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Ostkreis Knapp an einer Katastrophe vorbei
Landkreis Ostkreis Knapp an einer Katastrophe vorbei
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00:19 10.09.2018
Christian Koch gibt per Headset die richtige Position an den Kranfahrer durch, um Ketten an den Ästen der massiven Pappel anzubringen, bevor er sie mit der Motorsäge vom Hubsteiger aus absägt. Beim Unwetter im August war ein Blitz in den Baum eingeschlagen, der zwischen der Bahnstrecke und der Reithalle des Zucht-und Reitsporthofes Hanke/Schröder steht. Foto: Nadine Weigel Quelle: Nadine Weigel
Kirchhain

18 Meter über dem Erdboden nur in einem Gurt hängend, hantiert Christian Koch mit der Motorsäge. Wie ein bewaffnetes Eichhörnchen hängt er in der mächtigen Pappel, die fast für eine Katastrophe gesorgt hätte. Als das verheerende Unwetter am 7. August Kirchhain heimsuchte (wir berichteten), schlug ein Blitz in den massiven Baum ein. Nur wenige Meter neben der Bahnstrecke Frankfurt-Kassel. Und noch näher an der Reithalle des Zucht-und Reitsporthofes Hanke/Schröder, der Heimat des Reitclubs 2002 Kirchhain.

„Ja, das hätte wirklich schlimm ausgehen können“, sagt Christian Koch und schneidet mit der Motorsäge in einen massiven Ast. Der Chef des gleichnamigen Baumpflegedienstes ist mit seinem Team zwei Tage lang damit beschäftigt, den riesigen Baum Stück für Stück abzutragen. Einfach Fällen funktioniert nicht. Aufgrund der brisanten und kaum zugänglichen Lage ist schweres Gerät notwendig: Vor der Reithalle steht ein 200-Tonnen-Kran.

„Wir mussten erst ­einen Teil der Halle zurückbauen, um dort mit dem Hubsteiger hinein zu können“, erklärt Koch, der nun vom Hubsteiger aus die mächtigen Äste des im Durchmesser gut 1,40 Meter dicken Stammes absägt. Zuvor jedoch befestigt er dicke, vom Kranarm hinunterhängende Ketten an den Ästen. So verhindert er, dass die Äste hinabfallen und das Reithallendach noch weiter beschädigen. Ast für Ast schwebt so über das Reithallendach, das noch ­immer mit zahlreichen ­Ästen bedeckt ist.

„Als der Blitz in den Baum eingeschlagen ist, wurde der Schuppen zerstört, Äste schlugen durchs Reithallendach“, erinnert sich Gerhard Hanke, der die spektakuläre Baumfäll-Aktion mit Enkel Tom Schröder von der Erde aus beobachtet.

Den Reitsporthof Hanke/Schröder hat das Unwetter schwer erwischt, die Reithalle stand komplett unter Wasser. Es dauerte Tage, bis alles wieder trockengelegt war (Foto: Weigel).

„Durch unsere Reithalle sind Frösche geschwommen“, erinnert sich Susanne Schröder. Auch in Dutzenden Pferdeboxen stand das Wasser kniehoch. Der Schaden ist immens, aber alle sind froh, dass der Baum nicht auf den Pferdestall gestürzt ist. So sind Schröders knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt.

So wie den Pferdefreunden erging es vielen Bürgern aus Kirchhain und der Umgebung. Die Wassermassen zerstörten bei unzähligen Menschen Mobiliar und vorwiegend in Kellern gelagerte Sachen.

Martin Olszewski, René Wagner und Rolf Schneider rücken an diesem Tag den unbrauchbaren Überbleibseln des Unwetters in Niederwald zu Leibe. Die drei Männer in Orange fahren mit dem Sperrmüllwagen von Haus zu Haus und entsorgen Schränke, Tische, Stühle,­ Kartons und vieles mehr. Alles mit Wasserschaden.

