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Ostkreis Eine Gemeinde verliert ihr zu Hause
Landkreis Ostkreis Eine Gemeinde verliert ihr zu Hause
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19:15 30.12.2013
Pfarrerin Stephanie Busch zündet die Altarkerzen an, vielleicht bereits zum letzten Male. Im Hintergrund erstrahlen Osterkerze und Weihnachtsbaum. Foto: Michael Rinde
Stadtallendorf

Was mit der Einweihung am 20. Juni 1965 durch Bischof Adolf  Wüstemann begann, findet heute Abend ein Ende, die Zeit der Herrenwaldkirche als Gotteshaus. Das Ereignis geht vielen aktiven Gemeindemitgliedern nahe. „Einige haben angekündigt, dass sie nicht kommen werden, weil sie es nicht ertragen können“, sagt Pfarrerin Stephanie Busch, seit fünf Jahren Seelsorgerin im Pfarrbezirk II „Herrenwaldkirche“  der evangelischen Gemeinde Stadtallendorf.

Mit „viel Trauer“ blickt Edelgart Müller, 28 Jahre lang Pfarrsekretärin und auch im Kirchenvorstand aktiv, auf das nahende Ende ihrer Herrenwaldkirche. Sie brauchte bisher nur wenige Minuten zu laufen, um in ihrer Kirche zu sein, der Kirche, in der ihre Kinder getauft wurden. „Diese Kirche ist mein Zuhause“, sagt sie. Mit der Entscheidung, die Kirche aufzugeben, habe sie sich „kein bisschen angefreundet“. Dass es nie ernsthafteren Widerstand gegen das Aus für die Herrenwaldkirche gab, kann sie sich nicht erklären. „Viele haben sich einfach nur damit abgefunden, dass die Kirche aufgegeben wird“, meint sie, mit Wehmut in der Stimme. Anders als andere Gemeindemitglieder will sie heute Abend aber unbedingt am Gottesdienst teilnehmen, auch, um Abschied zu nehmen.

Bibel und Osterkerze werden aus der Kirche getragen

Pfarrerin Busch hält den Gottesdienst, Propst Helmut Wöllenstein übernimmt die eigentliche Entwidmung. Formell bedeutet der Akt, bei dem Wöllenstein eine Urkunde verlesen wird, die Rücknahme des gottesdienstlichen Gebrauches. Der besondere Ablauf des Entwidmungsgottesdienstes trägt dem Rechnung: Mitglieder aus Kirchenvorstand und Gemeinde werden beispielsweise Bibel, Osterkerze oder Taufbecken in die Hand nehmen und aus der Kirche tragen.In einer Prozession folgt die Gemeinde nach draußen.

Erst dort endet der Gottesdienst, was symbolisch gemeint sein wird, wie Wöllenstein und Busch erläutern. Es soll zeigen, dass das Gemeindeleben weitergeht. Alle Gottesdienst-Gegenstände siedeln in die Stadtkirche um. Sie werden dort weiterhin in Gebrauch sein . „Sie verschwinden nicht in einem Schrank“, betont Propst Wöllenstein. Er wird den Gottesdienst mit „ganz gemischten Gefühlen“ heute Abend mitgestalten. All das sei „kein gutes Zeichen.“

Die Entwidmung der Herrenwaldkirche ist ein Einschnitt, der weit über die Grenzen der Stadtallendorfer Gemeinde hinausgeht. Sie ist auch für die evangelische Landeskirche Kurhessen-Waldeck (EKKW) ein Novum, Wöllenstein spricht von „Neuland“. Entwidmungen  gab es in der EKKW bisher lediglich bei kleineren, baufälligen Kapellen, bisher nie von einer Kirche und auch nie aus letztlich finanziellen Gründen.

Auftakt für weitere Kirchenschließungen?

Ist die Aufgabe der Stadtallendorfer Herrenwaldkirche ein Auftakt für eine Reihe von Kirchenschließungen im Gebiet der Landeskirche, die schließlich auch unter massivem Sparzwang steht? Helmut Wöllenstein hofft zwar, dass die Entwidmung der Herrenwaldkirche „ein singuläres Ereignis bleibt“. Er betont auch, dass die Landeskirche zusammen mit Gemeinden um jede Kirche in Dörfern kämpfen will. Doch in städtischen Regionen will er als Vertreter der Landeskirche sie auch nicht gänzlich ausschließen. Das gelte etwa, wenn dort mehrere Kirchen vorhanden wären und der Erhalt einer Kirche letztlich auf Kosten des Erhalts des übrigen Gemeindelebens gehen müsste.

