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Landkreis Nur wenige folgen Deutschlands Atom-Ausstieg
Landkreis Nur wenige folgen Deutschlands Atom-Ausstieg
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20:20 09.03.2012
Fukushima will keine Atomreaktoren mehr. Quelle: dpa

Berlin. Weltweit werden ganz unterschiedliche Schlussfolgerungen aus dem Unglück von Fukushima gezogen. Nur wenige Länder, etwa die Schweiz, Belgien oder Italien, schlagen ebenfalls den Weg des Totalausstiegs wie Deutschland ein oder lassen AKW-Pläne ganz sausen. In Japan selbst sind von einst 55 Kernreaktoren zurzeit nur noch zwei am Netz. Und auch diese beiden sollen im April heruntergefahren werden. Das Land kam im vergangenen Jahr mit rund 18 Prozent weniger Strom aus. Doch über die Zukunft der Kernkraft wird seit dem Unglück von Fukushima heftig gestritten. Zwei neue Reaktoren befinden sich im Bau. Doch fast zwei Drittel der Japaner sehen die Kernkraft inzwischen kritisch. Der AKW-Betreiber Tepco drängt derweil auf eine Renaissance der Kernkraft. Zumal das Land mit den notwendig gewordenen gewaltigen Energieimporten, etwa Kohle aus Australien, Gas aus Russland oder Öl aus der Golfregion, seit Jahren erstmals eine negative Handelsbilanz einfuhr. Das kratzt am Selbstbewusstsein.

Viele Länder haben handfeste Pläne bzw. bauen bereits neue Reaktoren. Spitzenreiter in der Neubaustatistik ist China mit 26 neuen Atomkraftwerken. Allerdings handelt es sich dabei um die Realisierung von bereits vor Fukushima begonnen Projekten. Nach der japanischen Katastrophe wurden alle AKW-Neubauten auf ihre Sicherheit überprüft. Und neue Vorhaben wurden seitdem nicht mehr genehmigt. Auch im gleichfalls ernergiehungrigen Indien wird auf Kernenergie gesetzt. Hier befinden sich sieben neue AKW im Bau, zumeist vom russischen Rosatom konstruiert. Auf ein ungebremstes Wachstum der Atomkraft setzt auch Moskau. In Russland sind weitere zehn Anlagen im Bau. Auch Pakistan baut zwei, Südkorea drei und Taiwan zwei Anlagen. Neue Reaktoren sind ebenfalls in Europa zu erwarten. Die Ukraine, Bulgarien oder die Slowakei bauen je zwei, Frankreich und Finnland jeweils ein neues Kernkraftwerk. Und in Polen ist man wild entschlossen, die ersten zwei Reaktoren in Angriff zu nehmen. Die Schwellenländer Brasilien und Argentinien wollen ebenfalls je einen neuen Kernreaktor bauen. Und in den USA, hier sind 104 ältere Reaktoren in Betrieb, wurde erstmals seit dem Unfall von Three Mile Island im Jahre 1979 der Bau von zwei neuen Reaktoren genehmigt.

Doch was auf den ersten Blick wie eine Renaissance der Kernenergie aussieht, halten Experten eher für einen gewissen Ausgleich für zumeist seit Jahrzehnten laufende Anlagen. Im Frühjahr 2012 waren weltweit 436 Kernreaktoren am Netz, das waren sogar acht weniger als im AKW-Rekordjahr 2002. Eine Wiedergeburt der Kernenergie sehe anders aus, meinte etwa der Nuklearexperte Mycle Schneider.

Von Reinhard Zweigler