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Ostkreis Bei zwei Häusern bleibt nur ein Abriss
Landkreis Ostkreis Bei zwei Häusern bleibt nur ein Abriss
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17:01 06.04.2018
In der Kleinniederung ließ das Land Hessen in den vergangenen Jahren Rüstungsaltlasten sanieren.  Quelle: Nadine Weigel
Stadtallendorf

„Arbeitslos“­ werden die Experten für die Sanierung der giftigen Hinterlassenschaften aus Zeiten der Sprengstoff-Herstellung in Stadtallendorf in den nächsten Jahren nicht. Allein auf den Flächen, auf denen das Werk Allendorf der DAG existierte. Akut ist der Fall der Gebäude, bei denen Rüstungsaltlasten zu Schadstoffbelastungen in der Raumluft führen (die OP berichtete mehrfach).

Bei bis zu sieben Gebäuden, so haben es umfassende Untersuchungen ergeben, muss etwas passieren. Das sehe das Regierungspräsidium Gießen wie auch das Hessische Umweltministerium so. Das ­Ministerium spricht in der Antwort auf eine OP-Anfrage von „Handlungsbedarf“.

Für fünf Gebäude sind noch Detailuntersuchungen nötig, um Klarheit darüber zu bekommen, wie und in welchem Umfang saniert wird – oder ob möglicherweise auch der Einbau von Lüftungsanlagen ausreicht. All das geschehe in Absprache mit den Gesundheits- und Baubehörden des Landkreises, betont das Umweltministerium.

Der weitere Zeitplan bei diesen Gebäuden sieht vor, dass bis Mitte des Jahres die Detailuntersuchungen gelaufen sind und dann die Varianten einer Sanierung erörtert werden. Bis Ende des Jahres oder bis Beginn des nächsten Jahres soll es Entscheidungen geben, die dann mit den betroffenen Eigentümern diskutiert werden sollen.

In zwei Fällen ist das Land bereits weiter. Bei einem Gebäude steht schon länger fest, dass es Probleme mit einer großen Altlast unter dem Kellerboden gibt. Dort hat das Land schon gehandelt.

Ministerium prüft Finanzierung

Eine Sanierung lohnte wirtschaftlich nicht, also blieb nur ein Abriss. Dazu kaufte das Land das Wohnhaus. Im Laufe dieses Jahres folgen Abriss und Sanierung der Rüstungsaltlast. Bei einem weiteren Wohnhaus zeichnet sich ab, dass es wohl auch keine andere wirtschaftlich sinnvolle Lösung als den Abriss geben wird.

Seit wenigen Wochen liegt ein Verkehrswertgutachten für das Gebäude vor. „Zurzeit finden Abstimmungen mit dem Eigentümer des Gebäudes statt“, teilt das Umweltministerium mit. Jetzt muss das Ministerium prüfen, wie ein neuerlicher Hauskauf und eine anschließende Sanierung finanziert werden können.

Im Landeshaushalt ist dafür noch kein Geld eingeplant. Außerdem muss am Ende der Eigentümer mit dieser Lösung einverstanden sein. Schließlich verliert er voraussichtlich in einigen Jahren sein Heim.
Gebäudeabrisse hatte das Land bei der Altlastensanierung bisher eigentlich immer vermeiden können. Im Falle des bereits gekauften Hauses weist das Land darauf hin, dass alle technischen Lösungen für eine Sanierung mit Risiken verbunden waren – und auch nicht wirtschaftlich gewesen wären.

Bei allen Gebäuden hatten die Behörden wie auch die HIM GmbH als vom Land beauftragter Sanierungsträger stets betont, dass für die Bewohner keine unmittelbare Gefahr von den Schadstoffen ausgeht. Die Schadstoffe sind Ausgasungen von sogenannten MNTs, Mononitrotoluolen.

Grundwasser wird weiterhin gereinigt

Das ist ein chemisches Vorprodukt des Sprengstoffes TNT, den den das Werk Allendorf einst für die Wehrmacht produzierte und abfüllte.

Ausdrücklich betont das Ministerium, dass sich das Land finanziell gegenüber allen Betroffenen in der Pflicht sieht, zumal alle vor Jahren eine Sanierungsvereinbarung abgeschlossen hatten. Alle Eigentümer jener sieben Gebäude sollen wie bisher von den Behörden wie auch der HIM über sämtliche Zwischenergebnisse informiert werden.

Ganz ­unabhängig davon plant das Land, in Stadtallendorf in diesem und im nächsten Jahr weitere rund drei Millionen Euro in die Sanierung von Rüstungsaltlasten zu investieren.

Ein Überblick:

  • Ein Projekt ist der erwähnte Abriss jenes Wohnhauses, das das Land bereits im vergangenen Jahr kaufte. Ende dieses Jahres, Anfang nächsten Jahres soll das passieren, wie das Ministerium mitteilt.
  • Außerdem soll nun die Sanierung eines alten Produktionsgebäudes nachgeholt werden, das in den Jahren 2000/2001 nicht mit einbezogen wurde. Dort wurde bis 1945 Schwefelsäure für die Produktion konzentriert. Wie das Umweltministerium gegenüber dieser Zeitung erläutert, wurde das Gebäude nach Kriegsende zwar gesprengt. Allerdings blieben „viele belastete Gebäudeteile im Boden“, heißt es dazu aus Wiesbaden. Auch dieses Projekt steht wohl erst im nächsten Jahr an.
  • In diesem Jahr nimmt das Land eine Spezialanlage in Betrieb, die in der sanierten Niederung der Klein das Grundwasser reinigt.
  • Außerdem gibt es im Umfeld der früheren Tri-Halde (einst Lagerstätte für Klärschlamm aus der Sprengstoffproduktion) Spülungen von tiefer gelegenen Bodenschichten, in denen es noch Belastungen gibt.
  • Die „hydraulische Sicherung“, die dem Schutz des Grundwassers rund um das Wasserwerk dient, läuft wie gehabt weiter. Laut Umweltministerium wird sie wohl noch Jahrzehnte erforderlich sein. Allein sie kostet das Land Hessen jährlich rund 350 000 Euro.

von Michael Rinde