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Das lange Schweigen des Zeugen B.

Aus dem Gericht Das lange Schweigen des Zeugen B.

Eine 47-jährige Mutter stand gestern vor dem Kirchhainer Amtsgericht, weil sie ihren minderjährigen Kindern einen pornografischen Videoclip gezeigt haben soll. Das Verfahren endete mit einem Freispruch.

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Für Nutzer moderner Handys sind pornografische Dateien aus dem Internet nur wenige Klicks entfern. Diese dürfen Jugendlichen unter 18 Jahren nicht zugänglich gemacht werden. Archivfoto

Kirchhain. Es war eine hochemotionale Geschichte, die sich vor dem unter Vorsitz von Richter Joachim Filmer tagenden Gericht ausbreitete. Hauptdarsteller: Eine zutiefst unglückliche Angeklagte, die verzweifelt ihre Unschuld beteuert und ein nicht weniger unglücklich wirkender Belastungszeuge, über den Joachim Filmer später sagen wird: „Sie waren einer der schwierigsten Zeugen, den ich je hatte.

Der 31-jährige Umschüler, nennen wir ihn einfach B., hatte im Herbst 2011 das ganze Verfahren mit einer anonymenen Anzeige beim Gießener Jugendamt ins Rollen gebracht. Seine Schilderung: Seine Bekannte zeigt erst ihm den Pornoclip auf ihrem Handy, lässt dann ihren minderjährigen Sohn und auch ihre zur Tatzeit sechs oder sieben Jahre alte Tochter auf das Display schauen, woraufhin die Tochter erschrocken zurückweicht. Sein Einwand, dass das Video nichts für das Kind sei, soll die Frau mit den Worten „Ach was, das kennt die schon“ zurückgewiesen haben. Pech für den anonymen Anzeiger: Er kann identifiziert werden und muss als Zeuge aussagen.

Unterstützt durch ihren Rechtsanwalt weist die Angeklagte den Tatvorwurf entschieden zurück. Sie sehe keine Pornos und habe auch nicht entsprechende Dateien, die sie sich zudem wegen eines Augenleidens auch gar nicht auf einem kleinen Handy-Display hätte anschauen können. Und sie liefert dem Gericht auch gleich ein Motiv für die Verdächtigung mit: „Er wollte was von mir, aber ich habe ihm im Sommer 2011 einen Korb gegeben. Seitdem versucht er, mir einen reinzuwürgen“, sagt sie vor Gericht.

Welcher Art ihre Beziehung zu dem Mann war?, möchte das Gericht von der Angeklagten wissen. Die Antwort fällt etwas nebulös aus. Sie habe den Mann mal in einer Notsituation vier Wochen lang in ihrer Wohnung aufgenommen. Er sei auch sonst Gast der Familie gewesen. Als er begonnen habe, den Kindern einzureden, dass Schule und kleine Hilfen im Haushalt Sklaverei seien, habe sie ihn rausgeschmissen.

Blicke, Gesten, Schulterzucken

Und dann beginnt der seltsame Auftritt des Zeugen B. Drei Minuten Schweigen. „Ich“. Drei Minuten Schweigen, starrer Blick auf den vorsitzenden Richter, scheue Seitenblicke hinüber zur Angeklagten. „Ich habe Schwierigkeiten damit, herzlos zu sein“, sagt er und schweigt wieder für Minuten. Stimmhaftes Atmen, Gesten ins Nichts. Schweigen. Schweigen. Schweigen. Joachim Filmer versucht sich als Stichwortgeber für den Zeugen. Er habe einmal im Wohnzimmer der Familie übernachtet. Und an der Frau sei er nicht interessiert, sagt er, um dann wieder zu schweigen.

Aussagen zum Tatvorwurf? Schweigen, quälend langes Schweigen. Joachim Filmer ringt mit der Fassung: „So kommen wir nicht weiter. Außer Blicken und Schulterzucken kommt nichts von Ihnen“, konstatiert der Richter. Er spricht ins Leere und erntet Schweigen. Die Stille zerrt an den Nerven aller Beteiligten. Der Zeuge unterbricht sie nur kurz mit dem Satz: „Ich bringe es nicht über das Herz, zu antworten.“ Danach schweigt er wieder, aufaddiert schon länger als eine viertel Stunde. Der Richter belehrt den Zeugen: „Wenn sie sich durch eine Aussage einer falschen Verdächtigung verdächtig machen sollten, haben sie ein Aussageverweigerungsrecht. Sonst müssen sie zum Tatvorwurf aussagen.“ Minutenlanges Schweigen.

Der Richter zieht seine schärfte Waffe: „Wenn sie weiter Schweigen, habe ich keine andere Möglichkeit, als gegen Sie Erzwingungshaft anzuordnen. Dann gehen Sie heute noch in Haft“, erklärt Filmer, der dem Zeugen noch drei mögliche Antwort-Alternativen vorgibt: „Ja, nein, ich mache von meinen Aussageverweigerungsrecht Gebrauch.“ Gefühlte drei Sekunden vor der Erzwingungshaft sagt der Zeuge „ja“ und meint damit: Der Anklagevorwurf ist so richtig. Und er wird urplötzlich gesprächig, beschreibt detailliert, wie der Sohn das Handy hielt, dass dieser auffällig spitze Ellbogen hat, wo die vier Personen im Raum standen und wie sich die Tochter streckte, um einen Blick zu erhaschen. Nur über den Ort des Geschehens im Ostkreis und über den Tatzeitpunkt (in dem Schreiben wird dieser auf dreieinhalb Jahre begrenzt!), Kann er keine Angaben machen.

Auf diesen Zeugen könne er unmöglich eine Verurteilung begründen, kündigt Filmer schon zum Abschluss der Beweisaufnahme einen Freispruch an, den auch Anklage und Verteidigung beantragen.

von Matthias Mayer

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