Volltextsuche über das Angebot:

29 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Angeklagter will Belastungszeugin heiraten

Aus dem Amtsgericht Angeklagter will Belastungszeugin heiraten

Der Prozess am Amtsgericht Marburg gegen ­einen 35-jährigen Mann, der zeitweilig in Kirchhain  wohnte, hatte so einige Überraschungen zu bieten.

Voriger Artikel
Licht tötet Keime im Trinkwasser
Nächster Artikel
„Wir geben die Gelder nicht sinnlos aus“

Vor dem Amtsgericht Marburg wollte ein Paar vor der Hochzeit noch "alles ins Reine bringen".

Quelle: Thorsten Richter

Kirchhain. Dem Angeklagten wurden insgesamt acht Straftaten zur Last gelegt, die er im Zeitraum von Januar 2013 bis Juni 2016 begangen haben soll. Diese reichten nach dem Anklagesatz von Oberstaatsanwältin Kerstin Brinkmeier von Körperverletzung über Bedrohung bis hin zu Diebstahl und Fahren im Straßenverkehr ohne Fahrerlaubnis.

Bei seinen Einlassungen berichtete der Angeklagte sehr zur Überraschung von Staatsanwaltschaft und Schöffengericht, dass er mit der Hauptbelastungszeugin, einer 36-jährigen Mutter dreier Kinder, seit August vergangenen Jahres verlobt sei und inzwischen mit ihr zusammen in Marburg wohne. Noch in diesem Jahr wolle das Paar heiraten, erklärte der Angeklagte.

Gemeinsames Konto statt Diebstahl der Geldbörse

So räumte er ein, seine damalige Freundin mehrfach zu deren Arbeitsplatz gefahren zu haben, obwohl er keinen Führerschein besaß. Zur Körperverletzung berichtete er, dass man am Neujahrstag 2013 in Streit geraten sei. Er habe seine Freundin daran hindern wollen, dass sie mit seiner Tasche seine Wohnung verlässt. Ob er dabei, wie angeklagt, die Geschädigte am Hals packte und gegen eine Wand drückte, vermochte der Angeklagte nicht zu sagen und berief sich auf Erinnerungslücken. Eines der Kinder war seiner Mutter zu Hilfe geeilt und wurde vom Angeklagten laut Anklage vom Bett gestoßen. Der Elfjährige machte im Fallen schmerzhafte Bekanntschaft mit einem mit Werkzeug gefüllten Eimer. Das sei Folge einer Abwehrbewegung gewesen, so der Angeklagte.

Zudem soll der Angeklagte die Geschädigte bedroht haben. Er werde ihr das Leben zur Hölle machen und dafür sorgen, dass ihr das Jugendamt die Kinder wegnehme. Dieser Anklagepunkt wurde während der Hauptverhandlung ebenso fallengelassen wie der Vorwurf des Diebstahls einer Geldbörse mit 80 Euro Inhalt. Es stellte sich heraus, dass die Geschädigte und der Angeklagte ein gemeinsames Konto führten. Damit hatte der Angeklagte Anspruch auf einen Teil des Geldes.

Paar will vor der Hochzeit noch "alles ins Reine bringen"

Eindringlich belehrte Richter Dominik Best die Geschädigte, dass sie wegen der Heiratsabsicht nicht aussagen müsse. Wenn sie dennoch Angaben mache, müsse sie dies wahrheitsgemäß tun. Die Geschädigte erklärte, vor der Ehe alles ins Reine bringen zu wollen und belastete den Angeklagten mit den Tatvorwürfen. Die Aussagen der als Zeuginnen geladenen Arbeitskolleginnen beruhten allesamt auf Aussagen der Geschädigten zu den Fahrten ohne Führerschein. Deren  Sohn, inzwischen 16 Jahre alt, schilderte seinen Jahre zurückliegenden Sturz nicht als Körperverletzung, sondern eher als einen Unfall.

Die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Dr. Birgit von Hecker berichtete über schwierige Verhältnisse des Angeklagten. Er sei mit dreieinhalb Jahren zur Adoption freigegeben worden und nach vielen Problemen mit 14 Jahren in ein Kinderheim gekommen. Er habe eine Drogen- und Alkoholvergangenheit und mit schwerwiegenden psychischen Problemen einen langen Zeitraum unter Aufsicht gestanden.

Verteidiger fordert gleiches Strafmaß wie die Staatsanwältin

Die Beziehung zwischen der Geschädigten und dem Angeklagten beschrieb Oberstaatsanwältin Kerstin Brinkmeier bei ihrem Schlussvortrag als beständiges Auf und Ab. Für die verbliebenen Anklagepunkte, Körperverletzung und Fahren ohne Führerschein, beantragte sie eine eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 25 Euro.

Zur Verwunderung zahlreicher Jurastudenten im Zuhörerraum errechnete der Verteidiger des künftigen Ehegatten exakt das von der Staatsanwaltschaft beantragte Strafmaß. Den gleichlautenden Anträgen schloss sich das Schöffengericht an.

von Heinz-Dieter Henkel

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr