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§ 183 rettet Angeklagtem die Freiheit

Aus dem Gerichtssaal § 183 rettet Angeklagtem die Freiheit

Ein Exhibitionist, der sich mindestens in drei Fällen in Kirchhain jungen Mädchen gezeigt hatte, muss nicht zurück ins Gefängnis. Das entschied die 9. Strafkammer des Marburger Landgerichts am Mittwoch.

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Der Exhibitionismus-Paragraf des Strafgesetzbuches lässt Freiheitsstrafen zur Bewährung auch dann zu, wenn der in Therapie befindliche Täter zum Zeitpunkt seiner Verurteilung noch nicht als geheilt gilt. Foto: Matthias Mayer

Kirchhain. „Das Urteil dient nicht zur Befriedigung der Volksseele und des Stammtisches“, kommentierte der Vorsitzende Richter Dr. Thomas Wolf sein eigenes Urteil. Die Kammer hatte in dem Berufungsverfahren den 57-jährigen Angeklagten wegen sexuellen Missbrauchs von zwei Kindern zu einer Freiheitsstrafe von 9 Monaten verurteilt, die sie auf fünf Jahre zur Bewährung aussetzte. Weil er sich am 15. Mai 2011 zwei Mädchen in Kirchhain in exhibitionistischer Weise gezeigt hatte, war der Wiederholungstäter und Bewährungsversager vom Amtsgericht Kirchhain zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten ohne Bewährung verurteilt worden. Allein auf die Aussetzung dieser Freiheitsstrafe zur Bewährung zielte das Berufungsbegehren des Angeklagten und seines Pflichtverteidigers Carsten Dalkowski ab.

Gesetz siehtSonderweg vor

Eine Besonderheit des Sexualstrafrechts verhalf dem Angeklagten, der unmittelbar nach der Tat vom 15. Mai 2011 vier Monate und acht Tage in Untersuchungshaft verbracht hatte, zu einem weiteren Leben in Freiheit. Der Paragraf 183 des Strafgesetzbuches stuft exhibitionistische Handlungen lediglich als Antragsdelikt ein. Ohne eine Strafanzeige erfolgt eine Strafverfolgung von Amts wegen nur dann, wenn daran ein besonderes öffentliches Interesse besteht. Und in Absatz 3 dieses Gesetzes heißt es: „Das Gericht kann die Vollstreckung einer Freiheitsstrafe auch dann zur Bewährung aussetzen, wenn zu erwarten ist, daß der Täter erst nach einer längeren Heilbehandlung keine exhibitionistischen Handlungen mehr vornehmen wird.“

Auf diesen Absatz stützte sich letztlich erfolgreich die Prozess-Strategie der Verteidigung. Die Tatfolgen für die Kinder spielten nur am Rande eine Rolle, als Carsten Dalkowski während der Verhandlungspause vor der Urteilsverkündung die Eltern der Tatopfer im Zuhörerraum fragte, ob sie eine Entschuldigung seines Mandanten annehmen würden. Die Eltern verbaten sich das. Ihre Tochter leide noch immer massiv unter den Tatfolgen, sei weiterhin in therapeutischer Behandlung, habe Angstzuständen und wache nachts weinend auf, berichtete eine Mutter. Die Eltern warfen dem Angeklagten zudem vor, sich weiterhin an der Schule herumzutreiben - zum Missfallen älterer Schüler.

Neues Leben mitReligion und Familie

Der Angeklagte hatte sich zuvor geläutert gezeigt. Er bereue seine Taten und schäme sich zutiefst für diese. Zugleich versprach er, dass so etwas nie wieder vorkommen werde. Dabei solle ihm die neue Struktur seines Lebens helfen. Er sei zu seiner Ex-Frau zurückgekehrt und wolle diese heiraten. Er finde Halt in seiner Familie und in seiner Hinwendung zum Glauben. All dies habe er zu den Tatzeiten nicht gehabt. Da habe er um eine Freundin getrauert, die ihn verlassen habe.

Der Psychologe, der mit dem 57-Jährigen seit Dezember in bislang elf Sitzungen gearbeitet hatte, bescheinigte seinem Klienten in einem Zwischenbericht exhibitionistische und pädophile Neigungen. Die Begegnung mit belastenden Orten in Kirchhain hätten die drei Taten 2005 sowie am 11. und am 15. Mai 2011 befördert. Was an Kirchhainer Wohngebieten so belastend sei, dass er seine Hosen vor Kindern heruntergelassen habe, vermochte der Angeklagte auf Nachfrage des Vorsitzenden nicht zu erklären.

Carsten Dalkowski verwies darauf, dass sein Mandant seit der Haftentlassung alle Auflagen erfüllt und sein Leben stabilisiert habe. Und er erinnerte an die Einschätzung des Therapeuten, dass von dem Angeklagten keine Gefahr mehr ausgehe. Gleichwohl brauche sein Mandant auch weiterhin psychologische Hilfe. Der Verteidiger beantragte die Aussetzung der Freiheitsstrafe zur Bewährung.

Dem folgte die Staatsanwältin, die zugleich eine Bewährungsfrist von fünf Jahren, die Beiordnung eines Bewährungshelfers, das Gebot, die Therapie nicht ohne Zustimmung des Therapeuten zu beenden und 240 Stunden gemeinnütziger Arbeit beantragte. Der Angeklagte sei in einer Therapie besser aufgehoben, als m Gefängnis, sagte sie

Das Gericht folgte vollständig den Anträgen der Anklage. Gleichwohl ist das Urteil noch nicht rechtskräftig, weil die Staatsanwältin keinen Rechtsmittelverzicht erklärte.

von Matthias Mayer

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