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Angeklagter gibt den Ahnungslosen

Amtsgericht Angeklagter gibt den Ahnungslosen

Weil sich ein Angeklagter bei seiner polizeilichen Vernehmung geständig gezeigt hatte, setzte Richter Joachim Filmer für die Verhandlung nur eine viertel Stunde an. Der Prozess zog sich dann doch in die Länge.

Stadtallendorf. Der zur Zeit arbeitslose Saisonarbeiter war angeklagt, gemeinsam mit einem noch nicht ermittelten Kumpanen am 12. August 2012 gegen 13.40 Uhr in Stadtallendorf einen versuchten Einbruch mit Waffen begangen zu haben. Das Duo war laut Anklage durch einen Zaun auf das Gelände der Herrenwald-Kaserne gelangt und brach dort eine zum ehemaligen Munitionsdepot gehörende Halle auf. Dabei führten sie ein Messer mit 15 Zentimeter langer Klinge, einen Geißfuß und zwei Brecheisen mit. Zum Diebstahl kam es nicht mehr, weil die Einbrecher durch zwei Mitarbeiter einer Firma, die eine benachbarte Halle aufsuchten, gestört wurden.

Das Duo ging stiften und ließ das am Zaun angestellte Tatfahrzeug stehen. Über das Kennzeichen ermittelte die Polizei einen der beiden Täter, der sich jetzt vor dem Kirchhainer Amtsgericht zu verantworten hatte.

Der vor der Polizei noch so redselige 22-Jährige gabt sich vor Gericht wortkarg und völlig ahnungslos. Er räumte lediglich ein, mit einer Kombizange ein Loch in den Zaun geschnitten zu haben. Und er gestand, dass er ein Kabel, das neben mehreren Fahrzeugen in der Halle lag, habe mitnehmen wollen. Zur Tatausführung machte der Alsfelder keine Angaben, und so entwickelte sich im Gerichtssaal ein monotones Frage- und Antwortspiel:

„Warum haben Sie diese Halle ausgesucht?“

„Keine Ahnung.“

„Was wollten Sie da?“

„Keine Ahnung.“

„Woher stammt das am Tatort aufgefundene Einbruchwerkzeug?“

„Keine Ahnung.“

„Wer hat das Messer mitgebracht?“

„Keine Ahnung.“

„Das schafft man nicht mit einer kleinen Kombizange“

„Wer hat das Hallentor aufgebrochen?“

„Keine Ahnung.“

„Wie haben Sie ohne Werkzeug das Tor aufgebrochen? Mit den Fingernägeln?“

„Keine Ahnung. Da war so eine Eisenstange.“

An dieser Stelle reichte es dem Richter. „Ich nehme Ihnen nicht ab, dass sie ungeplant und ohne Werkzeug einen Bruch machen wollten. Die Verriegelung des Tores wurde aus dem Holz herausgebrochen. Das schafft man nicht mit einer kleinen Kombizange“, stellte Joachim Filmer fest, ehe er die sechs Vorbelastungen des 22-Jährigen verlas, der unter anderen wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit räuberischer Erpressung, Urkundenfälschung und fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs verurteilt worden war.

Anklagevertreter Peter Heinisch bescheinigte dem Angeklagten, zielstrebig und systematisch vorgegangen zu sein „Sie haben erst geguckt, wo es was zu holen gibt“, sagte Heinisch unter Hinweis auf ein im Tatfahrzeug gefundenes Fernglas. „Sie haben sechs Vorbelastungen, allesamt keine Lapalien. Deshalb wird es jetzt ernst und höchste Zeit für Sie, ihr Leben zu strukturieren, sagte Heinisch und beantragte wegen gemeinschaftlichen versuchten Einbruchdiebstahl mit Waffen eine viermonatige Freiheitsstrafe, auf drei Jahre auszusetzen auf Bewährung. Bewährungsauflage: 150 Stunden gemeinnütziger Arbeit.

Joachim Filmer folgte dem Antrag der Staatsanwaltschaft, legte beim Strafmaß aber noch etwas drauf: 6 Monate Freiheitsstrafe zur Bewährung, wobei die Bewährungszeit drei Jahre beträgt. Außerdem musste der nach eigenem Bekunden hoch verschuldete Angeklagte 1000 Euro an eine diakonische Einrichtung in Alsfeld bezahlen.

„Sie wissen ganz genau, was passiert ist. Bei gemeinschaftlichen Tatbegehungen ist es gleichgültig, ob Sie oder Ihr Kumpel das Brecheisen angesetzt haben. Der Versuch scheiterte aus Zufall - ohne Ihr Zutun“, sagte Filmer, und gab dem Angeklagten eine Warnung mit auf den Weg: „Sie haben ihre Freifahrtscheine allesamt verbraucht.“ Nach Rechtsmittelverzicht erlangte das Urteil sofort Rechtskraft.

von Matthias Mayer

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