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Ostkreis "Das ist eine wundervolle Nachricht"
Landkreis Ostkreis "Das ist eine wundervolle Nachricht"
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00:15 15.12.2013
Das Foto zeigt Eva Pusztai mit ihrem inzwischen verstorbenen Lebensgefährten Andor Frankl in der Gedenkstätte Münchmühle. Foto: Fritz Brinkmann-Frisch
Stadtallendorf

Die Entscheidung fiel so, wie sie eigentlich angesichts einer solchen Ehrung üblich ist: ohne Aussprache und Gegenstimmen. Am Donnerstagabend ernannte das Stadtallendorfer Stadtparlament Eva Pusztai, Überlebende der Shoa, des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau und des Arbeitslagers Münchmühle, zur Ehrenbürgerin.

Zuvor hatte Bürgermeister Christian Somogyi, der diese Ehrung angeregt hat, noch einmal an die besonderen Verdienste Pusztais für die Erinnerung an die Schreckensereignisse und die Versöhnung erinnert.

„Das ist eine wundervolle Nachricht, dies ist eine sehr, sehr große Freude für mich“, sagte Pusztai, als die OP sie gestern telefonisch in ihrer Wohnung in Ungarns Hauptstadt Budapest erreichte, zu dieser Ehrung. Bürgermeister Somogyi hatte sie bereits informiert. Dass sie sich längst als Stadtallendorferin fühlt, hat Eva Pusztai bei ihren Besuchen in der Stadt und darüber hinaus immer wieder betont. Auch gestern legte sie im Gespräch mit der OP großen Wert darauf. Sie sei nach Allendorf gekommen, als dort nur 1050 Menschen lebten. Das war im August 1944, als die Jüdin zusammen mit rund 1000 anderen Frauen aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau kam. Wenn sie an Allendorf denke, denke sie immer noch zuerst an die Münchmühle, doch dann sogleich an die Stadt in der Gegenwart, sagt sie. Markant ist ein Satz, mit dem Eva Pusztai ihre Verlegung aus dem Vernichtungslager in Polen nach Allendorf charaktisierte: „Nach Auschwitz war die Münchmühle für mich wie Urlaub.“ Sie musste wie die anderen Zwangsarbeiter und jüdischen Gefangenen im Sprengstoffwerk der DAG Schwerstarbeit jenseits körperlicher Belastungsgrenzen verrichten. Sie verpackte 50 Kilogramm schwere Granaten in Kisten, ohne große Pausen, Tag für Tag, der Sprengstoff hatte auch ihre Haut zitronengelb gefärbt.

Das alles hat sie auch schon hunderten Schülern in Stadtallendorf, dem Kreis und in anderen Orten der Bundesrepublik nahegebracht. Das will sie auch weiterhin tun. „Solange ich es körperlich kann, mache ich das“, sagt sie. Bei ihrem nächsten Besuch in Stadtallendorf, vom 1. bis zum 15. Mai, sind wieder solche Schulbesuche geplant. Dann bekommt sie auch die Ehrenbürgerwürde verliehen.

Ihre Erfahrung im Umgang mit den Schülern 70 Jahre nach den Ereignissen sind sehr positiv. Sie seien sehr neugierig, interessiert und wissbegierig. „Anders, als ich das in Ungarn erlebe, wo ich eher höre, dass wir die Vergangenheit nach 70 Jahren vergessen sollten“, bedauert sie. Der wachsende Rechtsextremismus in ihrem Heimatland verletzt und besorgt sie. „Es ist das Gegenteil von Erinnern und Versöhnen, was in Ungarn passiert“, formuliert sie es deutlich. Viele gute Worte findet sie immer wieder für die Erinnerungsleistungen und die Toleranz der Menschen in Stadtallendorf, die sie kennengelernt hat. „In meinem Stadtallendorf gibt es so viele Werte, die wir Menschen schätzen müssen“, sagt sie. Ihr erster Besuch in Stadtallendorf, bei der Begegnungswoche, war für sie ein Umbruch. Einst hatte sie sich angesichts der Erlebnisse im Vernichtungslager und dem Werk Allendorf der DAG geschworen, nie wieder ein Wort Deutsch zu sprechen. Sie hat jedoch ein anderes Deutschland und ein anderes Stadtallendorf kennen- und schätzen gelernt.

Eva Pusztai weiß, dass die Ehrenbürgerwürde in Stadtallendorf bisher erst dreimal verliehen wurde: an den früheren hessischen Innenminister Heinrich Schneider, an Heinz Lang als ersten Bürgermeister der Stadt Allendorf und jüngst an Manfred Vollmer nach 30 Jahren im Bürgermeisteramt. „Ich bin als Frau also in ausgezeichneter Gesellschaft“, freut sich die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes im Wissen um die Bedeutung der Stadtallendorfer Ehrenbürgerwürde.

Zur Person:

  • Eva Fahidi, so ihr Mädchenname, wurde im Oktober 1926 im ostungarischen Debrecen geboren.
  • Sie machte ihr Abitur in einer Klosterschule, mit 18 Jahren wurden sie und ihre Familie zwangsdeportiert nach Auschwitz-Birkenau. Am 1. Juli 1944 wurde sie durch KZ-Arzt Josef Mengele von ihrer Familie getrennt. Im März 1945 wurden die Insassen der Münchmühle befreit. Pusztai galt im kommunistischen Ungarn als „deklassiertes Element“ und musste als Hilfsarbeiterin schuften. Eva Pusztai bekam 2012 das Bundesverdienstkreuz.

von Michael Rinde