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Brieftauben sammeln in einer Saison 60 Preise Der Star heißt 06278-11-298

60 Preise haben die Brieftauben der Kirchhainer Schlaggemeinschaft Mann in der zurückliegenden Saison eingeflogen. Nach Recherchen von Jürgen Mann ist dieses Ergebnis in Südwestdeutschland einmalig.

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Ein wahrer Champion in der Luft.

Quelle: Privatfoto

Kirchhain. Der Kirchhainer Jürgen Mann übt sein Hobby gemeinsam mit seinem in Himmelsberg lebenden Bruder Horst (Foto im Text) und dessen Tochter Janine aus. Schon im Kindesalter besaßen die aus Betziesdorf stammenden Brüder Tauben - der Patenonkel von Horst Mann brachte die Jungs auf den Geschmack. Nach einer langen Pause folgte das Comeback vor vier Jahren - mit durchschlagendem Erfolg.

Dabei setzte die Brüder von beginn an auf Arbeitsteilung. „Mein Bruder führt die Tauben“, erzählt Jürgen Mann im Gespräch mit der OP. Wobei „führen“ in der Fachsprache für Füttern, pflegen und trainieren steht. Jürgen Mann, der in seiner Jugend ein guter Fußballer war, kann dies wegen eines schweren Rücklenleidens nicht mehr tun. Er kümmere sich um Organisatorisches, habe die ersten Tauben gekauft und manage die Anpaarung. „Dabei habe ich offenbar ein glückliches Händchen gehabt“, sagt er unter Hinweis auf die Saison 2013.

Mit kleinem Bestand gelingen große Erfolge

Wichtiger als die sieben Titel, die die Schlaggemeinschaft auf Ebene der Reisevereinigung Schweinsberg gewannen, als der Gewinn der goldenen Sportuhr, von Bronze- und Silbermedaille des Verbandes ist Jürgen Mann die Tatsache, dass mit wenigen eingesetzten männlichen Tauben bei 13 Wertungsflügen 60 Preise gewonnen wurden.

Brieftauben gelten gemeinhin als die Rennpferde des kleinen Mannes. Doch die Unterschiede sind gewichtig. An Renntagen treffen sich die Eigentümer der Vollblutpferde, deren Wert sich mitunter nur in Millionen messen lässt, in ihrer Lounge zum Smalltalk bei Champagner, Austern und Kaviar. Die Brieftaubenzüchter kommen zum Schnack an den „Einsatzstellen“ zusammen, die auch als Bushaltestellen für Brieftauben bezeichnet werden könnten. Die Wartezeit bis zu Eintreffen des Spezialtransporters vertreiben sich die Züchter bei Bier und Bratwurst, für die Jürgen Mann sorgt. Ich kann beim Umladen der schweren Transportboxen nicht helfen und kümmere mich deshalb um die Verpflegung“, berichtet Jürgen Mann von einer Geselligkeit der ganz anderen Art.

Und auch bei den tierischen Sportlern gibt es erhebliche Unterschiede. Tauben sind ungleich schneller und ausdauernder als Rennpferde. Dafür tragen diese großartige Namen wie Schiaparelli, Königsstuhl, Luciano oder All my Dreams. Die Dream-Pigeon im Schlag der Manns kann von einen derart klangvollen Namen nur träumen. Das bei 13 Starts mit 13 Preisen dekorierte Tier ist 06278-11-298. Das klingt eher nach einer Telefonnummer als nach einem kostbaren Tier - ist aber eine in Züchterkreisen übliche Bezeichnung für eine 2011 geschlüpfte Taube.

Die Nachrichtenagentur Reuters setzte Tauben ein

Im Zeitalter von E-Mails und Mobiltelefone mögen Brieftauben ein Anachronismus sein, aber sie hatten vor der Erfindung der drahtgebundenen Kommunikation eine Monopolstellung in Sachen schneller Nachrichtübermittlung. So waren es Brieftauben, die am 18. Juni 1815 die Nachricht vom Sieg bei Waterloo übermittelten. Die Nachrichtenagentur Reuters setzte ebenso auf die gefiederten Angestellten wie die Militärs im 1. Weltkrieg. Und die Schweizer Gebirgstruppe stellte die tierischen Flieger erst in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts außer Dienst.

So blieb der Brieftaubensport, der sich Ende des 19. Jahrhundert in Deutschland vom Ruhrgebiet aus epidemieartig ausbreitete. Es gab eine Zeit, da gehörte ein in ausgeleierter Trainingsbuxe, Flanellhemd und Filzpantoffeln die Stiege zum Taubenschlag hoch schlurfender „Taubenvatta“ fast zum festen Bestandteil eines jeden im Kohlenpott spielenden Films. Das ist lange vorbei. In Hessen gibt es zwar noch rund 5700 Brieftaubenzüchter, aber die Alterstruktur lässt nichts Gutes für den Bestand dieses uralten Kulturgutes erahnen.

„Wir sind mit unseren 51 und 52 Jahren die jüngsten Mitglieder unserer Reisevereinigung, stellt Jürgen Mann besorgt fest. Der ausbleibende Nachwuchs lasse die Vereine, Reisevereinigungen und Regionalverbände schrumpfen, und das habe Auswirkungen auf den Flugbetrieb. Es werde bereits über die organisatorische Zusammenlegung von Regionen diskutiert. Auch eine Zentralisierung der Einsatzstellen sei im Gespräch, was für die Züchter Nachteile brächte. Noch könnten die Züchter aus Kirchhain und Umgebung ihre Tauben an den Flug-Wochenenden zur Einsatzstelle nach Großseelheim bringen. Möglicherweise fahre der Taubentransport-Lkw in der Region künftig nur noch Schweinsberg an, sagte Jürgen Mann.

Auch die wichtigste Veränderung 2014 hat laut Jürgen Mann etwas mit dem Kostendruck zu tun. Die Flugrichtung wird von Südwest auf Südost geändert. Das bedeutet: Die Brieftaubentransporter fahren aus unserer Region nicht mehr in Richtung Frankreich zum Auflassen der Tauben, sondern in Richtung Donautal. Das bringt nicht nur für die Schlaggemeinschaft Mann eine Zäsur, obwohl auf der Kompassrose nur 90 Grad den Südwesten vom Südosten trennen. „Die Erfahrung hat gezeigt, dass die auf Südwest eingeflogenen Tauben mit der Umstellung auf Südost große Probleme haben. Es gab immer erhebliche Verluste“, erklärt Jürgen Mann und räumt dabei mit der laienhaften Vorstellung auf, dass jede Brieftaube von jedem Startplatz immer zu ihrem Schlag zurückfindet.

Richtungswechsel beendet Sport-Karriere der Sieger

Womit wir beim sagenumwobenen Orientierungsvermögen der Brieftauben wären. Das Geheimnis sei noch immer nicht entschlüsselt. Vermutlich orientierten sich die Brieftauben am Stand der Sonne, am Magnetfeld und an markanten Landmarken. Es sei bekannt, dass von der direkten Route abgekommene Brieftauben auch schon mal 100 Kilometer weit zu ihrem letztem Orientierungspunkt zurück flögen, um von dort aus neu zu orientieren, erläutert der Züchter.

Was bedeutet nun die Umorientierung auf Südost für 06278-11-298 und seine erfolgreichen Mitstreiter? „Die gehen jetzt in die Zucht und werden nicht mehr im Sport eingesetzt“, stellt Jürgen Mann fest und kündigt einen Neuaufbau an. Dieser kann auf Sicht nur gelingen - bei diesen Vatertieren.

von Matthias Mayer

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