Um das Gemeindeleben ging es auch dem Stadtallendorfer Kirchenvorstand, als er seinerzeit seine Entscheidung traf. Eine Alternative wäre die Aufgabe des Kindergartens und weiterer Einrichtungen der Kirchengemeinde gewesen. Unter dem Strich stand die Gemeinde vor der Verpflichtung, jährlich 35 000 Euro im Etat einzusparen.

Noch in anderer Hinsicht ist die Entwidmung der Herrenwaldkirche Neuland. Denn: Erstmals musste eine Kirchengemeinde in der EKKW den eigentlichen Abschiedsprozess gestalten. „In Stadtallendorf ist der Prozess gelungen“, sagt Propst Wöllenstein, der von Beginn an in die Entwicklung eng eingebunden war. Er bleibt dabei: „Es war gut, dass sich die Gemeinde dieser Entscheidung früh gestellt hat, zu einem Zeitpunkt, wo sie noch eine eigene Entscheidung treffen konnte.“

Ein großer Einschnitt

Das Gemeindeleben in der Herrenwaldkirche hat sich in den zurückliegenden Wochen bereits weitgehend in die Stadtkirche und das Gemeindehaus in der Liebigstraße verlagert. Besonders für die Brüdergemeinde der Russlanddeutschen ist das ein großer Einschnitt. „Sie haben 20 Jahre lang hier ihre Gottesdienste gehalten und auch die Gottesdienste der Kirchengemeinde maßgeblich mitgestaltet“, verdeutlicht Pfarrerin Busch. Sie haben künftig in der Stadtkirche eigene Gottesdienstzeiten.

Der seit den 1970er Jahren bestehende Frauenkreis, den Edelgart Müller mit ins Leben rief, wird sich wohl auflösen. „Es sei denn, wir bekämen vielleicht doch noch eine Möglichkeit, uns einmal in der Woche hier zu treffen“, sagt Müller. Denn unter den allesamt mehr als 70 Jahre alten Frauen bleibe das Bedürfnis groß, sich auszutauschen, von Neuigkeiten in der Gemeinde zu hören.

Für Pfarrerin Stephanie Busch  ist der Abschied von der Herrenwaldkirche in jeder Hinsicht ein Einschnitt. Allerdings wird sie vorerst ihre Wohnung im Gemeindehaus behalten. „Doch es wird ein komisches Gefühl, neben einem leeren Gebäude zu wohnen“, bekennt sie.
Offen bleibt die Frage, was mit dem Gebäude samt Gemeindehaus und Grundstück passieren wird. Alle Bemühungen, einen Käufer zu finden, sind bisher gescheitert (die OP berichtete). Es bleibt bei dem klaren Statement der Landeskirche, dass sie das ab morgen ehemalige Gotteshaus selbst nicht abreißen wird.

  • Musikalisch wird der heutige Gottesdienst mitgestaltet durch Kantorin Soonyoun Yoo an der Orgel, Gereon Muckelmann, Saxophon und Robert und Marie Biletic, Gitarre und Gesang. Die evangelischen Gottesdienste finden am Neujahrstag ab18 Uhr und dann jeweils sonntags ab 10.30 Uhr in der Stadtkirche statt.

Ab dem 5. Januar steht  für die Gottesdienstbesucher sonntags um 10.10 Uhr an der Herrenwaldkirche ein Taxi zur Stadtkirche bereit.

von Michael Rinde

Chronologie

Einige Daten aus der Historie der Herrenwaldkirche:

  • 3. Juni 1962: Erster Spatenstich
  • 2. Juni 1963: Grundsteinlegung
  • 31.12.1969: Einweihung der neuen Kirche. Erster Pfarrer ist Karl-Heinz Bauer
  • 1979/80: Anbau der Gemeinderäume
  • 1984: Sanierung des Kirchturmes
  • 25.12.1986: Weihnachtsgottesdienst für Spätaussiedler
  • 1988: Im Gemeindehaus finden erstmals Deutschkurse für Spätaussiedler statt
  • 24.12. 1992: Erstmals hängen die für die Herrenwaldkirche angeschafften Antepedien auf Altar und Kanzel
  • April 2009: Förderverein Herrenwald gründet sich für den Pfarrbezirk II
  •  Juni 2012: Der Kirchenvorstand fällt nach mehreren Gemeindeversammlungen und Beratung verschiedener Modelle die Entscheidung, die Herrenwaldkirche aufzugeben