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Der Bürger- und Bademeister

Doppelfunktion in Rauschenberg Der Bürger- und Bademeister

Dass der Bürgermeister mal so richtig baden geht, ist der Traum einer jeden Oppositionspartei. Dass der Bürgermeister als Bademeister baden lässt, gibt‘s wahrscheinlich nur in Rauschenberg.

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Manfred Barth wurde gestern zum Saisonausklang im Rauschenberger Freibad sowohl als Bürgermeister als auch als Bademeister
gebraucht. Foto: Matthias Mayer

Rauschenberg. Gestern Vormittag im Rauschenberger Freibad: Die Septembersonne steht zwar noch nicht hoch am Firmament, hat die Luft aber schon auf 28 Grad aufgewärmt. Kein Wölkchen trübt das Himmelsblau. Im Becken ziehen die Frühschwimmer gemächlich ihre Bahnen, halten dabei ein Schwätzchen. Man kennt sich. Und man/frau kennt selbstverständlich auch den in strahlendes Weiß gekleideten Bademeister: Es ist Bürgermeister Manfred Barth (parteilos), der die Badenden im Auge behält.

Der Politiker besitzt die für dieses Amt erforderliche Befähigung: Den DLRG-Rettungsschein in Silber. Und wenn Not am Mann ist, hilft er als Badeaufsicht aus. Und es ist Not am Mann, einer der beiden Rauschenberger Bademeister fällt nach einer Verletzung aus. Der Bürgermeister übernimmt die letzten beiden Sonntagsschichten der Saison.

Bürgersprechstundeam Beckenrand

Gestern früh tut er dies gleich in doppelter Funktion. Am Beckenrand klagt eine Schwimmerin, dass die gerade erneuerte Straße Blaue Pfütze bereits wieder schadhaft ist. Schon hat der Bürgermeister für heute früh einen ersten Ortstermin. Gleichzeitig ist er als Bademeister gefragt. Ein Schwimmer spult 1000 Meter für das Sportabzeichen ab, Barth protokolliert die geschwommenen Bahnen und nimmt die Zeit. „Noch drei Bahnen, jetzt ein bisschen Gas geben“, coacht er den Schwimmer, der auf seinen ersten Bahnen in die allgemeine Plauderrunde einbezogen und deshalb etwas eingebremst worden war.

Die Sorgen Manfred Barths, dass der Mann seine Sollzeit nicht schaffen könnte, erweisen sich nach einem Zwischenspurt als unbegründet. 25 Minuten und 26 Sekunden. Klar geschafft. Der Schwimmer holt sein Protokoll ab und verabschiedet sich mit einem Dankeschön.

Unterdessen gleitet eine junge Frau auf der Schattenseite des Beckens ins Wasser. „Huch, ist das Wasser frisch“, prustet es aus ihr heraus. „17 Grad“, ruft der Bademeister lachend zu ihr rüber. „Dann hätte ich mich anders beschwert“, kontert die Schwimmerin. Tatsächlich ist das Wasser 23 Grad warm. Und das während der ganzen Saison. „Diese Wohlfühl-Temperatur haben die Stadtverordneten beschlossen“, erklärt der Bürger- und Bademeister. Im Zusammenspiel mit der wunderschön gelegenen und topgepflegten Anlage mag die Wassertemperatur mit ein Grund dafür sein, dass selbst Bürger aus Städten mit eigenen Freibädern wie Stadtallendorf, Kirchhain und Marburg zu den Stammgästen des Rauschenberger Bades zählen. Manfred Barth sieht einen weiteren wichtigen Grund im ständigen Frischwasserdurchfluss des Bades. Da das Wasser ständig ausgetauscht wird, kommt das Bad mit einem minimalen Chlor-Einsatz aus. Selbst empfindliche Naturen können hier schwimmen, ohne Reizungen von Augen und Schleimhäuten zu riskieren.

„Das können wir uns nur leisten, weil das Wasser aus unserer alten stadteigenen Wasserversorgung kommt und uns nichts kostet“, sagt Manfred Barth als Bürgermeister. Und als Bürgermeister und Kämmerer erklärt er auch, warum das Bad gestern um 18 Uhr für dieses Jahr geschlossen wurde. „Nachts haben wir inzwischen einstellige Temperaturen. Das Wasser morgens aufzuheizen kostet uns täglich 200 bis 300 Liter Gas. Das können wir uns trotz der Solaranlage, die tagsüber das Wasser aufheizt, nicht länger leisten“, stellt der Kämmerer fest.

Zumal der Andrang trotz des perfekten Wetters deutlich nachlässt. Der Bademeister erwartet zum Saisonschluss einen entspannten Arbeitstag mit 80 bis 90 Besuchern. „An heißen Tagen in den Sommerferien ist das ganz anders. Da haben wir 500 bis 600 Badegäste und das ganze Becken ist voll. Da gucken Sie sich förmlich die Augen aus dem Kopf: Taucht der, oder hat der ein Problem?“, schildert er einen Stresstag.

Diese gab es in dieser Saison wegen der zumeist verregneten Sommerferien nur selten. So erwartete der Bürgermeister gestern noch mit leichtem Unbehagen einen Jubiläumsgast: den 10000. Freibad-Besucher des Jahres. „Das ist eine schlechte Zahl. In guten Jahren haben wir 20000 Badegäste“, stellt der Bürgermeister bekümmert fest.

Um den Bestand des Bades sorgt sich der Bade- und Bürgermeister nicht. „Wir arbeiten mit minimalen Personalaufwand. Die beiden einzigen Hauptamtlichen sind Horst Nau und Armin Köhler aus dem Bauhof-Team, die sich in hohem Maße mit ,ihrem Bad‘ identifizieren, und denen wir auch den guten Pflegezustand zu verdanken haben“, sagt Barth, der auch die Rentnerinnen und Rentner, die für wenig Geld den Kassendienst versehen, nicht missen möchte. Auch sie verliehen dem Bad einen persönlichen Charakter. So bekommen Eltern, die ihr Kind abholen wollten, schon mal den Hinweis, dass ihr Sohn schon vor fünf Minuten gegangen sei, sagt Barth, warum er sich keine Kassenautomaten wünscht.

Inzwischen bewegen sich die ersten Frühschwimmer zum Ausgang. Dort ist eine lange Tafel aufgebaut. Die Stadt bittet zum Frühstück, und ein dutzend Badegäste stößt mit Sekt auf die Saison an. Das ist Tradition in Rauschenberg - auch zur Saisoneröffnung.

Illegale Tradition:nächtliches Baden

Tradition, ja fast schon Bürgerrecht, ist das sicherlich verbotene nächtliche Baden im Freibad. Der Bürgermeister wollte dies auf Beschwerde eines Anliegers mit Stacheldraht unterbinden, musste sich aber aus berufenem Munde erklären lassen, dass man dieser Tradition, die fester Bestandteil des Heidelbeertanzes ist, nicht so rüde beenden könne. So ranken sich Anekdötchen um die nächtlichen Ausflüge ins Freibad. Ein Junge aus der Nachbarschaft ließ bei dieser Gelegenheit seine Geldbörse samt Ausweis im Bad liegen. Sein Vater hat sich fortan nicht mehr für das nächtliche Baden beschwert. Und einer Reinigungskraft kam morgens ein splitternackter Mann entgegen, der seine Kleider unter dem Arm trug. Er drückte der verdutzten Frau fünf Mark in die Hand mit den Worten: „Es soll nicht umsonst gewesen sein.“

von Matthias Mayer

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