Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis 78-Jährigen auf der Anklagebank
Landkreis Ostkreis 78-Jährigen auf der Anklagebank
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 02.12.2013
Die vermeintliche Tatwaffe: Mit dampfenden Wasser aus einem Wasserkocher soll die Angeklagte auf Nachbarn losgegangen sein. Quelle: Thorsten Richter
Stadtallendorf

Den sollte es auch geben. Zum hohen Alter der in Stadtallendorf lebenden Russlanddeutschen kam ein beträchtliches Kommunikationsproblem. Die Angeklagte verstand das Gericht nicht und das Gericht nicht die Angeklagte. Die Angeklagte sprach einen deutschen Dialekt, der sich offenbar über Jahrhunderte in ihrer russischen Heimat nicht weiterentwickelt hatte. So dauerte es jeweils Minuten, um einfache Sachverhalte zu klären: Ist die Angeklagte deutsche Staatsbürgerin? Bezieht sie eine Rente? Hat ihr Gehstock am unteren Ende einen Gummistopfen?

Umso komplizierter gestaltete sich die Aufarbeitung der angeklagte Sachverhalte. Laut Anklageschrift soll die 78-Jährige am 31. Januar dieses Jahres im Hausflur den Verlobten einer Wohnungsnachbarin mit einem Gehstock geschlagen haben. Am 23. Februar spritzte sie laut Anklage mit heißem Wasser aus einem Wasserkocher in Richtung der Nachbarin und deren neunjährigen Sohn; zudem bezeichnete sie den Verlobten später als Arschloch. Staatsanwalt Georg Ungefuk hatte sie deshalb wegen gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen und Beleidigung angeklagt.

Wortreich und schwer verständlich

Die Angeklagte wies diese Vorwürfe zurück. „Ich well jetzt saache wä es war“, sagte sie. Das tat sie ebenso wortreich wie schwer verständlich. Nach zahlreichen Rückfragen von Gericht und Staatsanwalt ergab sich folgendes Bild: Nicht sie habe den Verlobten geschlagen, sonder dieser sie. Und dies mit beiden Fäusten gleichzeitig gegen ihren Hinterkopf. Dabei sei sie gegen ihre Wohnungstür geflogen, die darauf ins Schloss gefallen sei. Wie dies bei einer sich ins Wohnungsinnere öffnenden tür möglich gewesen sein sollte könnte sie ebenso wenig erklären, wie ihre Feststellung, dass der Angreifer plötzlich zu dem Messer und der Flasche kam, mit der dieser sie anschließend bedroht habe.

Sie erzählte von großen Problemen, die die Hausgemeinschaft mit den neuen Mietern habe. Trotz Rauchverbot schmissen diese ihre Zigarettenkippen in den Hausflur und veranstalteten am frühen Morgen und in der Nacht einen Heidenlärm. „Die kreischt wie an Bär und er tut se jage“, schilderte sie die akustische Situation.

Auch die beiden anderen Anklagevorwürfe wies sie zurück. Das heiße Wasser habe sie zur Hand gehabt, um Zigarettenasche vor ihrer Wohnung aufzuwischen. Und den Verlobten habe sie auch nicht beleidigt. Dafür habe dieser ihre Fahrräder platt gestochen.

Nach siebzigminütiger Vernehmung der Angeklagten begann Edgar Krug damit, seine Gerichtstakten zusammenzupacken. Vernehmlich ließ er die Haltegummis auf die Aktendeckel knallen. Jeder im Saal bekam mit, dass der Richter an dieser Stelle das Buch zumachen wollte - nur die Angeklagte nicht. Sie monologisierte weiter vor sich hin. „Alles Luge. Die sinn immä an uns dran. Die lasse‘ uns keine Ruh‘. Die junge Frau hat Stiefel gekaaft und von oben auf mich gespuckt. Blut kam aus dem Maul. . .“, wiederholte sie ihre Leidenslitanei wie ein Endlostonband.

Gehhilfe ist kein gefährliches Werkzeug

Dreimal musste der Richter ansetzen, ehe es ihm gelang, den Redefluss der Frau zu unterbrechen. Edgar Krug fasste die Dinge zusammen. Die Gehhilfe, mit der sie dem Verlobten ihrer Nachbarin einen leichten Wischer versetzt habe, sei kein gefährliches Werkzeug. Von dem heißen Wasser aus dem Wasserkocher sie niemand getroffen worden. Zudem sei nicht nachweisbar, dass die Angeklagte das Wasser gezielt gegen ihre Nachbarin und deren Sohn eingesetzt habe.

Einen Straftatbestand der versuchten fahrlässigen Körperverletzung gebe es allerdings nicht. So blieben für die rechtliche Würdigung des Falles allenfalls eine einfache Körperverletzung und eine Beleidigung, für die es jedoch keine unbeteiligten Zeugen gebe, sagte der Amtsgerichtsdirektor unter Hinweis auf laufende gegenseitige Anzeigen. Er schlug deshalb eine Einstellung des Verfahrens ohne Auflagen und auf Kosten der Staatskasse nach § 153 der Strafprozessordnung vor. „Ich stimme zu“, beeilte sich Staatsanwalt Georg Ungefuk zu sagen.

Und die Angeklagte? Die sagte nichts. Auch als das Gericht und die Staatsanwaltschaft ihr Wort für Wort erklärt hatten, dass sie keine Strafe bekommt, nicht vorbestraft sein wird und keine Kosten zu tragen hatte, schwieg sie weiter. Sie mag die irrige Erwartung gehabt haben, dass das Gericht ihren in diesem Verfahren nicht angeklagten Widersachern Weisungen oder Sanktionen erteilen würde. So sinnierte sie trotz des für sie bestmöglichen Ausgangs des Verfahrens: „Das geht doch nedd. Wir sin doch nedd allein.“ Erst als das Gericht von ihr ultimativ ein Ja oder ein Nein hören wollte, erklärte sie mit resigniertem Tonfall: „Ich sage ja“.

Das Gericht gab der gewesenen Angeklagten und ihrem im Saal sitzenden Ehemann den Rat mit auf dem Weg, sich künftig ruhig zu verhalten, sich nicht mehr in Dinge einzumischen, die die Eheleute nichts angingen, den Flur vor ihrer Wohnung nur noch zu reinigen, wenn dies der Putzplan vorsehe und sonst tunlichst zu versuchen, den fraglichen Nachbarn aus dem Weg zu gehen.

Ob der häusliche Frieden damit wiederhergestellt ist, wird als erste die Stadtallendorfer Polizei erfahren. Sie hatte in der Vergangenheit viel Arbeit mit den Streithähnen.

von Matthias Mayer