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Ostkreis Es ist mehr als bloß Tütensuppe kochen
Landkreis Ostkreis Es ist mehr als bloß Tütensuppe kochen
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22:01 17.02.2019
Prüferin Annette Heuser (links) und Hauswirtschafterin Angelina Homberger sind auf der Suche nach Berufskollegen. Die Nachfrage explodiert derzeit. Quelle: Katja Peters
Kirchhain

Während ihrer Ausbildung zur Hauswirtschafterin hatte Angelina Homberger oft Aha-Erlebnisse. Ihre Ausbilderin Annette Heuser muss schmunzeln: „Das geht den Lehrlingen des öfteren so.“ Immer wieder muss sie feststellen, dass das Berufsbild ­Hauswirtschafterin mit sehr vielen Vorurteilen zu kämpfen hat. „Aber das bisschen Haushalt kann eben nicht jeder“, betont die Marburgerin. „Tütensuppe kochen und Kakao anrühren ist es nicht“, fügt sie noch hinzu.

Angelina Homberger sagt: „Ich habe mich in den Beruf verliebt. Er ist so vielseitig, man erlebt was und ich habe immer wieder mit neuen Menschen zu tun.“ Sie arbeitet in acht Privathaushalten und hilft einem Kunden auch beim Einkaufen. Ihre große Hilfe ist ein gutes Zeit­management. Das hat sie in ihrer Ausbildung gelernt. Denn während das Essen auf dem Herd kocht, räumt sie beispielsweise den Geschirrspüler aus.

Kochen, Waschen und Betreuung

Neben der sinnvollen Nahrungszubereitung übernimmt eine Hauswirtschafterin auch die Wäschepflege und sogar die Kinder- oder Seniorenbetreuung. Essen anreichen, Zeitung vorlesen, Hausaufgaben, spielen – die Liste ihrer Aufgaben ist lang. Hinzu kommt die Haushaltsbudgetplanung und auch ein Angebotsvergleich. Wenn gewünscht dekoriert die 25-
Jährige auch die Wohnung zu ­bestimmten Anlässen.

Annette Heuser verrät ­eine beliebte Prüfungsfrage, die oft nach der dreijährigen Ausbildung gestellt wird: „Gestalten Sie den dritten Geburtstag der Tochter inklusive kleiner Freundschaftsgeschenke für alle Gäste. Machen Sie Vor­schläge für das Abendessen der Familie.“

„Neben der Dekoration muss die Hauswirtschafterin jetzt Kuchen backen, Getränke besorgen, das Spieleangebot planen und den Tisch eindecken“, gibt Annette Heuser einen Überblick, was ihre Kollegen alles leisten. Sie prüft die Lehrlinge an den Beruflichen Schulen in Kirchhain und hatte gleich ein Auge für Angelina Homberger. Ihre Leidenschaft für den Beruf ist ihr sofort aufgefallen. Sie holte die Stadtallendorferin zu sich ins Unternehmen nach Gießen. „Und jetzt wollen alle Kunden sie am liebsten behalten“, muss die Prokuristin lachen.

Viele Senioren brauchen Hilfe im Haushalt

Allein über 400 Privathaushalte werden in Gießen von Heusers Unternehmen betreut. Weitere Einsatzgebiete einer Hauswirtschafterin sind Alten- und Pflegeheime. Dort werden sie vor allem in der Küche sowie in der Nachmittagsbetreuung und zum Dekorieren eingesetzt. Gleiches ist auch in Hotels möglich. Ein weiterer Einsatzbereich ist die Säuglingsbetreuung, beispielsweise wenn die Mutter sich krankheitsbedingt nicht voll um ihr Kind kümmern kann. „Dabei muss die Chemie zwischen der Familie und der Hauswirtschafterin natürlich stimmen. Denn die Erziehungsmethoden müssen hierbei ja auch berücksichtigt werden“, erklärt Annette Heuser.

Täglich muss sie fünf bis zehn Anfragen ablehnen, mangels Personal. „Die Nachfrage ist riesig. Wir haben eine alternde ­Gesellschaft, aber nicht alle sind pflegebedürftig und brauchen einen Pflegedienst. Viele brauchen einfach Hilfe im Haushalt, aber ich finde keine ausgebildeten Mitarbeiter“, zuckt die Prokuristin mit den Schultern. Klar habe sie auch angelernte Kräfte, aber gerade für die Haushaltsunterstützung bei Kranken und Pflegebedürftigen braucht sie Fachpersonal.

Früher durfte diese Arbeiten nur der Pflegedienst übernehmen, schafft es aber personell auch nicht mehr. Nun wurde das Gesetz geändert und die Arbeiten dürfen jetzt von zugelassenen Firmen über die Krankenkasse abgerechnet werden. „Ich kann mich gar nicht für diese Zulassung bewerben, weil ich gar keine Kapazitäten frei habe“, beschreibt Annette Heuser ein Dilemma, das auch andere Firmen betrifft.

Neben der dreijährigen schulischen Ausbildung mit Praktika können sich Interessierte auch an der Abendschule über den Deutschen Hausfrauen­bund umschulen lassen. Ein Hauptschul-, besser noch Realschulabschluss, ist generell Voraussetzung. „Und natürlich Geschick, Leidenschaft sowie das Interesse, mit Menschen zu
arbeiten“, ergänzt Annette ­Heuser.

Ab Sommer ist sogar duale Ausbildung möglich

Ab diesem Sommer ist sogar eine duale Ausbildung möglich. Und die Prüferin betont noch einmal: „Wir bilden keine Putzfrauen aus. ­Hauswirtschafterin ist ein Handwerk wie Maurer und Tischler auch. Und es ist ­sogar ein Meisterberuf.“

Angelina Homberger hat jedenfalls ihren Traumberuf gefunden und hat sehr viel gelernt, was sie auch in ihrem Haushalt umsetzt. „Die Lust, zu ­Hause sauber zu machen, ist mir nicht abhanden gekommen, nur weil ich jetzt auch in fremden Haushalten putze“, erklärt sie. „Im Gegenteil. Durch mein gutes Zeitmanagement geht es ja jetzt viel schneller“, ergänzt die ­Mutter eines Sohnes.

von Katja Peters