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Ostkreis „Die Welt brennt lichterloh“
Landkreis Ostkreis „Die Welt brennt lichterloh“
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06:15 17.05.2012
Wie eine Spirale: Die Angst, in der Krise den Arbeitsplatz zu verlieren, die Lähmung, die daraus entsteht. Quelle: Julian Stratenschulte
Stadtallendorf

Etwas anders als wohl von den meisten der 120 Teilnehmer in der Stadthalle erwartet, fiel der Eröffnungsvortrag zum Thema „Krank machende Ursachen in der Ökonomie“ aus.

Nicht um Betriebsstrukturen, Leistungsdruck oder Erscheinungen wie das Ausspionieren von Arbeitnehmern ging es, sondern um das „große Ganze“: Kapitalismus, Neoliberalismus, Versagen der Politik und daraus resultierende Krisen.

Ein düsteres Bild zeichnete Heinz-Josef Bontrup, Professor für Wirtschaftswissenschaft mit dem Schwerpunkt Arbeitsökonomie im Fachbereich Wirtschaftsrecht an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen-Bocholt-Recklinghausen. In freier Rede, von einer Zuhörerin anerkennend als „Brandrede“ bezeichnet, die es geschafft habe, sie wieder stärker zu politisieren, machte er die allen Zahlenspielen zum Trotz bestehende Massenarbeitslosigkeit und die Angst davor als Verursacher für seelische Erkrankungen aus. Arbeitslose erkrankten viermal häufiger an Seele und Körper, als die, die noch Arbeit haben.

Zurzeit herrsche in den Unternehmen in Deutschland ein Faktor, nämlich Angst, in der Krise seine Arbeit zu verlieren. Dies lähme den Einzelnen in seiner gesamten Fähigkeit, innovativ und kritisch zu sein, was letztlich Unternehmen und Gesellschaft als Ganzes bedrohe.

Die schlimmste Weltwirtschaftskrise seit 80 Jahren sei weiter ungelöst, weil die Politik nach wie vor auf ganzer Linie versage. Grund sei, dass die Eliten in der Wirtschaft ohne jede demokratische Legitimation die Macht übernommen hätten.

Der Beginn lag in der Krise 1974/75, die einen Paradigmenwechsel zum Neoliberalismus gebracht habe. „Dieser wollte nur eins und hat es auch umgesetzt, die Umverteilung von unten nach oben. Überall auf der Welt wurde den abhängig Beschäftigten Einkommen genommen und umverteilt zu den Besitzeinkommen. Damit hat man jetzt die Welt angesteckt, sie brennt lichterloh“, sagte Bontrup. 220 Billionen US-Dollar seinen in der weltweiten Zirkulation, Geld, das nach Anlagen suche.

Die jährliche Leistung aller arbeitenden Menschen auf der Welt liege aber nur bei 65 Billionen, das heißt, die Menschheit müsse drei Jahre arbeiten, um dem Anspruch der Reichen Genüge zu tun.

Diese Disproportion könne die Ökonomie nicht mehr lange tragen, sie stehe weltweit vor dem Exitus, und das spürten die Menschen auch.

Die Politik habe einen Trick vorgenommen und dem Wunsch der Vermögenden gehorcht, die Krisenlasten weltweit auf die Staatsverschuldungen umzubuchen. „Jetzt wollen die Reichen den Griechen und Spaniern nur unter der Voraussetzung von Bürgschaften, so genannten Rettungsschirmen, Kredite geben, natürlich zu auskömmlichen Zinsen“, führte Bontrup aus.

Seine Erklärung: „Die Politik ist selbst neoliberal verkommen, bis zur SPD und den Grünen. In Deutschland wie weltweit hat man Steuern gesenkt, das gab es in der Menschheitsgeschichte noch nicht. Vermögenssteuer wird nicht erhoben, die Erbschaftssteuer spottet jeder Beschreibung, es ist klar, dass wir einen Suppenküchenstaat bekommen, weil er von der Einnahmenseite ausgetrocknet wird. Die Vermögenden sind gerne bereit, die Steuern, die sie nicht gezahlt haben, dem Staat als Kredite zu geben und dafür horrende Zinsen zu kassieren.“

65 Milliarden Euro zahlten Bund, Länder und Gemeinden jährlich allein an Zinsen an die Reichen und Vermögenden.

„Hinterhältig“ sage die Politik dann, die Staatsverschuldung sei das große Übel, jetzt müsse man noch mehr kürzen, dann sei man sofort bei den Sozialleistungen und Privatisierungen. „Wie dumm muss man eigentlich sein, um nicht zu dem Befund zu kommen, dass in Krankenhäusern, die der Profitfunktion von Gesundheitskonzernen unterzogen wurden, Dinge herauskommen, wie dass auf Teufel komm heraus operiert wird und Chefärzte mit Bonisätzen angereizt werden?“, beschrieb Bontrup eine der Folgen.

