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Ostkreis Betrunkener schlägt einfach mal zu
Landkreis Ostkreis Betrunkener schlägt einfach mal zu
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00:16 31.07.2018
Ein Neustädter ignorierte zwei betrunkene Männer – und kassierte dafür zunächst einen Schlag ins Gesicht und dann Tritte in den Bauch. Quelle: Symbolfoto: Nadine Weigel
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Kirchhain

Der 35-Jährige sitzt mit leerem Blick im Gerichtssaal. Er wirkt teilnahmslos, fast desinteressiert, als die Anklage gegen ihn verlesen wird. Es geht um einen Juli-Tag im vergangenen Jahr: Am Nachmittag gegen 15 Uhr ist der Angeklagte gemeinsam mit einem zweiten, bislang unbekannten Mann in der Niederkleiner Straße in Stadtallendorf unterwegs.

Der Angeklagte – das ergeben später Untersuchungen bei der Polizei – hat zu diesem Zeitpunkt 3,1 Promille Alkohol im Blut. Im Vollrausch sprechen er und sein Bekannter einen 23-jährigen Neustädter an. Der kommt gerade von der Arbeit, ist müde und hat keine große Lust, sich mit den Betrunkenen abzugeben. Er ignoriert sie. Daraufhin, so die Anklage, soll der Neustädter einen Schlag auf den Mund kassiert haben, sodass er zu Boden geht und seine Lippe aufplatzt. Danach habe er noch mehrere Tritte in den Bauch bekommen und sich dabei Prellungen zugezogen.

Zitat

„Auch nüchtern nicht unbedingt ein Sympathieträger.“
Richter Joachim Filmer

Der Angeklagte verzieht vor Gericht keine Miene, als er die Vorwürfe hört. Er will dazu auch nichts sagen. Also ruft Richter Joachim Filmer das Opfer herein. Der 23-Jährige erzählt davon, dass er an dem besagten Tag gerade Feierabend gemacht hatte und in der Niederkleiner Straße auf seine Kollegen wartete. Dann seien die beiden Männer gekommen. Der Angeklagte, da ist er sich sicher, sei derjenige gewesen, der ihn zuerst mit der flachen Hand auf den Mund geschlagen hätte. Danach habe er allerdings nichts mehr gemacht. Getreten, das betont der Neustädter, habe ausnahmslos der andere Mann.

Nach dem Opfer sagt auch noch ein Arbeitskollege aus, der dem 23-Jährigen zur Hilfe kam. Er bestätigt in großen Teilen das, was das Opfer gesagt hat. Für Oberamtsanwalt Peter Heinisch ist die Sache klar: Der Angeklagte hat dem Neustädter ins Gesicht geschlagen.

Zustand verminderter Schuldfähigkeit berücksichtigt

Allerdings: „Ein bewusstes gemeinschaftliches Vorgehen kann nicht nachgewiesen werden“, sagt er. Das ist ein entscheidender Punkt: Die Mindeststrafe für gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung sind sechs Monate Freiheitsstrafe. So jedoch handelt es sich um einen „klassischen Fall“ der Körperverletzung, der auch mit einer Geldstrafe geahndet werden kann.

Richter Joachim Filmer verurteilt den Mann schließlich zu 30 Tagessätzen à 40 Euro und berücksichtigt dabei noch den Zustand verminderter Schuldfähigkeit, den der 35-Jährige wegen des hohen Promillewerts hatte. Filmer findet allerdings klare Worte: „Es kann nicht sein, dass einer auf der Straße steht, nichts macht und dann von Ihnen einen Schlag ins Gesicht bekommt. Dann hören Sie auf zu saufen.“

Der Angeklagte nimmt das genauso regungslos auf wie die ganze Verhandlung. Nach dem Urteil steht der Mann dann einfach auf und geht. Als er den Saal verlassen und die Tür hinter sich geschlossen hat, fällt Richter Joachim Filmer noch ein weiteres Urteil über den Mann. Er sagt: „Auch nüchtern nicht unbedingt ein Sympathieträger.“

von Yanik Schick

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