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Ostkreis Claus Kleinschmidt hofft auf Spender-Niere
Landkreis Ostkreis Claus Kleinschmidt hofft auf Spender-Niere
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00:15 05.06.2018
Monika Bäcker und Dieter Oberländer vom Marburger Förderverein Organspende machen mit einem übergroßen Organspendeausweis auf das Thema aufmerksam. Quelle: Simone Schwalm
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Amöneburg

Als transplanta­tionsfähig wurde der Körper des 61-Jährigen eingestuft, warten muss er trotzdem. Wie lange, ist unklar. So lange er noch keine neue Niere hat, muss er weiter zur Hämodialyse, zur Blutwäsche. Dreimal pro Woche verbringt er fünf Stunden im Dialysezentrum in Kirchhain.

Häufig muss er sich danach ausruhen, weil das belastend für den Körper ist, und es fällt ihm nicht immer leicht, etwa auf frisches Obst zu verzichten und nur einen halben Liter pro Tag zu trinken. Dennoch ist Kleinschmidt zufrieden mit seinem aktuellen Zustand und dass es die Möglichkeit der Dialyse gibt. Vor rund zwei Jahren sah das ganz anders aus, da fühlte er sich „wie ein Freigänger im Knast“. Täglich war er zwischen acht und zwölf Stunden an der Dialyse angeschlossen. Anfangs hatte es genügt, wenn er sich zu Hause im Abstand von sechs Stunden für jeweils 20 Minuten die Dialyse­lösung auf Glukose-Basis entweder in die Bauchhöhle einleitete oder wieder abließ.

Zustand verschlechterte sich

Damals konnte Kleinschmidt die Dialyse – die Bauchfelldialyse – noch zu Hause machen. Nachdem Ärzte bereits 2007 eine Nierenschwäche bei ihm festgestellt hatten und diese zunächst medikamentös behandelt werden konnte, verschlechterte sich sein Zustand zum Jahresende 2014 massiv. Nach mehreren Wochen im Krankenhaus bekam er einen Dialysekatheter in den Bauchraum eingesetzt.

Doch 2016 kam der nächste Rückschlag: Kleinschmidt fiel vor fast genau zwei Jahren nach einer Eiseninfusion, die für Dialysepatienten notwendig sein kann, ins Koma. Er musste reanimiert werden und wachte nach vier Wochen aus dem ­Koma wieder auf – und musste alles neu lernen.

Nach vierwöchigem Koma ins Leben zurückgekämpft

Er konnte weder laufen noch sprechen, seine Hände waren deformiert. „Ich habe mich zurückgekämpft mithilfe meiner Familie“, sagt Kleinschmidt. Seine Frau und seine zwei Töchter sind es auch, die ihm geholfen haben, mit seinen Einschränkungen zurecht zu kommen und die Erkrankung zu akzeptieren. Sie waren ebenso für ihn da, als er aufgrund seiner Erkrankung mitten aus dem Berufsleben gerissen wurde. Und seine Töchter hätten ihm eine Niere gespendet, aber das lehnte er ab, aus Sorge um ihre Zukunft.

Das Thema Organspende kam mit seiner Erkrankung „automatisch im familiären und Bekannten-Kreis auf“, sagt Kleinschmidt, und er selbst hat eine ganz klare Meinung dazu. So ist er überzeugt, dass die meisten Menschen in Deutschland dazu bereit seien, Organe nach ihrem Tod zu spenden. Diese Ansicht teilen Dieter Oberländer und Monika Bäcker, die in den 1980er-Jahren Nieren transplantiert bekommen haben. Der Goßfeldener ist Vorsitzender des Fördervereins Organspende – Hilfsgemeinschaft für Transplantierte und Dialysepatienten Marburg, die Wetteranerin seine Stellvertreterin.

Organspendeausweis ist Voraussetzung

Tatsächlich haben erste Ergebnisse einer bundesweiten Repräsentativbefragung der Bundeszentrale für gesundheit­liche Aufklärung (BzgA) ergeben, dass die positive Einstellung zum Thema Organ- und Gewebespende in Deutschland derzeit mit 84 Prozent so hoch wie nie zuvor sei. „Doch es ist wichtig, dass die Menschen eine Entscheidung für sich treffen – auch für die Angehörigen. Dazu gehört eben, dass man einen Organspendeausweis besitzen und ausfüllen sollte“, sagt Bäcker. Laut BzgA besitzen 36 Prozent einen solchen Ausweis.

Probleme mit Meldesystem in Kliniken

Einfacher wäre es Oberländer zufolge, wenn verstorbenen Menschen generell Organe zur Spende entnommen werden dürften – und wer das nicht möchte, Widerspruch einlegen müsste. Debatten um die Widerspruchslösung werden bereits auf politischer Ebene geführt, für Kleinschmidt dennoch zu wenig thematisiert. Ein weiteres Problem sehen Oberländer und Kleinschmidt darin, dass das Meldesystem möglicher Organspenden in vielen Kliniken noch nicht lückenlos laufe.

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) sieht es als zentral zur Verbesserung der allgemeinen Situation in Deutschland an, dass der Wille zur Organspende im Zuge von Behandlungsstrategien am Lebensende konsequent berücksichtigt werde. Professorin Stefanie Weber und Professor Joachim Hoyer vom Marburger Universitätsklinikum (siehe Kasten) heben darüber hinaus die ärztliche Verantwortung hervor, Patienten transplantabel zu halten. „Das ist angesichts der schweren Krankheitsverläufe eine große Aufgabe.“

Zum Stammtisch trifft sich der Förderverein­ Organspende jeden zweiten Donnerstag im Monat. Kontakt unter 0 64 23 / 96 39 90.

Transplantation am Uni-Klinikum

Am Marburger UKGM werden Nierentransplantationen, sowohl über das europaweite Organspende-Programm „Eurotransplant“ als auch durch Lebendspenden, durchgeführt. Die Klinik für Nephrologie unter Leitung von Professor Joachim Hoyer gehört mit mehr als 1 120 Nieren-Transplantationen zu den erfahrensten Zentren deutschlandweit. Die Klinik für Kindernephrologie unter Leitung von Professorin Stefanie Weber ist alleiniges Zentrum für Nierentransplantationen für Kinder und Jugendliche in Hessen. Im vergangenen Jahr wurden 35 Nierentransplantationen vorgenommen, vier davon bei Kindern. Kinder und Jugendliche warten durchschnittlich zwei Jahre auf ein passendes Organ, bei Erwachsenen kann es bis zu sieben Jahren dauern. Nieren haben die längste Warteliste.

von Simone Schwalm

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