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"Bürgerhilfe" steht in den Startlöchern

Ehrenamt "Bürgerhilfe" steht in den Startlöchern

Sie klingt wie ein Wunschtraum, doch schon bald wird sie Realität: die Amöneburger Bürgerhilfe. Bald beenden 16 Frauen und 3 Männer die erste Qualifizierung zu „Helfern in der Häuslichkeit“.

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Hildegard Kräling (Mitte) und 18 weitere Freiwillige lassen sich zu Bürgerhelfern weiterbilden, die „niederschwellige Aufgaben“ für ihre Mitmenschen erledigen.Foto: Christine Stapf

Mardorf. Oft sind es die kleinen Dinge, die Senioren oder Kranken das Leben in den eigenen vier Wänden auf die Dauer unmöglich machen. Ein bisschen Hilfe beim Aufstehen, bei Einkäufen, beim Kochen oder bei Behördengängen - und schon ist der Umzug ins Heim nicht mehr vonnöten, oder lässt sich zumindest hinauszögern. Ziel ist es, dass Menschen möglichst lange in ihrer Heimat und dem gewohnten Umfeld bleiben können.

Das ist die Grundthese einiger Mitglieder des Mardorfer Bürgervereins, die eine „Bürgerhilfe“ auf die Beine stellen wollen - und sich auf dem besten Wege befinden. Derzeit lassen sich 19 Freiwillige im Alter von 40 bis 72 Jahren zu „Helfern in der Häuslichkeit“ ausbilden. Ein Praktikum im Seniorenheim sowie 62 Stunden umfasst die Qualifizierung, in der zum Beispiel Erste Hilfe, Ernährungs- und Hauswirtschaftslehre oder Betreuungsrecht auf dem Plan stehen. Ein Schwerpunkt liegt auf Informationen zur Demenz. „Was ist das für eine Krankheit, was passiert im Hirn, wie reagieren die Menschen?“ sind Fragen, denen sich die zukünftigen Bürgerhelfer widmen, erklärt Peter Fischer und betont: „Wir lernen, wie man sich auf Demenzkranke einstellt und wie man mit ihnen umgeht.“

In diesem Zusammenhang ist Hildegard Kräling besonders froh, dass auch drei Männer an der Qualifizierung teilnehmen: „In sozialen Bereichen sind Männer eher die Ausnahme. Für uns ist es toll, dass wir auch männliche Helfer haben, da wir auch männliche Demenzkranke begleiten wollen. Und für die ist es oftmals beispielsweise wichtig, mit anderen Männern Karten zu spielen.“

„Wer einen Pflegefall zuhause hat, braucht auch mal Zeit für sich“, sagt Fischer und hebt hervor, dass die Bürgerhilfe eben jene Menschen entlasten möchte: „Die Bevölkerung altert, der Bedarf wird wachsen.“ Bürger müssten sich nur trauen, um Hilfe zu bitten. Als Ersatz für Pflegedienste ist das Amöneburger Projekt dabei nicht gedacht, sondern als Ergänzung. „Aber natürlich ist die Ausbildung fachlich unterlegt. So können sich die Menschen sicher sein, dass keine Laien am Werk sind“, kommentiert Kräling.

Das Hessische Sozialministerium hat die Bürgerhilfe als Pilotprojekt anerkannt. Der Bürgerverein plant, eine Koordinationskraft einzustellen, die unter anderem die Helfer weiter qualifiziert - allerdings wartet der Mardorfer Verein noch auf den Bewilligungsbescheid aus Wiesbaden.

Ende November geht die erste Welle der Helfer-Qualifizierung zu Ende. Anfang Dezember soll dann das Bürgerbüro im Mardorfer Schwesternhaus - der „Keimzelle“ für die in der Großgemeinde tätigen Bürgerhilfe - eröffnen und Anlaufstelle für Hilfesuchende sein. „Es haben sich schon einige Bürger gemeldet, die quasi auf den Start warten“, freut sich Fischer. Gleichzeitig sei es wichtig, dass Menschen auch Anregungen und Verbesserungsvorschläge an den Bürgerverein herantragen: „Wir sind schließlich ein lernendes Projekt. Die Leute müssen uns sagen, was sie wollen und brauchen“, fügt Kräling an.

Geplant ist, das Leistungsangebot in kostenfreie „Hilfs- und Betreuungsangebote“ und „verlässliche Dienstleistungen“ zu unterteilen. Die „individuellen Hilfen“ umfassen zum Beispiel die Begleitung auf Spaziergängen oder auf Fahrten, das Spielen, das Vorlesen, die Hilfestellung beim Ausfüllen von Anträgen oder das gemeinsame Gedächtnistraining. Zu den „verlässlichen Dienstleistungen“ gehört zum Beispiel die stundenweise Entlastung von pflegenden Angehörigen, die Hilfe beim Aufstehen oder Zubettgehen, das Kochen von Mahlzeiten oder die Unterstützung im Haushalt.

Die „individuellen Hilfen“ will der Verein anbieten, „wenn Zeit ist“. Die „verlässlichen Dienstleistungen“ sind Aufgaben, die die Bürgerhilfe verbindlich erfüllen wird.

19 Helfer bilden bald den ersten „Pool“ von Menschen, die ihren Mitbürgern helfen wollen - für ihr Engagement gibt es eine finanzielle „Aufwandsentschädigung“. Je nach Interesse plant der Verein einen weiteren Qualifizierungskurs, doch überstürzen will er nichts. „Zu unserem Mittagstisch kamen am Anfang auch nur 3 oder 4 Senioren, inzwischen sind es bis zu 30“, sagt Fischer und ergänzt: „Die Leute werden uns nicht gleich überfallen - aber das Projekt wird sich rumsprechen. Wir haben ein zartes Pflänzchen gepflanzt - und das wird wachsen.“

von Florian Lerchbacher

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Von Redakteur Florian Lerchbacher

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