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Begegnung mit dem Deutschen Herbst

Hanns-Eberhard Schleyer sprach in Neustadt Begegnung mit dem Deutschen Herbst

Im Rahmen der zeitgeschichtlichen Veranstaltungsreihe sprach Neustadts Bürgermeister Thomas Groll mit dem ältesten Sohn des 1977 von der RAF ermordeten Dr. Hanns Martin Schleyer.

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Bürgermeister Thomas Groll (links) im Gespräch mit Hanns-Eberhard Schleyer.

Quelle: Klaus Böttcher

Neustadt. Die 120 Besucher im Haus der Begegnung lauschten eineinhalb Stunden lang dem Gespräch zwischen Thomas Groll und dem Staatssekretär a.D. Hanns-Eberhard Schleyer. Die Zuhörer waren ergriffen, denn was der aus Berlin angereiste Gast auf Grolls Fragen antwortete, war nicht nur hochinteressant, sondern auch eine emotionale Begegnung mit dem Deutschen Herbst 1977.

Es sei nicht selbstverständlich, dass jemand wie Hanns-Eberhard Schleyer aus der Bundeshauptstadt in eine 9000 Einwohner zählende Stadt komme, um über die dunkelste Zeit seiner Familie zu sprechen. „Wir sehen das als Wertschätzung“, sagte Groll und skizzierte kurz den Lebenslauf des 1943 geborenen Gastes.

Zeit der Verunsicherung und der Eskalation

Der älteste Sohn von Hanns Martin Schleyer wirkte von 1978 bis 1988 als Staatssekretär in Rheinland-Pfalz und von 1989 bis 2009 als Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks. Groll ließ zur Einstimmung einen kurzen Film abspielen, der an die Geschehnisse des Deutschen Herbstes im Jahr 1977 erinnerte.

Die erste Generation der Roten Armee Fraktion (RAF) war 1972 verhaftet worden. Die zweite Generation schlug 1976 und besonders 1977 erbarmungslos zu. Sie ermordeten Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine Begleiter sowie den Vorstandsvorsitzenden der Dresdner Bank, Jürgen Ponto. Schleyer nannte es eine Zeit der Verunsicherung und der Eskalation.

Diese habe im Jahr 1977 die Menschen erschüttert. Groll wollte von dem Gast wissen, was die RAF so radikalisiert habe. Die RAF sei wohl aus der 68er-Bewegung entstanden. Diese Generation habe sich nicht nur mit den deutschen Verhältnissen, sondern auch mit dem Vietnamkrieg und anderen auswärtigen Konflikten auseinandergesetzt. Daraus sei ein Zerrbild der Nation entstanden, und einige junge Leute meinten, die alten Strukturen ließen sich nur mit Gewalt auflösen, erklärte Hanns-Eberhard Schleyer.

Sein Vater habe für die Familie wenig Zeit gehabt und sich schwer getan, mit seinen vier Söhnen zu kommunizieren, sagte der Gast auf eine Frage des Bürgermeisters. Sein Vater sei außerordentlich tolerant gewesen, habe den schlechten Umgang mit Untergebenen gehasst. Seine Überzeugungen habe er immer durchgesetzt, aber stets unter dem Gesichtspunkt des Interessenausgleichs. Nach dem Verhältnis zu den Politikern gefragt, erklärte Schleyer, sein Vater sei ein CDU-Mann gewesen, der aber aufgrund seiner Position als Arbeitgeberpräsident und Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Industrie Gespräche mit allen Parteispitzen geführt habe.

Der Vater war der Letzte auf der RAF-Liste

„Wenige Tage vor der Entführung war bekannt, dass er der Letzte auf der Liste der RAF wäre“, erklärte Schleyer zu der Gefährdung seines Vaters. Am 5. September 1977 in Köln geschah das Schreckliche. Der Fahrer von Hanns Martin Schleyer und seine drei Bewacher wurden auf offener Straße erschossen und er selbst in ein Auto gezerrt.

Es begann für den Entführten eine Todesangst in einer würdelosen Situation, schilderte sein Sohn. Nach seiner Erkenntnis sei das nicht hinnehmbar gewesen. Seine Mutter habe appelliert, dass man den Forderungen nach Freilassung der einsitzenden Terroristen nachgebe. Die Regierung blieb hart und ließ sich nicht erpressen. Sein Vater habe vorher in einem Gespräch gesagt, im Falle einer Entführung würde er jede Entscheidung akzeptieren.

Es folgten bange 44 Tage für die Familie. Dann wurde die Lufthansamaschine „Landshut“ entführt, um der Erpressung Nachdruck zu verleihen. Da sei die Hoffnung wieder größer gewesen, dass sein Vater frei komme, denn wenn 80 Menschen in Gefahr seien, müsste die Regierung handeln, meinte der Sohn. Die GSG9 befreite die Geiseln aus dem Flugzeug, das in Mogadischu stand. Als sich dann einige Terroristen in ihrer Zelle umgebracht hatten, habe es keine Hoffnung mehr gegeben. Einen Tag später wurde der ermordete Hanns Martin Schleyer in einem Auto gefunden.

„Man muss sie wie andere Mörder behandeln"

Das Gespräch drehte sich weiter um die Verarbeitung des fürchterlichen Geschehens. Er habe eine Zeitlang alles verdrängt, meinte der Gast in Neustadt und erzählte von seinen späteren Kontakten mit Helmut Kohl, der ein Freund der Familie war und seinen Gesprächen mit Helmut Schmidt. 1988 habe er als Chef der Staatskanzlei mit der Vorbereitung der Begnadigung der Terroristen zu tun gehabt. „Man muss sie wie andere Mörder behandeln und nicht zu politischen Märtyrern machen“, sagte er dazu.

Nach der Vorstellung der „Hanns-Martin-Schleyer-Stiftung und deren Zielen spannte der Gast noch einen Bogen zu der aktuellen Politik sowie dem Ausgang der Bundestagswahl. Dann trug er sich in das Goldene Buch der Stadt ein.

Die Veranstaltung wurde wie gewohnt mit passender Musik durch das Trio Semplice begleitet.

von Klaus Böttcher

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