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Bleifüße und strahlende Gesichter

Fahrtraining für Blinde Bleifüße und strahlende Gesichter

Einmal am Steuer eines Autos sitzen, einmal richtig Gas geben. Diesen Wunsch erfüllten heimische Fahrlehrer blinden und hochgradig sehbehinderten Schülern der Blista.

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Einsätze nahe an der Realität

Jalea Warnkens erste Fahrstunde: Die vollblinde 18-Jährige war beim Aktionstag mit Fahrlehrer Maik Bode auf dem Kasernengelände in Stadtallendorf unterwegs. Von ihrer Fahrstunde war sie begeistert.

Quelle: Manfred Schubert

Stadtallendorf. „Oh, war das cool, ey!“ Julia Fester strahlt. Und die Fahrlehrer lächeln glücklich – so viel Freude und Dankbarkeit erleben sie nach einer ganz normalen Fahrstunde doch eher selten. 48 blinde und hochgradig sehbehinderte 17- bis 19-jährige Schüler der Deutschen Blindenstudienanstalt (Blista) Marburg bekamen in Stadtallendorf die Gelegenheit, einmal selbst ein Auto unter Aufsicht zu steuern.

Mit dabei waren 13 Fahrlehrer aus 8 heimischen Fahrschulen. Außerdem boten Mitglieder des Motorradclubs „Kuhle Wampe“ und der Interessengemeinschaft „Quadkinder.com“ Fahrten auf Quads und in Beiwagen an.

Zusätzlich hatte die Kreisverkehrswacht Marburg-Biedenkopf, die die Schirmherrschaft und Mitorganisation der Veranstaltung übernommen hatte, einen Überschlag- und einen Aufprallsimulator bereitgestellt. Diese Erlebnisse hinterließen tiefe Eindrücke und machten den jungen Menschen, die voraussichtlich nie selbst Führerscheine erwerben können, große Freude.

„Wann bekommt man schon die Chance, einfach Auto zu fahren? Dass die Fahrlehrer und Betreuer das freiwillig machen, ist so genial“, freut sich Julia Fester. „Ich bin das erste Mal selbst Auto gefahren, hatte gar keine Vorstellung davon. Das war unbeschreiblich, ich kann es gar nicht in Worte fassen“, sagt die vollblinde 19-Jährige.

Fahrlehrer läuft neben Motorrad her

Sogar ein paar Meter Motorrad habe sie fahren dürfen, im ersten Gang, der Besitzer sei nebenher gelaufen. Da es einen Beiwagen hatte, konnte es nicht umfallen.

„Bist du schon mal gefahren?“, fragt Fahrlehrer Maik Bode, nachdem er Jalea Warnken geholfen hat, die richtige Sitzposition für ihre „erste Fahrstunde“ einzustellen. „Nein, ich wollte immer und habe meiner Muter gesagt, sie kann ruhig Alkohol trinken, aber sie wollte nicht. Ich kann ja nicht mal geradeaus laufen“, scherzt die 18-Jährige.

Seit ihrem 14. Lebensjahr ist sie vollblind, zuvor hatte sie noch fünf Prozent Sehkraft. Mithilfe eines fühlbaren Punktschrift-Schemas der Gangschaltung stimmt Jalea Warnken sich ein. Zunächst lenkt sie bloß, alles Weitere übernimmt der Fahrlehrer Maik Bode.

"Kann ich auch mal ganz schnell fahren?"

Im ersten Gang geht es im Zickzack um Panzersperren herum zum Tor hinaus und auf die Straßen um die Kaserne herum. Dann soll Jalea Warnken auch schalten. „Die Kupplung immer bis zum Boden durchtreten“, erklärt Bode. „Das Gas auch durchtreten?“, fragt die 18-Jährige prompt. „Nein, eher vorsichtig, ebenso die Bremse“, entgegnet Bode. Die Anweisungen zum Lenken setzt die blinde Fahrschülerin sehr vorsichtig um. Der Fahrlehrer greift nur vorsichtig ein.

Nachdem die erste Bremsung zur Vollbremsung gerät, geht Jalea Warnken auch damit gefühlvoller um. „Kann ich auch mal ganz schnell fahren?“, fragt sie hoffnungsvoll. „Das Problem ist, dass ich auch nicht sehe, wer von vorne um die Kurve kommt“, sagt Bode.

Endlich wieder auf einer Geraden beschleunigt die blinde Fahrschülerin dann im dritten Gang auf 80 Stundenkilometer. „Ich möchte gleich die nächste Fahrstunde machen“, ist Jalea Warnken am Ende der Fahrt begeistert. „Es waren weniger bis genauso viele Lenkkorrekturen wie bei sehenden Fahrschülern zu Ausbildungsbeginn nötig“, resümiert Bode.

"Man bekommt ein ganz anderes Gefühl"

Auch Zamira Vargas würde solche Fahrstunden gern öfter erleben. „Man bekommt ein ganz anderes Gefühl, wenn man das selbst macht. Ich habe noch nie ein Auto angelassen. Ich konnte es mir nicht so recht vorstellen, wie das ist, es übertrifft meine Erwartungen“, sagt die von Geburt an vollblinde 18-Jährige nach ihrer Fahrt.

Der 17-jährige Devran Seldüz ist sehr enthusiastisch nach seiner Runde mit Fahrlehrer Johannes Völker. Mit seinen 20 Prozent Sehrest könne er noch schwimmen und sogar Rad fahren, aber das eingeschränkte Gesichtsfeld von fünf Grad erlaube es ihm nicht, Auto zu fahren. „Das ist mein größter Schmerz, ich bin autoverrückt, gehe auf Ausstellungen.“

"Es ist noch viel schöner, als ich es mir vorgestellt habe"

Auch für ihn war es der erste Fahrversuch. „Jetzt sitze ich hier drin, und es ist noch viel schöner, als ich es mir vorgestellt habe“, freut sich der junge Mann. Die Aussicht auf selbstfahrende Autos begeistere ihn nicht, man müsse schon selbst steuern können, damit es Spaß mache. „Ich hoffe, in Zukunft kann man meine Netzhauterkrankung stoppen und heilen, damit ich, vielleicht mit 30, meinen Führerschein machen und meinen Traum verwirklichen kann.“

Man habe schon im Vorjahr eine solche Aktion anbieten wollen, aber wegen des Blista-Jubiläums keinen Termin gefunden, erklärt Klaus Schnitzky, Vorsitzender der Kreisverkehrswacht Marburg-Biedenkopf. Die Blista hatte das „Autofahren für Blinde“ erstmals im Jahr 2013 organisiert. Besonders dankbar sei er für die Bereitschaft der Bundeswehr-Standortverwaltung, die Aktion auf dem Kasernengelände stattfinden zu lassen, betont Schnitzky.

von Manfred Schubert

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