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Ostkreis Beim Besuch stehen Tränen in den Augen
Landkreis Ostkreis Beim Besuch stehen Tränen in den Augen
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18:09 26.05.2014
Ortsvorsteher Hartmut Koch (links ) überreichte gemeinsam mit Tobias Koch (rechts) nach über fünf Jahrzehnten den Antwortbrief an Tom und Jill Stern-Treuhaft. Foto: Karin Waldhüter
Niederklein

Als Julius Stern im Jahre 1963 einen Brief an die Gemeinde Niederklein schrieb, in dem er bat die Erinnerung an seine während des Nazi Tyrannei verstorbenen Eltern wachzuhalten und sich gegen das Vergessen einzusetzen, hatte er sich wohl nicht vorstellen können, dass es fünf Jahrzehnte dauern würde, bis ein direkter Nachkomme einen Antwortbrief in den Händen halten wird. Julius Stern war wie sein Bruder nach Amerika ausgewandert und im Jahre 1976 verstorben.

Tom Stern-Treuhaft ist Enkel des Onkels von Julius Stern und lebt in Toledo in Ohio. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Jill war das Paar am Freitag von Prag aus in Niederklein angekommen. Ein Ortsbeiratsbeschluss war seinerseits der Auslöser dafür, dass die Nachfahren von Julius Stern jetzt einen Antwortbrief in den Händen halten konnten. Gemeinsam mit Mitgliedern des Ortsbeirats, Niederkleiner Stadtverordneten, Pfarrer Peter Bierschenk und einigen interessierten Bürgern begann der Besuch des Paares mit einem zweistündigen Ortsrundgang. Dabei besuchte das Paar die katholische Kirche, das ehemalige Schwesternheim und heutige Pfarrheim und acht Häuser in denen ehemals jüdische Familien lebten. Pfarrer Peter Bierschenk, Harald Dörr und Hartmut Koch beweisen sich dabei als kundige Führer, die sowohl die Geschichte der Kirche, des Ortes und das Schicksal der jüdischen Familien während NS-Zeit und das Verhältnis der jüdischen und christlichen Familien erläuterten. Für das Ehepaar Stern-Treuhaft waren es ergreifende Momente in Niederklein. In der vorigen Generation sei über die Ereignisse nicht gesprochen worden, berichtet die Amerikanerin. „Lasst uns über etwas fröhliches sprechen“, habe immer die Antwort bei Nachfragen gelautet. Umso mehr berührte sie die Frage, was der Besuch in Niederklein für sie und ihren Mann bedeute. Tränen traten ihr während der Antwort in die Augen. Der Besuch bedeute ihr sehr, sehr viel, sagte sie.

„Es ist wichtig zu wissen wo man herkommt“, erklärt Jill Stern-Treuhaft. Sie und ihr Mann hätten keine Kinder, doch ihre Nichte warte in den USA auf Informationen und auf Bilder aus Niederklein. „Unsere Nichte wird unsere Geschichte bewahren“, sagte sie und ihre Augen füllen sich mit Tränen.

Besonders berührte das Ehepaar der Besuch des Hauses in der Schweinsberger Straße, in dem einst Isaak Stern mit seinen Kindern Meier, Emma, Moritz und Hermann lebten. Die jetzigen Eigentümer, Familie Öllükcü, zeigten ein hohes Maß an Gastfreundschaft und öffneten alle Räume. Vor allem beeindruckte das Paar die Vorstellung, in dem gleichen Zimmer zu stehen in dem die Vorfahren einst aßen und schliefen. „Es war für mich bemerkenswert, mit welchen Interesse Tom Stern-Treuhaft seine eigenen Wurzeln verfolgt hat und alles wissen wollte, was zu erfahren war“, erklärte Tobias Koch. Für Pfarrer Peter Bierschenk war es besonders wichtig, hervorzuheben, dass drei monotheistischen Weltreligionen gemeinsam friedlich und fröhlich an einem Tisch saßen und die Geschichte des Hauses dies auch widerspiegele. Mehrfach bedankte sich das Paar sehr herzlich bei allen Beteiligten. Tom Stern-Treuhaft (Jahrgang 1946) war fünfzehn Jahre lang Kampfpilot bei der US Air Force. Nach einem Flugzeugabsturz trug er schwere Verletzungen davon und arbeitete später als Immobilienmakler. Seine Ehefrau Jill war Lehrerin und unterrichtete an der High-School. Gemeinsam mit Familie Dörr besuchte das Paar außerdem Marburg und reiste gestern nach Hemsbach. Dort lebte ein weiterer Zweig der Familie.

Die Briefübergabe hatte eine intensive Vorgeschichte. Im Februar hatte sich aus Mitgliedern des Ortsbeirats, Stadtverordneten und Niederkleiner Bürger ein Arbeitskreis gebildet, der daran gearbeitet hatte. Durch Internetrecherchen waren die Arbeitskreismitglieder mit Tom Stern-Treuhaft in Kontakt gekommen (die OP berichtete). Auch wenn es damals im Ort von Niederkleinern Solidarität, Hilfe und Mitgefühl gegeben habe, bedrücke doch das große Unrecht, das jüdische Mitbürger erlebten. „Im Namen der Gemeinde bitten wir um Vergebung“, heißt es in dem Brief der mit dem Versprechen endet, ein Vergessen zu verhindern.

von Karin Waldhüter

von Karin Waldhüter

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