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Ostkreis „Beim nächsten Mal knall‘ ich dich ab“
Landkreis Ostkreis „Beim nächsten Mal knall‘ ich dich ab“
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20:06 28.08.2011
Der „Tatort“ in der Teichwiesenstraße. Hier darf nur mit Parkscheibe geparkt werden, wie entsprechende Hinweisschilder zeigen. Quelle: Matthias Mayer

Stadtallendorf. Dienstag, 4. Januar, 9.45 Uhr. Die Beamtin entdeckt bei ihrem Kontrollgang über den Parkplatz an der Teichwiesenstraße eine große BMW-Limousine ohne Parkscheibe. Sie fotografiert das Auto und füllt ein „Knöllchen aus“, als sich der Fahrer des Autos nähert. Der schnauzt sie an: „Was machst du da? Bist du bescheuert? Ich habe hier überhaupt nicht geparkt. Lass das!“ motzt der Mann, aber die Beamtin lässt sich von dem beleidigenden Wortschwall nicht beeindrucken, schreibt weiter auf dem Formularblock, was den Fahrer vollends in Rage versetzt: „Beim nächsten Mal knall‘ ich dich ab“, gibt er der Ordnungspolizistin mit auf dem Weg. Die Frau bricht umgehend ihren Rundgang ab, informiert im Stadtallendorfer Rathaus ihren Vorgesetzten und zeigt den ihr bekannten Fahrer bei der Polizei an.

Die Frage: Sitzt der Richtige auf der Anklagebank?
Soweit der unstrittige Teil der Geschichte, die vor Strafrichter Joachim Filmer verhandelt wird. Fraglich ist nur: Muss sich auch der richtige Mann wegen Bedrohung verantworten? Der 43-Jährige auf der Anklagebank schaut entschlossen und selbstsicher in die Runde. „Ich war da nicht“, stellt der Hartz-IV-Empfänger knapp fest und verweist darauf, dass er zwar „zu 70 Prozent“ das auf seine Mutter zugelassene Auto fahre. Aber, so sagt der geschiedene Vater zweier Kinder, auch sein Bruder, seine Ex-Frau und weitere Familienangehörige hätten Zugriff auf das Auto. Er habe nichts gegen die Ordnungspolizistin, die er nur vom Sehen kenne und sei ein freundlicher Mensch, versichert er und ruft zur Zeugenschaft für sein umgängliches Wesen den Vorgesetzten der Geschädigten an, der die Verhandlung als Zuhörer verfolgt.

Die reine Aktenlage spricht zu diesem Zeitpunkt noch zugunsten des Angeklagten, denn in den Polizeiprotokollen steht, dass die Geschädigte den Beschuldigten bei einer Begegnung auf der Polizeiwache nicht zweifelsfrei erkannte. Erst wenige Stunden später wichen diese Zweifel, als die Frau dem Beschuldigten zufällig in der Stadt begegnete.

Auf diese Zweifel wird die Verteidigerin des Angeklagten später ihr Plädoyer stützen. Da die Beamtin ihren Mandanten auf der Polizeiwache nicht zweifelsfrei als Täter erkannt habe, sei diesem die Täterschaft nicht nachzuweisen und ihr Mandant folglich freizusprechen.

Im Zeugenstand erklärt die Geschädigte ihre damaligen Zweifel. Sie habe den Angeklagten in der Polizeiwache zunächst nur aus 30 Metern Entfernung durch eine Glasscheibe gesehen und dann kann kurz von der Seite. Sie kenne den Mann nur mit Dreitagebart und längeren Haaren. Bei der Polizei sei er frisch rasiert und mit gepflegten Haarschnitt erschienen. Das habe sie irritiert. Sie kenne von dem Beschuldigten nur den Nachnamen, von dessen jüngeren, schlankeren und größeren Bruder jedoch Vor- und Nachnamen. Da es in Stadtallendorf noch einen dritten, ihr unbekannten Mann dieses Nachnamens gebe, von dem sie inzwischen wisse, dass er mit dem Angeklagten nicht verwandt sei, sei sie vorsichtig gewesen, um niemanden fahrlässig zu beschuldigen. Erst als sie dem Mann später von vorn ins Gesicht blickte, sei sie sich sicher gewesen.

Zeugin ist sich sicher: „Ja, das ist er“
„Ist das der Mann, der Sie bedroht hat?“ fragt Joachim Filmer mit Blick auf den Angeklagten. „Ja, das ist er“, sagt die Beamtin ohne zu zögern. Und sie erzählt eine Vorgeschichte zu dem Fall. Am 18. Oktober 2010 habe sie das fragliche Auto auf einem Behindertenparkplatz gefunden. Der Angeklagte habe damals versucht, sein unzulässiges Parken mit dem Behindertenausweis seiner Mutter zu legitimieren. Da die Frau aber nicht zugegen gewesen sei, habe sie den Ausweis vorübergehend eingezogen.

Staatsanwaltschaft und Gericht sprechen von einer eindeutigen Beweisaufnahme und einer absolut glaubwürdigen Zeugin. Das Gericht verurteilt den wegen Körperverletzung und Verstößen gegen das Ausländerrecht vorbestraften Mann zu einer Geldstrafe in Höhe von 60 Tagessätzen à 10 Euro und folgt damit dem Antrag der Anklage. „Das ist eine Nummer zu hart gewesen, so geht man nicht miteinander um“, sagt Joachim Filmer. Mit dem Strafmaß bewege sich das Gericht am untersten Rand.

von Matthias Mayer