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Auf Freude am Lernen folgt tiefer Frust

Integration Auf Freude am Lernen folgt tiefer Frust

Sprachkurse gelten als elementarer Teil einer erfolgreichen Integration. An der Grundschule II in Stadtallendorf muss ein Deutschkurs ausfallen, weil eine Behörde die Förderrichtlinie kurzfristig änderte.

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Deutschkurse sind ein wesentlicher Bestandteil der Integrationspolitik in Deutschland. Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Stadtallendorf. Das Elterncafé im Gebäude der Waldschule hat sich sehr schnell etabliert. Seit vergangenen Herbst gehört der Raum der Schulküche allen Eltern. Ihr Café ist dabei Begegnungsstätte, aber auch Bildungs- und Beratungszentrum. Vor allem türkischstämmige Mütter nehmen das Angebot, das von Hülya Kirli mitbetreut wird, sehr gut an. Der erste und wichtigste Wunsch, den die Mütter äußerten, war der nach einem Deutschkurs. „Viele dieser Mütter leben seit Jahrzehnten in Deutschland in ihren Familienverbänden“, erläutert Gereon Muckelmann, Konrektor der Grundschule II.

Den Wunsch erfüllte die Schule in enger Kooperation mit der Volkshochschule und dem Büro für Integration des Kreises den Müttern gerne, zumal derartige Sprachkurse mit Bundesmitteln finanziert werden. Angesichts eines Migrantenanteils von 91 Prozent hat die Grundschule II von je her ein großes Interesse an Integrationsangeboten

Es gab gleich genügend Anmeldungen für den Kurs. 16 Frauen begannen mit dem Unterricht. „Und wir hätten auch noch mehr Interessenten für weitere Kurse gehabt“, sagt Hülya Kirli. Ausgelegt war der Kurs auf 12 Unterrichtseinheiten pro Woche, so, wie es den ursprünglichen Vorgaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) beim Kursstart entsprach. Doch das BAMF änderte die Regeln zum Jahreswechsel. Statt 12 Unterrichtseinheiten pro Woche sind nunmehr 15 vorgeschrieben. Ansonsten gibt es für den Kurs nach Angaben von Florian Rüther, Fachbereichsleiter bei der VHS, keine Bundesgelder.

Die Konsequenz: Mittlerweile liegt der begonnene Kurs nach erfolgreichem Auftakt nach den ersten 100 Stunden auf Eis. Eigentlich sollte er 900 Stunden umfassen, also rund anderthalb Jahre dauern. Am Ende des Kurses hätte ein Zertifikat gestanden, das unter anderem bei Einbürgerungen von Nutzen wäre. Die Mütter hatten sich auf die zwölf Unterrichtsstunden pro Woche eingerichtet. Eine Erhöhung der Stundenzahl lässt sich jetzt offenbar nicht mehr realisieren, zumal die Hausfrauen zahlreiche weitere Verpflichtungen in ihren Familien haben. So schilderten es Rüther und Muckelmann gegenüber dieser Zeitung.

Sören Bartol: Wenig Flexibilität bei Behörde

„Jetzt ist die Frustration bei den Frauen groß“, bedauert Muckelmann. Auch Claus Schäfer, Leiter des Büros für Integration, steht ratlos vor der Entwicklung nach dem Jahreswechsel. Diese Mütter hätten sich von sich aus um diesen Kurs bemüht, zum Beispiel, um mit ihren Kindern Schularbeiten machen zu können, ergänzt Muckelmann. „Allen ist klar, dass die Vermittlung der deutschen Sprache die Kernaufgabe der Integration ist“, betont Claus Schäfer.

Aufgeben wollen die Initiatoren aber keineswegs. Hilfe erhoffen sie sich unter anderem vom heimischen Bundestagsabgeordneten Sören Bartol (SPD), dem sie das Problem schilderten und dabei auch das Elterncafe-Konzept vorstellten. Unter dem Strich geht es um die Finanzierung von 15000 Euro durch das BAMF. Bartol will jetzt den Kontakt zu der Bundesbehörde in Nürnberg suchen und dabei helfen, eine Lösung zu finden. „Mir scheint, dass es in diesem Fall wenig Flexibilität bei der Behörde gibt“, sagt Bartol. Auch der Kreis-Schuldezernent Dr. Karsten McGovern (Bündnis 90 / Die Grünen) ist auf Seiten der türkischen Frauen. Er hat sich bereits schriftlich an das Bundesamt gewandt.

Das Bundesamt selbst will sich zu Beginn der nächsten Woche zu den Änderungen der Mindeststundenzahl und dem Stadtallendorfer Fall gegenüber dieser Zeitung äußern.

Dem BAMF stehen in diesem Jahr 120 Millionen Euro für Sprachkurse zur Verfügung.

Am Erfolg des Elterncafés will die Waldschule in jedem Falle anknüpfen. Sinnvoll wäre es dafür, wenn es für das Cafe einen eigenen Raum gäbe. In dem für das Ganztagsangebot der Schule geplanten Neubau wäre das realisierbar. Den Wunsch hat die Schule bereits beim Kreis als künftigen Bauherrn geäußert.

von Michael Rinde

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