Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Landkreis „Nur Apfelwein, den mag ich nicht“
Landkreis „Nur Apfelwein, den mag ich nicht“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:20 29.10.2010
Fuat Gözyuman ist der Inhaber von „Star-Döner“, der derzeit ältesten Dönerbude in Marburg. Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Riccardo Bacchini hatte eigentlich nicht vor, länger in Deutschland zu bleiben. Ein Jahr sollte seine Sprachreise nur dauern, zu der ihn der Inhaber des Santa Lucia, des ältesten italienischen Restaurants Marburgs, Ende 1972 überredet hatte.

Aus den zwölf Monaten sind inzwischen fast 30 Jahre geworden, sein deutsch ist mittlerweile nahezu perfekt. Sogar den Zugang zur typisch deutschen Küche hat er seitdem gefunden. „Ich gehe gerne deutsch Essen. Nur der Apfelwein, den mag ich immer noch nicht“, erklärt Bacchini augenzwinkernd.

Der Hotelfachmann lernte die Feinheiten des Pizzabäckerhandwerks nicht etwa in seinem Heimatland Italien, sondern in verschiedenen Pizzerien in Mittelhessen. 1980 gründete Bacchini die „Hosteria Del Castello“ in der Oberstadt. Auch wenn die Marburger zu dieser Zeit bereits mit der italienische Küche vertraut waren, so ließen Raritäten wie Austern, Schnecken oder Schwertfisch, die Bacchini mit auf die Speisekarte gesetzt hatte, die Augenbraue so manchen Gastes nach oben schnellen. Sie wollten Pizza, Pasta, Parmaschinken. Bloß keine Experimente.

Heute nennt Riccardo Bacchini zwei Länder seine Heimat. Den Sommer verbringt er zusammen mit seiner Frau in Italien, im Winter lebt er in Marburg. Er reist nicht der Sonne, sondern der Kälte hinterher. Wieso? Weil er die verschneiten Wintermonate in Deutschland zu schätzen gelernt hat.

Die älteste Pizzeria der Stadt ist allerdings nicht die Hosteria, sondern das „Pizza Pie Milano“ von Angelo Cafaro. Bereits acht Jahre bevor Riccardo Bacchini nach Deutschland aufbrach, wurden hier die ersten Pizzen Marburgs gebacken. An der Zubereitung hat sich seither nichts geändert. „Mehl, Hefe, Salz, ein wenig Olivenöl, vielleicht etwas Zucker. Nur so wird der Teig schön knusprig und dünn“, erklärt Pizza-Expertin Angela Cafaro das Ur-Rezept.

Ähnlich wie die Geschichte des Pizzabäckers auf Sprachreise, Riccardo Bacchini, erzählt sich die Biografie von Mehmet Cetin, dem Besitzer des ersten Döner-Ladens in Marburg. Auch er hatte eigentlich gar nicht vor länger in Deutschland zu bleiben, als er 1973 nach Stadtallendorf kam.

Der türkische Tourist wollte nur seinen Bruder besuchen. Auch er erlernte das Handwerk der Döner-Zubereitung, dem er über 17 Jahre lang treu bleiben sollte, erst in Deutschland. Als mit dem „Grünhaus“ am 19. Mai 1983 der erste Marburger Döner-Laden in gemütlicher Bistro-Form eröffnete, steckte zwischen dem Fladenbrot neben Dönerfleisch und Salat in erster Linie eines: Enormer Aufwand.

Das Brot musste aus dem nächstgelegenen türkischen Backhaus in Frankfurt angeliefert werden. Die Spieße wurden noch selbst aus einer Mischung aus dünn geschnitten Rindfleisch und -hack zusammen gestellt. Und auch die Menüs hatten einen anderen Charme: Ein Döner und ein Bier kosteten fünf D-Mark. Pommes? Die hatten in einem Stilechten Dönerladen nichts zu suchen.

Mittlerweile ist die Konkurrenz hart geworden. 15.000 Dönerbuden pflastern die Republik. Der Preiskampf bestimmt das Geschäft. Wer überleben will, muss schneller, günstiger, besser sein. Das „Grünhaus“ schloss vor zehn Jahren. Mehmet Cetin ist trotzdem in Marburg, seiner Wahl-Heimat, geblieben, hat sich mit der Verpachtung von Gebäuden ein neues Standbein aufgebaut. „Viele geben mit der Zeit auf“ weiß Fuat Gözyuman, Inhaber des „Star“-Döner, des derzeit ältesten Marburger Dönerladens.

von Tobias Bischoff