„Hier sieht man, dass die Sachen wirklich im Dreckwasser standen“, erklärt Olszewski und zeigt auf eine­ Sperrholzplatte, die sich vollgesogen hat. Normalerweise­ komme es schon öfter mal vor, dass ­Menschen noch völlig­ ­intakte Dinge wegschmeißen. „Manche Leute wären froh, wenn sie so schöne Sachen hätten“, gibt der Experte zu Bedenken. Diesmal jedoch seien die meisten Sachen wirklich kaputt. „In Stausebach ist uns das besonders aufgefallen“, so Wagner.

Kommunen helfen sich gegenseitig

Insgesamt 30 Tonnen Sperrmüll hat die Marburger Kommunalentsorgungsgesellschaft (MKG) in den letzten zwei Wochen in Kirchhain und seinen Stadtteilen eingesammelt. Normalerweise ist das Arbeitsgebiet der MKG auf die Lahnstadt Marburg begrenzt, „aber noch während des Unwetters haben wir unsere Hilfe angeboten“, sagt Geschäftsführer Jürgen Wiegand beim Vor-Ort-Termin in Niederwald.

Nach den sintflutartigen Regenfällen Mitte August war vor allem Kirchhain und seine Stadtteile Niederwald, Stausebach sowie Groß- und Kleinseelheim betroffen. „Ich habe es sozusagen live erlebt, wie das Wasser Eindreiviertelstunden runtergekommen ist und alles unter Wasser gesetzt hat“, so Jürgen Wiegand.

„Wann immer eine Kommune ruft, ist die andere für sie da“, betont Wolfgang Budde, Stadtrat der Stadt Kirchhain, der die Unterstützung des kommunalen Unternehmens zu schätzen weiß.

Kita Alsfelder Straße
 besonders betroffen

„So viele Firmen, die Sperrmüll abfahren können, gibt es im Landkreis nicht“, so der Stadtrat weiter, der seinen Dank auch an die Firma Mittelstädt und den stadteigenen Bauhof richtet, die in den Tagen nach dem Unwetter Sonderschichten schoben (wir berichteten).

15 Tonnen haben die Anwohner von Niederwald in ihre­ Einfahrten oder an den großen Sammelpunkten abgestellt, nachdem die Sonderabfahrtstage feststanden. Schon zwei Wochen nach dem Unwetter konnte die MKG diese Termine anbieten, Mitte des Monats, am 13. September, wird es noch einen weiteren Abfuhrtermin geben. Für die Bürger sind diese Abholungen kostenfrei, verspricht Wolfgang Budde.

Das freut Michaela Weckesser besonders. Auch sie wurde Unwetter-Opfer. „Der Regen hat sich durch die Wand durchgedrückt, das Wasser ist sintflutartig ins Wohnzimmer gelaufen“, sagt Weckesser und beobachtet, wie die fleißigen Männer durchgeweichte Möbel schwungvoll in den Müllwagen schmeißen. „Wohnzimmerschrank, Beistellschränckchen, alles kaputt.“ Sie ist froh, dass die Sachen jetzt ­abgeholt werden und zumindest für die Entsorgung keine Kosten auf sie zukommen.

Große Spendenbereitschaft für Kindergarten

Und noch jemand freut sich ganz besonders über die ­Unterstützung des kommunalen Unternehmens aus Marburg. ­Sabine Balzer, Leiterin des Fachbereiches Familie und Soziales, ist derzeit noch mit dem Wiederaufbau der Kindertagesstätte an der Alsfelder Straße ­beschäftigt. Die Einrichtung hat es am schlimmsten erwischt – zweieinhalb Meter hoch stand das Wasser in der Unwetternacht. Durch den Wasserdruck sind sogar Scheiben aus der Fassung gedrückt worden. Die Heizung stand im Wasser, sämtliche Materialien und Vorratssachen, die im Keller untergebracht waren, sind zerstört worden.

Über die Hilfe, die dem Kindergarten durch Schule, Anwohner und Eltern widerfuhr, zeigt sich Sabine Balzer „berührt und gerührt.“ Auch die MKG zeigte sich großzügig. Sie überweist demnächst eine Summe in Höhe der Personal- und Fahrzeugkosten, die bei den Einsätzen in Niederwald und Stausebach entstanden sind. Dieses Geld wird in den Wiederaufbau der Kindertagesstätte Alsfelder Straße gehen.

von Nadine Weigel 
und Katja Peters