbruch aus einem Zeitgeist von Zucht und Ordnung, Kontrolle und Verklemmung. Die Schulabgänger 1968 waren dann in den Folgejahren sozusagen die ersten Profiteure der ersten Protestierer.

von Björn Wisker

50 Jahre nach 1968 : Auf Initiative von Hans-Joachim Görge (vordere Reihe, Erster von links) haben sich die ehemaligen Schüler der Teichschule – Bernd Flieger (von links), Dorothee Giebler, Dagmar Schmitt, Christine Haas, Helga Kilb, Wolfgang Jäckel, Ursula Rhein, Monika Stadler, Brigitte Fleer, Monika Döbel, Elmar Schmitt, Cordula Schmitt, Veronika Grenzebach, Reinhild Häfner-Dönges (vordere Reihe, Zweite von links), Hans-Jürgen Weinand und Ruth Weihberg – in Stadtallendorf getroffen. Privatfoto 
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