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Beim „Fall Gutmann“ scheiden sich die Geister

Amöneburg Beim „Fall Gutmann“ scheiden sich die Geister

Wenn am Montagabend um 19.30 Uhr die Stadtverordneten zur Versammlung im Mardorfer Bürgerhaus zusammenkommen, müssen sie sich auch mit dem „Fall Gutmann“ auseinandersetzen.

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Die mögliche Umbenennung der „Dr. Josef-Gutmann-Straße“ ist heute Abend Thema in der Stadtverordnetenversammlung.

Amöneburg. Drei Männer haben sich im Gespräch mit der OP über die traumatischen Erfahrungen geäußert, die sie in den 1940er, 1950er und 1960er Jahren an der Stiftsschule machten. Sie berichteten von exzessiven Prügelstrafen durch den ehemaligen Leiter, Dr. Josef Gutmann, die weit über das damals normale Maß an körperlicher Züchtigung hinausgegangen seien.

Die Zeitungsartikel schockierten auch den Magistrat, der nun der Stadtverordnetenversammlung einen Beschlussvorschlag vorlegen wird. Ziel ist, den Auftrag zu erhalten, die Hintergründe noch einmal zu prüfen und unter Umständen die nach dem Ehrenbürger der Stadt benannte Gutmann-Straße umzubenennen. „In Gänze“ müsse eine Person durch ihr Verhalten der Ehre gerecht werden, die ihr die Stadt zuteil werden lasse, heißt es in dem Antrag, in dem Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg bezweifelt, dass dies bei Gutmann der Fall sei.

Die Meinung bei den Stadtverordneten ist indes geteilt – auch in den Fraktionen. Rudi Rhiel (FWG) zum Beispiel will den Antrag ablehnen: Als die Straße in den 1970ern nach Gutmann benannt wurde, habe er die Entscheidung mitgetragen: „Wir waren der Überzeugung, dass er viel für die Schule getan habe, das gut war.“ Er selbst sei Schüler des Leiters gewesen und habe nichts von exzessiven Prügelstrafen und anderen Grausamkeiten mitbekommen. Er könne sich, entgegen der Aussagen der Opfer, nicht vorstellen, dass Schüler ohne Grund „abgedroschen“ worden seien. „Anders sieht die Sache bei den Missbrauchsfällen aus. Da muss nachgeforscht werden, im Fall Gutmann aber nicht – die Ohrfeigen waren nicht so gravierend, dass eine Untersuchung eingeleitet werden muss“, sagt Rhiel und ergänzt, dass es in seiner Fraktion aber auch „Stimmen gibt, die das anders sehen“.

Geteilter Meinung sind auch die Mitglieder der CDU-Fraktion, berichtet deren Vorsitzender, Stefan Heck. Jeder müsse mit sich selbst ausmachen, wie er abstimmt: „Wir haben lange über das Thema diskutiert. In der öffentlichen Debatte werden die im letzten Jahrhundert akzeptierten körperlichen Züchtigungen leider oft mit sexuellem Missbrauch in einen Topf geworfen. Dadurch erhält die Debatte über Dr. Gutmann einen falschen Zungenschlag.“

Auch wenn Gewalt in der Erziehung heute richtigerweise abgelehnt werde, müsse man anerkennen, dass dies über Jahrzehnte gesellschaftlich akzeptiert gewesen sei. „Es war in Amöneburg bekannt, dass auch Dr. Gutmann geschlagen hat. In diesem Wissen erfolgte die Widmung der Straße“, sagt Heck und spricht von einer „schwierigen Situation“, die inzwischen entstanden sei. Die Meinungen über Gutmann seien vielfältig und reichten von Bewunderung bis Verachtung: „Man darf aber nie vergessen, dass Gutmann eine Schule durchsetzte, die niemand wollte, weder in der Pfarrei noch im Bistum“. Neben seinen Verfehlungen müssen daher auch seine Leistungen gewürdigt werden. Die Mehrheit der CDU-Mitglieder werde wohl gegen den Antrag stimmen, erklärt Heck.

„Wir werden mit Sicherheit zustimmen“, sagt Diethelm Reinmüller, der Vorsitzende der SPD, der mit seinen Fraktionsmitgliedern das Thema im Vorfeld der Sitzung allerdings nicht diskutiert hat. „Es gibt Leute, die nicht darüber reden wollen oder Gutmann ausschließlich positiv sehen. Er war zweifelsohne ein engagierter Mann, aber wie er mit Kindern umging, hatte eine andere Qualität, als damals üblich war“, ergänzt Reinmüller. Er fordert, dass kein großes Aufsehen um die Angelegenheit gemacht werden und die Straße umbenannt werden solle. „Ich würde vorschlagen, dass wir sie Paul-Lotz-Straße nach Gutmanns Nachfolger nennen – der hat die Stiftsschule erst zu einer guten Anstalt gemacht.“

Die Mitglieder der AWG-Fraktion stehen dem Antrag nach Auskunft von Peter Greib „eher neutral“ gegenüber. „Die Situation war schlimm. Aber wir sollten das Thema nicht mehr zu hochkochen“, sagt er und ergänzt: „Schön war das nicht, und es ist auch nicht zu rechtfertigen. Aber es ist lange her und man muss mit der Geschichte leben.“ Noch dazu dürfe die Stadt die Kosten nicht vergessen, die eine Umbenennung mit sich bringe.

von Florian Lerchbacher

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