Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Die Altlasten-Sanierung beginnt
Landkreis Ostkreis Die Altlasten-Sanierung beginnt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 16.03.2019
Die Flächen rund um die alten Gebäude sind gerodet, die Bauarbeiten angelaufen. Quelle: Michael Rinde
Stadtallendorf

Bis Sommer nächsten Jahres soll eine weitere Stadtallendorfer Rüstungsaltlast verschwinden: die sogenannte Füllgruppe II im Wasag-Gebiet, gelegen auf Flächen der Bundeswehr (die OP berichtete). In dieser Füllgruppe wurde während des Zweiten Weltkrieges vor allem Marinemunition abgefüllt.

Die Sanierung der ersten Füllgruppe des früheren „Werkes Herrenwald“ der Westfälisch-Anhaltischen-Sprengstoff AG (Wasag) erfolgt bereits seit 2013. Im Herbst soll sie mit der Wiederaufforstung ihr Ende finden. Die nun begonnenen Sanierungsarbeiten sind Teil eines Gesamtkonzeptes des Bundes für die komplette Altlastensanierung des Wasag-Gebietes. Veranschlagt sind derzeit 39 Millionen Euro über einen Zeitraum von mindestens 10 Jahren.

Hintergrund

Das Werk Herrenwald der Wasag entstand ab 1938/1939. Ein großer Teil seiner Fläche liegt auf heutigem Bundeswehrgelände. Die früheren Werksbereiche, die auf bewohnten Flächen im Stadtgebiet liegen, sind seit Jahren saniert.
Die Füllgruppe I wurde vom Bund ab 2013 saniert, sie grenzt direkt an bewohntes Gelände. Diese Sanierung war zugleich ein Pilotprojekt. Dabei stellte sich unter anderem heraus, dass es vor allem Bodenbelastungen durch polyaromatische Kohlenwasserstoffe, also Teerisolierungen an Gebäuden, gibt.
Bei den insgesamt drei Füllgruppen liegen die Hauptbelastungen unter Schutt und Erde. Die früheren Schmelz- und Gießhäuser wurden nach dem Krieg gesprengt. Die Gebäudereste und damit auch die Altlasten liegen dort anderthalb bis drei Meter tief.

Eine Besonderheit der Füllgruppe-II-Sanierung: Dort gibt es im Grunde zwei Bauherren, den Landesbetrieb Bau und Immobilien in Hessen (LBIH) im Auftrag des Bundes und das Unternehmen Deges. Es ist verantwortlich für das Verfahren rund um die öffentlich-private Partnerschaft zum Weiterbau und Betrieb der Autobahn 49.

Gestern informierten die verschiedenen Beteiligten umfangreich und detailliert über die aktuelle Sanierung und das Gesamtkonzept für den Standort Stadtallendorf. Einen freuten die Planungen dabei ganz besonders, den Standortältesten Oberst Jan Fiolka von der Division Schnelle Kräfte. „Wir sind sehr froh darüber, dass wir den Standort über kurz oder lang wieder voll nutzen können.“ Einschränkungen gibt es für die rund 1.000 Soldaten vor allem für den Standortübungsplatz, den „Kirtorfer Acker“. Seine komplette Sanierung ist im Gesamtkonzept des Bundes auch das größte und wohl schwierigste Projekt.

Kooperation spart Geld und auch Zeit

Doch zunächst liegt der Fokus auf der Füllgruppe II. Zwei Drittel dieses Areals liegen an oder direkt auf der A-49-Trasse. Dass es bei der Sanierung gelungen ist, zwei sehr unterschiedliche Bauherren unter einen Hut zu bekommen, gilt als eine Besonderheit. „Diese Kooperation spart aber einige hunderttausend Euro“, erklärte gestern der Deges-Projektleiter für die A 49, Bernhardt Blümel.

Bekanntlich wird ein etwa 30 Kilometer langer A-49-Abschnitt von einem privaten Partner gebaut und ein 60 Kilometer langer Abschnitt später über 30 Jahre betrieben. Dass das Unternehmen Deges im Vorfeld die Rüstungsaltlast mit aus dem Weg räumt, hat praktische Gründe. „Einem Investor wäre eine solche Sanierung nicht zuzumuten, zumal sie nicht exakt zu kalkulieren ist“, sagt Blümel. Für die Arbeiten an der Füllgruppe II sind aktuell rund 7 Millionen Euro veranschlagt, mehr als 8 Millionen hat die Füllgruppe I bisher gekostet.

Einige Zahlen verdeutlichen die Dimension des Sanierungsprojektes rund um die Füllgruppe II: geschätzte 56.000 Tonnen Boden und Bauschutt müssen entsorgt werden, neun alte Lager- und Produktionsgebäude abgerissen werden. Es geht wie bei allen Altlastensanierungen um den langfristigen Schutz von Mensch und Umwelt und des größten Trinkwasservorkommens der Region. Schließlich handelt es sich um Sprengstoffverbindungen und Teerrückstände an Gebäuden. Auch Munitionsreste können sich auch bei der Füllgruppe II noch im Boden befinden. Alle Arbeiten werden darum von Kampfmittelexperten begleitet. 

Truppe soll Übungsplatz wieder nutzen können

Wie groß ist der Zeitdruck bei der Sanierung im Hinblick auf den Autobahnbau? Die Firma Deges sieht keine Konflikte beim Zeitplan. Baubeginn bei der A 49 soll das Frühjahr 2020 werden. „Unser Bereich an der geplanten Trasse hat bei den Arbeiten Priorität“, unterstreicht Projektleiter Blümel.

  • Eine der nächsten großen Sanierungsprojekte ist der Standortübungsplatz. Noch gibt es keine Vorhersage, ab wann dort saniert wird. Projektleiter Michael Brandt vom LBIH ist sich allerdings ebenso wie die anderen Beteiligten darüber im Klaren, dass der Standortübungsplatz für die Truppe besondere Bedeutung hat. Darum ist unter anderem auch vorgesehen, eine vier Hektar große Teilzone testhalber zuerst zu sanieren. Damit bekäme die Division eine erste eigene Zone für Übungssprünge vor Ort. „Wann wir genau mit dem Standortübungsplatz beginnen, lässt sich aber noch nicht absehen“, sagt Brandt.
  • Auch rund um die – gerade erst mit Millionenaufwand modernisierte – Standortschießanlage müssen noch Altlasten saniert und vor allem nach Munitionsresten gesucht werden.
  • Und schließlich gibt es auch noch eine Rüstungsaltlast in der Hessen-Kaserne zu beseitigen, eine Fläche, auf der nach dem Krieg Munition verbrannt wurde.

von Michael Rinde