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Anne Schmitz: „Wir als Kirche suchen Klarheit"

Interview zum Thema Missbrauch Anne Schmitz: „Wir als Kirche suchen Klarheit"

Anne Schmitz, die Missbrauchsbeauftragte des Bistums Fulda äußert sich im OP-Interview zu den Vorfällen im früheren Schülerheim der Stiftsschule in Amöneburg und nimmt Stellung zum Umgang mit Tätern und Opfern.

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Anne Schmitz ist seit 2003 Missbrauchsbeauftragte des Bistums in Fulda.

OP: Der frühere Missbrauchsbeauftragte des Bistums Limburg, Benno Grimm, ist zurückgetreten, weil die Belastungen überhand nahmen. Wie gehen Sie mit dem um, was auf Sie in diesen Wochen einwirkt?
Anne Schmitz: Es sind besondere Belastungen und Tiefen, die ich erfahre. Ich nehme viele Eindrücke aus Gesprächen abends mit nach Hause, habe für mich aber auch Methoden entwickelt, damit umzugehen. Bisher komme ich zurecht.

OP: Die katholische Kirche finanziert Therapien für Menschen, die in ihren Einrichtungen Missbrauchsopfer wurden. Machen viele Opfer davon Gebrauch?
Schmitz: Nicht alle, einige Opfer haben ihr Leben ja auch gut im Griff und wollen keine Therapie. Bei diesen Menschen sind jetzt allerdings die Erinnerungen an die Oberfläche gekommen. Für viele ist es gut, dass sie gerade bei der Kirche einen Ansprechpartner finden. Andere brauchen dringend Hilfe durch Therapeuten. Aber diese Opfer von sexuellem Missbrauch spüren das meist selbst, wenn sie anfangen zu reden.

OP: Bischof Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz, hat eingeräumt, dass zahlreiche Fälle von sexuellem Missbrauch massiv vertuscht oder verschleiert wurden. Wie sieht Ihre Aufklärungsarbeit im Bistum Fulda aus?
Schmitz: In den vergangenen Jahren ist die Kirche anders mit Missbrauchsfällen umgegangen als in der Gegenwart. Heute bearbeite ich alles, was ans Licht kommt, so, wie es heute möglich und üblich ist. Wir sprechen mit Opfern und auch mit den Tätern, wenn möglich versuchen wir sogar gemeinsame Gespräche zustandezubringen. Auch heute nach Jahrzehnten muss es noch Möglichkeiten geben, teilweise fürchterliche Geschehnisse gemeinsam zu besprechen, aufzuarbeiten und zu einer Entschuldigung zu kommen.

OP: Gibt es solche Gespräche auch in den beiden Missbrauchsfällen im früheren Schülerheim, dem ehemaligen Internat der Amöneburger Stiftsschule?
Schmitz: Es gibt dort sogar sehr intensive Gespräche. Ein gemeinsames Gespräch von Täter und Opfern hat bisher noch nicht stattgefunden, ist aber angedacht. Damit muss man sehr behutsam umgehen. Beide Seiten müssen dafür auch weit genug sein. Mir ist es in diesem Zusammenhang wichtig, noch einmal zu betonen, dass sich diese Missbrauchsfälle 1976 nicht in der Schule, sondern dem damaligen Internat ereignet haben.

OP: Wurden auch die Missbrauchsfälle im damaligen Amöneburger Schülerheim vom Bistum systematisch vertuscht und verschleiert?
Schmitz: Es wurde nicht so mit den Fällen umgegangen, wie es heute üblich und notwendig wäre. So viel ist klar.

OP: Also waren die Vorfälle im Schülerheim 1976 schon in Amöneburg und beim Bistum bekannt?
Schmitz: Die Aktenlage gibt darüber nichts her. Wir haben die Marburger Staatsanwaltschaft angeschrieben. Dort gibt es keine Unterlagen mehr.

OP: Wie charakterisieren Sie die zwei Missbrauchsfälle von Amöneburg? Lassen sie sich auf der juristischen Skala einordnen?
Schmitz: Es ist generell sehr schwer, einen sexuellen Missbrauch einzuordnen. Das liegt zuallererst im Empfinden des Opfers. Darum würde ich als Missbrauchsbeauftragte nie sagen, das ist ein leichter oder ein besonders schwerer Fall von sexuellem Missbrauch. Jeder Mensch, dem etwas derartiges widerfahren ist, nimmt Missbrauch anders wahr. Ich werde mich immer vor Einordnungen hüten.

OP: Sie haben die beiden Amöneburger Missbrauchsfälle an die Staatsanwaltschaft in Marburg weitergegeben, obwohl sie wahrscheinlich verjährt sind, warum?
Schmitz: Sie sagen es selbst, die Fälle sind höchstwahrscheinlich verjährt. Ich möchte das aber eindeutig geklärt haben. Wir als Kirche suchen Klarheit. Wir sind keine Ermittlungsbehörde, die die nötigen Entscheidungen treffen kann. Wenn die Staatsanwaltschaft entscheidet, es ist verjährt, dann müssen wir das hinnehmen. Aber vorher muss der Fall eindeutig untersucht werden.

von Michael Rinde

Das komplette Interview lesen Sie am Dienstag in der gedruckten OP.

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