Mittlerweile rechne man 10 Millionen Menschen in Deutschland zum „abgehängten Prekariat“, zu einer Schicht, in der es keine Planbarkeit mehr fürs Leben gebe. Es sei völlig klar, dass dies zu Erkrankungen führe. Als Lösungsmöglichkeit, deren Umsetzbarkeit er mit Kollegen durchgerechnet habe, stellte Bontrup eine kollektive Arbeitszeitverkürzung vor. Ohne diese werde es keine Vollbeschäftigung geben, weil die Produktivitätsraten „uns weglaufen“. „Frau Merkel weiß nicht, wovon sie spricht, wenn sie sagt, Europa könne aus der Krise herauswachsen. Das ist pathologisch, wer so denkt, ist selbst tief krank“, befand Bontrup und erhielt Zwischenapplaus.

Die Umstellung auf die 30-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich brauche fünf Jahre, sei voll bezahlbar über den Produktivitätszuwachs und indem man den Reichen und Vermögenden „ein bisschen“ an Gewinn, an Zinseinkünften und an Mieten und Pachten wegnehme.

„Wenn die Volkswirtschaften das nicht hinbekommen, dann war’s das mit Europa. Das ist gefährlich, dann können anarchische Zustände entstehen, die nicht mehr umsteuerbar sind. An dem Punkt befinden wir uns“, schloss Bontrup.

Nachdem der kräftige Beifall verklungen war, merkte eine Zuhörerin an, dass die Suizidrate unter den Erwerbslosen in Deutschland am höchsten sei. Sie fragte, was mit den nicht hoch qualifizierten Menschen passieren solle.

Arbeitszeitverkürzung müsse auch mit Bildung verknüpft werden, sagte Bontrup - Deutschland sei im unteren Drittel vergleichbarer Industriestaaten, was die Bildungsausgaben angehe. Wir müssten 30 Milliarden Euro mehr für Bildung ausgeben, um das Niveau Dänemarks zu erreichen, wir seien auch in Sachen Bildung „völlig verkommen“, vom Kindergarten bis zu den Hochschulen. Ein Mitarbeiter der Sozialen Hilfe Marburg dankte Bontrup: „Solche Reden müssten viel häufiger gehalten werden. Was mich wirklich innerlich krank macht, ist das Versagen der Politik.“

Von der Mitgliederversammlung des Paritätischen Landesverbandes Hessen berichtete er, dass Gesamtverbandsgeschäftsführer Dr. Ulrich Schneider eine ähnliche „Brandrede“ gehalten und den Politikern vorgerechnet habe, welche Einnahmemöglichkeiten der Staat verstreichen lasse.

Die vier sozialpolitischen Sprecher der hessischen Landtagsfraktionen hätten dann übergangslos weiter über Effizienzsteigerungen im Sozialbereich gesprochen, worauf von den 200 zuhörenden Sozialmanagern nach einer Weile Wortmeldungen kamen, dass man sich „diesen Schrott“ nicht anhören wolle und die Politiker lieber nach Hause gehen sollen.

Eine Zuhörerin wollte wissen, wie man die Geldmacht-Eliten moralisch erreichen könne. Bontrup sagte, er habe in der Tat mit ihnen Schulter an Schulter gesessen und sei ausgestiegen, weil er die Verlogenheit, Einseitigkeit, Kaltschnäuzigkeit nicht mehr ertragen konnte, die auf diesen Etagen herrsche. Man erreiche sie mit Moral nicht, dass sei illusorisch, man müsse den Einzelnen auch als Getriebenen sehen.

Ohne politische und systemische Veränderung gehe es nicht. Letztlich müsse die Wirtschaft demokratisiert werden, in der jetzt noch die Diktatur des Kapitals herrsche.

„Was innerlich krank macht, ist das Versagen der Politik“

Zu den Psychiatrietagen gehörten in der vergangenen Woche noch weitere Veranstaltungen im Landkreis mit Vorträgen und Schwerpunktthemen unter anderem über das „Doppelte Stigma: Migrant und psychisch krank“, über das Leipziger Schulprojekt „Verrückt? Na und!“ und über Psychosen.

von Manfred Schubert