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Ostkreis Entschuldigung des Bürgermeisters bleibt aus
Landkreis Ostkreis Entschuldigung des Bürgermeisters bleibt aus
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00:18 19.08.2018
Amöneburgs Bürgermeister Michael Plettenberg steht in der Kritik. Quelle: Michael Rinde
Amöneburg

„Ich bin erschüttert und habe mich fremdgeschämt“, kommentierte SPD-Fraktionsvorsitzender Winfried Nau Aussagen von Michael Plettenberg zum Akteneinsichtsausschuss, der sich mit den immens gestiegenen Kosten bei der Sanierung des „Treffpunkts“ Rüdigheim beschäftigt hatte. Der Bürgermeister drosch nach der Veröffentlichung des Abschlussberichts, den das Gremium verfasst hatte, verbal auf insbesondere Vorsitzenden Jochen Splettstößer und die CDU ein. Am Montag reagierten die Stadtverordneten mit Unverständnis und Verärgerung, während die rund 20 Bürger im Publikum ihren Unmut lautstark kundtaten.

Jan-Gernot Wichert (CDU) betonte noch einmal, dass es dem einstimmig von der Stadtverordnetenversammlung initiierten Ausschuss um fehlende Informationen und Controlling bei der Finanzierung des Projektes ging, dessen Kosten im Laufe der Umsetzung fast um das doppelte gestiegen waren. „Der Bürgermeister beschädigt durch die wiederholten Falschäußerungen das Verhältnis zwischen Bürgern, den ehrenamtlich vor Ort Aktiven den ebenfalls ehrenamtlich engagierten politischen Verantwortlichen“, sagte Wichert auf die Anschuldigung, der Ausschuss habe das Projekt schlechtmachen wollen.

Stefan Lauer: Kritik ging „unter der Gürtellinie“

„Dass Sie alles anders sehen, liegt daran, dass Versäumnisse offengelegt werden, die in Ihrem Verantwortungsbereich liegen“, ergänzte Stefan Lauer (FWG) und monierte, dass es während der Projektumsetzung weder Transparenz noch Kostenkontrolle gegeben habe. „Erst richtig planen, dann bauen“, sagte er und forderte, dass die Stadtverordneten künftig zeitnah informiert werden, wenn bei Projekten die Kosten steigen.
Nau fügte noch hinzu, dass Plettenberg mit seinen Worten in Richtung CDU und Jochen Splettstößer alle Ausschussmitglieder „unter der Gürtellinie“ beleidigt habe, da sich alle mit dem Ausschuss identifizierten.

Geschlossen forderten sie daraufhin eine Entschuldigung und gaben dem Bürgermeister mit auf den Weg, er solle – falls tatsächlich die von ihm bemängelten zahlreichen Fehler in dem Werk enthalten seien – diese korrigieren. Die Stadtverordneten wollten die Ergebnisse des Ausschusses schließlich für ihre künftige Arbeit nutzen.

„Vielleicht kann es sein, dass ich überreagiert habe“

„Es war nie meine Absicht, jemanden zu verletzen“, entgegnete Plettenberg – was das Publikum mit einem lauten Lachen quittierte. Die geforderte Entschuldigung bleib aus, stattdessen bezeichnete er die Ausschussarbeit als chaotisch und unterstellte den Stadtverordneten erneut, sie wollten das Projekt schlechtmachen. „Vielleicht kann es sein, dass ich überreagiert habe – aber ich wollte mich schützend vor die Menschen stellen, die ihre Worte als Kritik an ihrer Arbeit sehen“, sagte er. Stadtverordnetenvorsteher Stefan Heck (CDU) kommentierte: „Ich bin sprachlos. Ihnen wurden goldene Brücken aufgezeigt. Und nehmen Sie zur Kenntnis, dass sie niemanden schützen mussten, weil wir niemanden angreifen wollten.“

von Florian Lerchbacher

Erschütternd

Kritik mag niemand. Aber wenn ein Bürgermeister sich hinstellt und zugibt, Projektkosten bewusst niedrig angesetzt zu haben, muss er sich nicht wundern, wenn Stadtverordnete hellhörig werden. Dass Michael Plettenberg ­dafür verbal auf sie einschlägt, ist erschütternd. Die Bürger können froh sein, dass die von ihnen gewählten, ehrenamtlichen Kommunalpolitiker ihren Pflichten nachkommen und ihre ureigenste Aufgabe, das Haushaltsrecht, wahrnehmen.