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Geldstrafe für uneinsichtigen Kneipenschläger

Aus dem Gericht Geldstrafe für uneinsichtigen Kneipenschläger

„Sie zeigen das gleiche Verhalten wie vor 15 Jahren“, sagte Richter Joachim Filmer zu einem Angeklagten, der sich während der Verhandlung selbst als völlig unschuldig bezeichnet hatte.

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Vor dem Amtsgericht Kirchhain musste sich ein Mann aus dem Ostkreis für eine Körperverletzung verantworten.

Quelle: Archivfoto

Neustadt. Am 6. April des vergangenen Jahres betrat ein 50-Jähriger eine Kneipe in Neustadt, die gerade geschlossen wurde. Als die Wirtin ihm und seinem Begleiter mitteilte, dass sie ihn nicht mehr bedienen werde, weigerte er sich, dies zu akzeptieren. Sie kam um die Theke, packte ihn am Arm und wollte ihn hinaus begleiten. Daraufhin verpasste er ihr einen Schlag gegen das Kinn und wurde anschließend von anderen Gästen vor die Tür gesetzt. Dies ergab die Beweisaufnahme während der gestrigen Verhandlung vor dem Kirchhainer Amtsgericht.

Neben der Wirtin hatten zwei weitere Zeugen die Vorgänge so geschildert. Ein Dritter gab an, er könne sich an nichts erinnern. Richter Joachim Filmer vermutete, er habe aufgrund von hohem Alkoholkonsum einen „Filmriss“ gehabt – wartete allerdings vergeblich auf eine Bestätigung dieser These. Ein vierter Zeuge, der Begleiter des Angeklagten, hatte eine andere, ganz eigene Version parat.

Drohgebärden des Sohns als Auslöser für Anzeige

Die Wirtin berichtete, sie habe gerade schließen wollen, als das Duo die Kneipe betrat. Als sie den beiden dies mitteilte, habe der Angeklagte gefragt: „Wer sagt das?“ Als sie ihm die Frage beantwortete, habe er sie als Nutte, Hure und Schlampe bezeichnet und sie ihn daraufhin zur Tür geleitet und letztendlich den Schlag kassiert. Zwei Tage später sei sein Sohn in die Gastwirtschaft gekommen und habe sie ebenfalls kurz vor Feierabend beleidigt. Später hätten er und ein Begleiter sie auf dem Nachhauseweg verfolgt, beleidigt und bedroht und ihr mitgeteilt, dass sie kein Leben mehr in Neustadt habe. Sie habe daraufhin einen Hammer vorgezeigt, den sie zur Sicherheit mit sich führte. Als sie später mit ihrem Vermieter über den Fall sprach, habe dieser ihr geraten, den 50-Jährigen anzuzeigen: „Das Verhalten des Sohns war dafür der Auslöser.“

Der türkischstämmige Angeklagte indes behauptete, er habe im April die Kneipe betreten und sei sofort als „scheiß Moslem“ und „Kanake“ beschimpft worden. Sie habe ihn gepackt und „20 oder 30 Mal gegen die Eier getreten“, wie der Dolmetscher übersetzte. Ein anderer Gast sei mit einem Hocker auf ihn losgegangen, ein Dritter habe die Fäuste geballt. Er indes habe niemanden geschlagen und sich maximal mit der Hand verteidigt. Vor der Tür habe ihn die Wirtin dann wieder getreten – und er dabei ihren Fuß gefangen, woraufhin sie zu Boden gegangen sei und geschrien habe: „Komm, schlag mich.“ Er habe allerdings weitere Schläge und Tritte kassiert und sei später noch von ihr – mit einem Hammer in der Hand – verfolgt worden.

Hat sich der Angeklagte in seiner Ehre gekränkt gefühlt?

Die ersten beiden Zeugen schilderten die Vorfälle allerdings genauso, wie es die Wirtin getan habe. Nur der Begleiter des Angeklagten wich von dieser Version ab. Der 37-Jährige tischte dem Gericht die gleiche Version wie der Angeklagte auf – allerdings mit dem feinen Unterschied, dass die Wirtin auch schon in der Kneipe zu Boden gegangen sei. Nach einem „Reflex“ des 50-Jährigen – eine Erklärung, die er jedoch nicht weiter ausführte. „Ich war dabei. Ich lüge nicht“, sagte er auf Nachfrage Filmers – woraufhin der Richter kommentierte: „Wenn ich Sie frage, was die anderen gemacht haben, wissen Sie es ganz genau. Über die Handlung des Angeklagten sagen Sie nur, es sei ein Reflex gewesen.“ Anschließend warnte er den Zeugen noch, dass er unter Eid stehe und die Wahrheit sagen müsse – sonst könne er wegen falscher Aussage belangt werden.

Der Zeuge blieb bei seiner Version. Richter Filmer hatte jedoch seine Zweifel an der Richtigkeit, schließlich sei sie unterschiedlich von der des Angeklagten – während die Aussagen der anderen Zeugen und des Opfers übereinstimmten: „Das ist ein erheblicher Widerspruch. Ich gehe daher auch davon aus, dass die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen uneidlicher Falschaussage einleiten wird.“ Seine Vermutung: Der türkischstämmige Angeklagte habe sich in seiner Ehre gekränkt gefühlt, weil er von einer Frau vor die Tür gesetzt werden sollte: „Er wollte deutlich machen was passiert, wenn man so mit ihm umgeht.“

2003 bereits wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt

Dabei führte Filmer auch das Verhalten des Angeklagten in einer früheren Verhandlung an: Im Jahr 2003 war der Mann wegen gefährlicher Körperverletzung zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Damals hatte er nach einer Auseinandersetzung sogar mit einer halbautomatischen Waffe auf sein Gegenüber geschossen: „Auch damals fühlten Sie sich angeblich beleidigt. Dass Sie diesmal nur geschlagen und nicht geschossen haben, ist fast schon eine Besserung.“

In den Akten des Neustädters findet sich neben der Verurteilung aus dem Jahr 2003 noch eine aus dem Jahr 2013: wegen fahrlässiger Trunkenheit im Straßenverkehr und unerlaubtem Entfernens vom Unfallort. Nichtsdestotrotz müsse er ihn wie einen Ersttäter behandeln, betonte Filmer und verurteilte den Hartz-IV-Empfänger zu 60 Tagessätzen à 13 Euro.

Richter rät zu erneuter Anzeige wegen Bedrohung

Der Angeklagte, der allen Zeugen unterstellte, zu lügen, zeigte sich weiter uneinsichtig. Er verließ den Gerichtssaal mit den Worten: „Ich warte.“ Vor der Tür soll er dies gegenüber der Wirtin wiederholt und gedroht haben, sie in der Kneipe aufzusuchen.“ Ihr Vermieter berichtete dies dem Richter. Filmer entgegnete, er könne nichts unternehmen, wenn dies außerhalb des Gerichtssaals geschehen sei. Er riet der Wirtin und ihrem Vermieter zur Polizei zu gehen und den 50-Jährigen wegen Bedrohung anzuzeigen.

von Florian Lerchbacher

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