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Der Großvater: ein Name in Zeile vier

Volkstrauertag Der Großvater: ein Name in Zeile vier

„Nicht, daß sie tot sind, all die Kameraden, ist der Schmerz, sondern, daß man sie vergessen wird. Trotz aller Monumente.“

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Der Posaunenchor spielte zur Kranzniederlegung am Rauschenberger Ehrenmal auf. Angeführt von Ehrenformationen der Kyffhäuser-Kameradschaft und der Feuerwehr stiegen mehr als 100 Bürger zum Ehrenmal hinauf (kleines Foto). Fotos: Matthias Mayer

Rauschenberg. So endet der Roman „Aus großer Zeit“, in dem der Schriftsteller Walter Kempowski das Leben und Versagen des deutschen Bürgertums während der Kaiserzeit und die Schrecken des 1. Weltkriegs beschreibt. Sein Verlag versuchte, ihm diesen Schluss auszureden, und ein Kritiker nannte ihn „unsäglich.“ Und Applaus gab’s von der falschen Seite. Ein nächtlicher Anrufer aus Kanada, offenbar ein „Nationaler“, las dem Dichter die Schlusssequenz mit alkoholschwerer Zunge vor und endete mit: „Grüßen Sie mir mein Deutschland.“

Nichts lag Kempowski ferner, als die gefallenen Soldaten, die dem Denken einer alles anderen als großen Zeit zum Opfer fielen, zu Helden zu glorifizieren. Im Gegenteil: Sein ganzes Werk widmete er nur einem Thema: Der Vergeblichkeit menschlichen Leidens in Folge staatlicher Gewaltherrschaft: Verdun, Auschwitz, Vietnam, Kambodscha, Scrbrenica, Tripolis, Hombs und Damaskus sowie heute Gaza - die Menschheit lernt nicht dazu. Ein ganzes Schriftsteller-Leben als ein einziger Volkstrauertag.

Auch in Rauschenberg erinnert ein Monument an die Weltkriegstoten. Rund 150 Namen von gefallenen und vermissten Soldaten sowie von Menschen, die durch Kriegseinwirkung ums Leben kamen, stehen auf dem Ehrenmal. Die Steintafel weisen Karl Bromm 1914 als ersten ­Weltkriegstoten Rauschenbergs auf, Paul Schulz wird 1945 als letzter gefallener Soldat aus Rauschenberg genannt. Schon vor dem offiziellen Gedenkakt sucht ­eine Rauschenbergerin auf dem Ehrenmal den Namen ihres Großvaters. Sie findet ihn in der vierten Zeile der dritten Spalte. ­Seine Enkeltochter durfte der Soldat nicht mehr kennenlernen: er musste zu früh sterben.

„120 Millionen Menschen verloren in beiden Weltkriegen ihr Leben, viele andere ihre Gesundheit. Hinter all diesen Zahlen stehen Menschen und Schicksale“, sagt Bürgermeister Manfred Barth vor mehr als 100 Bürgerinnen und Bürgern. Pfarrerin Kathrin Wittich bittet für die Gemeinde um den Mut, ihr Leben an der Barmherzigkeit Jesu Christi auszurichten. Dann senken sich die Standarten der Kyffhäuser-Kameradschaft und der Freiwilligen Feuerwehr zur Kranzniederlegung und der Posaunenchor spielt das Lied vom gefallenen Kameraden.

Mit dem letzten Ton ist der Volkstrauertag in Rauschenberg Geschichte. Die Menschen gehen still auseinander, streben bergab der Stadt zu. Die Namen der Weltkriegstoten auf dem Ehrenmal bleiben allein auf dem Schlossberg zurück. Aber sie sind nicht ganz vergessen - zumindest nicht für diesen einen Tag.

von Matthias Mayer

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