Volltextsuche über das Angebot:

29 ° / 15 ° wolkig

Navigation:
„Wollen trotzdem Ja zum Leben sagen“

Gedenkveranstaltung in Wetter „Wollen trotzdem Ja zum Leben sagen“

„Ob das Telefon besetzt ist, ob die Badewanne leckt, ob dein Einkommen falsch geschätzt ist, ob die Wurst nach Seife schmeckt … an allem sind die Juden schuld!“ textete 1931 der jüdischstämmige Friedrich Hollaender.

Voriger Artikel
Nabu zieht Klage gegen Straße zurück
Nächster Artikel
Zwischen Glasperlen und Papierpfauen

Wetteraner Schüler entzündeten zum Gedenken 33 Teelichter auf den Linien eines Davidsterns in der ehemaligen Synagoge. Links: Silvia Kirchhof und Achim Hofmann erinnerten musikalisch an ermordete jüdische Künstler.Fotos: Freya Altmüller

Wetter. Dieses Lied einer Kabarett-Revue trug das Duo „Café Sehnsucht“ in seinem „Programm gegen das Vergessen“ am Samstag anlässlich des Gedenkens an die Pogromnacht 1938 vor. Vergangenen Samstag gedachte der Träger- und Förderverein der ehemaligen Synagoge Wetter mit Gästen und dem Duo „Café Sehnsucht“ der Reichspogromnacht 1938. Der Verein erinnerte an die Verwüstung der Synagoge und gedachte der Juden, die zu der Zeit in Wetter lebten, die teils deportiert wurden, teils flüchteten.

„Warum wollen wir, warum sollen wir, warum müssen wir uns erinnern?“, fragte Vorsitzende Dr. Martina Kepper in ihrer Rede. „Weil es menschlich ist“. Ihr Wahlspruch lautete daher: „Sie waren wie wir. Wir sind wie sie.“ Sie wolle daran erinnern, was auch uns zustoßen könnte, sagte sie in ihrer Rede. Was damals an jüdischem Glauben festgemacht wurde, könne heute beispielsweise an Herkunft festgemacht werden.

In einer Zeremonie wurde der 33 jüdischen Mitbürger, die damals in Wetter lebten, gedacht. Drei Schülerinnen der Wollenbergschule aus der 10. Klasse verlasen von jedem von ihnen Namen, Alter und Adresse und entzündeten ein Teelicht. Die 33 Teelichter stellten sie auf die Linien eines Davidsterns, der auf eine große Holzplatte aufgemalt war. Silvia Kirchhof vom „Café Sehnsucht“ sang ein Lied mit den letzten Zeilen, die Adam Kuckhoff im Konzentrationslager vor seinem Tod seinem Sohn schrieb: „So lasse ich dich vaterlos zurück?...Das Menschenvolk wird dir dein Vater sein...Mein kleines Licht, du bist so fern, ich seh‘ dich nicht“. Nach einer Minute des Gedenkens pusteten die drei Schülerinnen die Teelichter aus, die erloschen, wie das Leben von Adam Kuckhoff und vielen anderen - eine anschauliche Analogie, die schaudern lässt.

„Mit Zahlen und Fakten funktioniert das Erinnern nicht, wir müssen uns den Schicksalen zuwenden, die dahinter stehen“, sagte Dr. Martina Kepper. Diese Aufgabe übernahm das Duo „Café Sehnsucht“. In ihrem „Programm gegen das Vergessen“ trugen Sängerin Silvia Kirchhof und ihr Mann Achim Hofmann am Piano Lieder jüdischer Künstler aus den Goldenen Zwanzigern und den 30er-Jahren vor.

Und sie erzählten von ihnen, zum Beispiel von Fritz Löhner-Beda, Librettist von Operetten wie „Land des Lächelns“ und Autor von Schlagern wie „Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren“. Doch seine Werke sind bei Weitem bekannter als er. „Nicht einmal in Heidelberg ist eine Straße nach ihm benannt“, sagte Silvia Kirchhof. Löhner-Beda wurde deportiert, im KZ dichtete er das „Buchenwaldlied“, ein „Lied des aufrechten Gangs“, das den Häftlingen Mut machen sollte: „Oh Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen, weil du mein Schicksal bist...wir jammern nicht und klagen...wir wollen trotzdem ja zum Leben sagen, denn einmal kommt der Tag, dann sind wir frei“. Er glaubte, da Hitler seine Operetten liebte, würde er ihm nichts antun. 1942 starb er in Auschwitz.

Doch die Künstler, von deren Schicksalen Kirchhof und Hofmann erzählten, schrieben auch viele humoristische Texte. Aus der Feder von Löhner-Beda stammt beispielsweise auch „In der Bar zum Krokodil“ und „Was machst du mit dem Knie, lieber Hans?“. Die Geschichten in diesen Liedern sang Kirchhof wunderbar unterhaltsam, vom Hans, der beim Tanzen wie ein Floh hin- und herhüpft oder Ramses, der „von einem Feigenblatt gehackte Mumie mit Spinat“ isst. Oder von einem, der im „Kitsch-Tango“ von Friedrich Hollaender bittet: „Sing mir den ganzen süßen Kitsch der Liebe ins Ohr...und ist auch nichts dran wahr, das klingt doch wunderbar“ oder einem, der sich freut „Ich hab das Fräulein Helen Baden seh‘n“.

Dabei schlüpfte Silvia Kirchhof gekonnt in verschiedenste Rollen, machte erst den Vamp und dann das Mädchen. Auch Achim Hofmann zeigte schauspielerisches Talent als er kabarettistische Nummern von Fritz Grünbaum vortrug. Dieser hatte seinen letzten Auftritt in der Lagerbaracke des KZ Dachau, wo er starb. Zum Schluss sagte Kirchhof: „Wenn wir diese wunderschönen Melodien und Texte in Erinnerung behalten, werden wir auch die Künstler und ihre Schicksale nie ganz vergessen“.

von Freya Altmüller

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nordkreis

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr