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Ostkreis Auch das "Gaming" birgt Gefahren
Landkreis Ostkreis Auch das "Gaming" birgt Gefahren
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18:04 24.05.2017
Sebastian Reinhard berichtete in einem rund einstündigen Vortrag von den Gefahren, die von ­Online-Sportwetten und Internet-Glücksspielen ausgehen. Quelle: Karin Waldhüter
Stadtallendorf

Mit dem Glücksspiel sein Glück verspielen: Das Internet dient der Informationsbeschaffung, als soziale Kontaktbörse und wird für Onlineeinkäufe genutzt. Doch Online-Glücksspiele und Internet-Sportwetten spielen inzwischen auch in der Suchthilfe und Suchtberatung eine wachsende Rolle.

In Stadtallendorf fand nun eine Veranstaltung statt, die Teil der zehnten Marburger Suchthilfetage ist. Sie stand unter dem Motto „Jeder Klick ein Treffer - Sportwetten und Glücksspiel im Internet“. Organisator war die Sucht- und Drogen­beratung des Diakonischen Werks Marburg-Biedenkopf in Zusammenarbeit mit der Koordinatorin der Suchthilfetage, Giesela Gerken, vom Kreisgesundheitsamt Marburg.

„Das Thema ist uns zu einer Herzensangelegenheit geworden“, erklärte Dieter Schmitz, Leiter der Sucht- und Drogenberatungsstelle des Diakonischen Werks im Besprechungsraum des Rathauses. „Das Thema ist in der Politik sehr präsent“, ergänzte Stadtallendorfs Bürgermeister Christian Somogyi und erinnerte an das Jahr 2014, in dem er einen runden Tisch ins Leben gerufen hatte, um Probleme, die es in der türkischen Gemeinde gab, anzugehen. Damals arbeiteten die Stadtallendorfer eng mit der Sucht- und Drogenberatung des Diakonischen Werks und Heinz Frank, dem Chef der Polizeistation, zusammen.

Im Jahre 2014 verbuchte die Kommune beim Glücksspiel einen Betrag von 440000 Euro. „Allein in Stadtallendorf - das kann man sich kaum vorstellen“, betonte Somogyi und ergänzte, dass die Kommune gerne auf das Geld verzichten würde. In diesem Zusammenhang erklärte er, dass die Stadt erreicht habe, dass drei Spielhallen geschlossen wurden. Der Bürgermeister ergänzte, dass weitere folgen sollen. Oft gingen schließlich Jahre ins Land, bis es den Betroffenen klar werde, dass sie spielsüchtig seien. Meist werde dies erst bemerkt, wenn kein Geld mehr nach Hause komme und Geld für ­Materialien und Nahrung fehle.

Regulierung greift

In der zweiten Jahreshälfte treten in Hessen Änderungen des Spielhallengesetzes in Kraft. „14000 Spieler haben sich in Hessen in recht kurzer Zeit selbst sperren lassen“, erklärte Schmitz und unterstrich mit Blick auf die Änderungen, wie wichtig die Regulierung und die Reduzierung des Angebotes seien.

In dem gut einstündigen Vortrag, der in eine Diskussion überging, nahm sich Sebastian Reinhard, Sozialpädagoge und Fachberater im Bereich Glücksspielsucht des Diakonischen Werks, dem Thema „Jeder Klick ein Treffer - Sportwetten und Glücksspiel im Internet“ an. Er berichtete, dass Glücksspielanbieter in den vergangenen Jahren mit immer neuen Angeboten lockten und schnelle und immer höhere Gewinne versprächen. Lagen im Jahre 2012 die Einsätze für Sportwetten in Deutschland bei 3,46 Milliarden Euro, so wird in diesem Jahr, laut einer Prognose von Goldmedia, erstmals die Fünf-Milliarden-Grenze überschritten.

Vom Gesetzestext her seien Online-Glücksspiele im Prinzip verboten, fänden aber dennoch statt, betonte Reinhard. „Die Anonymität ist gegeben, die Ereignisfrequenz kann ich bestimmen: 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche“, sagte Reinhard und warnte vor den Gefahren des Smartphones, das heute von 99 Prozent aller 12 bis 19-Jährigen genutzt werde: „Oft muss nur noch der Daumen bewegt werden, um Geld einzubezahlen.“

Seit Anfang 2001 ist das pathologische Glücksspielen von Krankenkassen und Rentenversicherungsträgern als rehabilitationsbedürftige Krankheit anerkannt. In seinem Vortrag beschrieb Reinhard auch die psychischen Wirkungen des Glücksspiels, wie das Erleben eines Kicks und beschrieb den „Kater“ danach, der sich nach dem Spiel durch Scham-, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle äußere. Reinhard machte aber auch auf die zunehmende Gefahr des „Gaming“, das häufig über Facebook stattfinde, aufmerksam.

von Karin Waldhüter

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