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Ostkreis Am Anfang waren ein paar Scherben
Landkreis Ostkreis Am Anfang waren ein paar Scherben
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20:31 23.04.2017
Ein Bild des Schlossberges im Hintergrund, hieß Ludwig Pigulla die Gäste willkommen. Foto: Schick Quelle: Yanik Schick
Rauschenberg

Eine Handvoll Männer und Frauen haben sich vor einem Erdhügel versammelt. Sie werfen konzentrierte Blicke auf den Boden und sind umringt von einigen Schubkarren. Wer genau nun an diesem Haufen Erde steht, ist heute nicht mehr einwandfrei zu erkennen: Die Personen haben größtenteils ihren Rücken zur Kamera gerichtet. Dieses Foto, ziemlich genau ein Viertel­jahrhundert alt, dokumentiert allerdings die Geburtsstunde der Interessengemeinschaft (IG) Schlossberg.

Damals, 1992, hatte gerade ein Bagger an der Ringmauer der Schlossruine zwecks Sanierungsarbeiten Erde ausgehoben. Einige interessierte Beobachter bemerkten in diesem Haufen kleine Scherben, die auf den ersten Blick wohl genauso unspektakulär wirkten wie jenes alte Foto, das die Mitglieder der IG anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Gruppe an die Leinwand in der Kratz’schen Scheune in Rauschenberg projizierten.

Doch nach dem zweiten Blick war das Interesse der Beobachter zum damaligen Zeitpunkt schnell geweckt. „Wir fanden das ganz spannend. Für uns hatte das etwas von einer Spurensuche“, erinnerte sich Jürgen Damm, Mitglied der IG Schlossberg.

Was hatte es mit den Scherben, auf denen zum Teil besondere Muster abgebildet waren, auf sich? Und wo kamen sie her? „Wir hatten damals einen Kenntnisstand von null“, gab Ludwig Pigulla zu, der ebenfalls zu den inzwischen sieben aktiven Mitgliedern der Interessengemeinschaft gehört. Damals suchte die Gruppe also nach weiteren Scherben, verschaffte sich Sachkenntnis - unter anderem durch Exkursionen und viele Gespräche mit Fachleuten - und fand schließlich heraus, dass die Scherben zu einem mittelalterlichen Renaissance-Kachelofen gehörten. Mindestens 20 davon gab es mutmaßlich in dem Schloss bis zu seiner Zerstörung im Jahr 1646.

Emmerich: Interessengemeinschaft schafft "ein Gedächtnis unserer Geschichte"

Ein kleines Puzzleteil, das etwas mehr Aufschluss über das Leben in der Stadt in vergangenen Jahrzehnten gibt. „Die Interessengemeinschaft kümmert sich um das kulturelle Erbe Rauschenbergs“, adelte Bürgermeister Michael Emmerich, „sie schafft damit ein Gedächtnis unserer Geschichte.“

Historische Fragestellungen rund um den Schlossberg sowie die Ruine zu erforschen und die gefundenen Antworten zu präsentieren - das hat sich die IG als Ziel auf die Fahne geschrieben. Seit nunmehr 25 Jahren veranstaltet sie daher Ausstellungen und Führungen, erstellt Info-Flugblätter und Reproduktionskacheln und geht mit Interessierten auf Wanderungen. „Wir möchten die Bevölkerung für den Wert dieses Baudenkmals sensibilisieren“, erklärte Jürgen Damm; „damals wie heute ist es unsere Botschaft, dass wesentlich sorgsamer mit der Ruine umgegangen werden sollte.“

Noch am selben Tag, an dem die IG mit knapp 75 Gästen in der Kratz’schen Scheune ihr Jubiläum feierte, referierten die beiden Fachmänner Prof. Dr.-Ing. Helmut Burger und Harald Rosmanitz zum Thema „Ofenplatten“. Am Sonntag zeigte die IG zudem eine Ausstellung, bei der rund 50 Bilder zu sehen waren, die vor allem die Kirche, den Schlossberg und das Rathaus, aber auch kleinere Gassen und Winkel der Stadt zeigen. Rauschenberger Künstler hatten die Motive auf unterschiedliche Weise gemalt und gezeichnet. Die Bilder sind heute im Privatbesitz von Rauschenbergs Einwohnern und zum Teil mehr als 100 Jahre alt.

„Mich freut es, dass die Besitzer ihre Bilder zu dieser Aus­stellung zur Verfügung gestellt haben“, sagte Ludwig Pigulla, „in den vergangenen Wochen sind so viele Leute auf mich zugekommen, wir hätten noch viel mehr Bilder ausstellen können.“

von Yanik Schick

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