Volltextsuche über das Angebot:

29 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Wo Tollwut noch eine Alltagsgefahr ist

Einsatz in Indien Wo Tollwut noch eine Alltagsgefahr ist

Im normalen Leben ist Dr. Silke Körlings-König Mitglied des Kleintierteams in der Tierarztpraxis Wetter. Im nicht ganz so normalen Leben ist sie – ähm,  auch Tierärztin. Aber dann an einem wirklich nicht alltäglichen Ort.

Voriger Artikel
„Heiligabend wollen wir hier feiern“
Nächster Artikel
Tote Ziege: Polizei geht nicht von Straftat aus

Dr. Silke Körlings-König (Zweite von rechts) mit ihren drei Kollegen vom Operationsteam. 

Quelle: Privatfoto

Wetter. Es war schon lange ihr Anliegen, sich irgendwo auf der Welt mit ihrem Fachwissen und Können gewinnbringend für Tiere und Menschen einzubringen. Deshalb hinterlegte sie bei einer entsprechenden Organisation ihr Profil. Und im vergangenen September erhielt sie dann eine Einladung, bei einem Projekt in Indien dabei sein zu dürfen.

Der Haken war lediglich eine gewisse Kurzfristigkeit. Es sollte schon im November losgehen. „Ich kann mich nur bei meinen Kolleginnen bedanken, dass sie mir das möglich gemacht haben. Es ist nicht so leicht, wenn einfach mal eine für vier Wochen vom normalen Arbeitsbetrieb freigestellt wird“, sagt Silke Körlings-König.

Nachdem ihre Freistellung klar war, ging es mit Hochdruck an die Vorbereitungen. Was die Tierärztin an ihrem Einsatzort erwartete, war zunächst ein Sprung in eine komplett andere Welt. Der Worldwide Veterinary Service (WVS) schickte sie nach Goa, den kleinsten Bundesstaat von Indien.

Dort traf sie auf weitere Freiwillige aus allen Teilen der ­Erde, um mit diesen im Team „Mission Rabies“ zu arbeiten. „Laut WHO sterben weltweit noch rund 59 000 Menschen im Jahr an Tollwut, davon allein nur in Indien zwischen 18 000 und 20 000 Menschen im Jahr. Die Infektion erfolgt in 99 Prozent der Fälle über Hundebisse, ­wobei meistens Kinder betroffen sind“, sagt Körlings-König.

Alarmierende Zahlen, eine echte Motivation, einfach zu helfen. Denn die indische Regierung hat es sich zum Ziel gesetzt, die Tollwut im Land einzudämmen. „Das ist allerdings bei einem so großen Land mit unzähligen wild lebenden Hunden eine absolute Herausforderung. Wir reden hier von rund 25 Millionen Hunden in Indien“, so die Tierärztin.

Hintergrund

2013 wurde in Goa mit dem Projekt „Mission Rabies“ begonnen, mit dem Ziel, bis 2018 die Tollwut in Goa zu eliminieren. Mittlerweile wurden 100 000 Hunde geimpft und 20 000 Hunde kastriert. Die Zahl der humanen Tollwuterkrankungen reduzierte sich in Goa auf 17 Todesfälle  2015, fünf Todesfälle 2016 und seit  einem Jahr ist kein Tollwut-bedingter Todesfall mehr dokumentiert worden.

Die Unterbringung des gesamten Teams erfolgte in einem Hotelkomplex mit viel Grün drumherum. Die Auffangstation lag in einem anderen Teil der Stadt Margao, was eine rund 30 minütige Autofahrt täglich erforderte. Die Atmosphäre im Team bestehend aus Tierärzten, Tierarzthelferinnen, aber auch berufsfremde Freiwillige, die zumeist aus Großbritannien, aber auch Australien, Puerto Rico, Kanada und Ägypten kamen, war sehr angenehm.

Nun ging es darum, organisiert Hunde, die bei Menschen wohnen, aber auch die freilebenden Tiere, von der Straße aufzulesen und gegen Tollwut zu impfen. Aber das war nur die halbe Wahrheit, es ging auch darum, verletzte Hunde zu versorgen, ihnen Leid zu ersparen. „Flöhe, Zecken, Milben und Würmer vorzufinden war völlig normal. Verletzte Hunde litten zudem oftmals unter Madenbefall. Es herrschten zu dieser Zeit dort schließlich Temperaturen von 35 Grad bei 70 Prozent Luftfeuchtigkeit“, sagt ­Silke Körlings-­König.

Organisiert wird das Team vom WVS von zwei erfahrenen Teamleadern. Julie, die schon seit drei Jahren die Tollwutimpfung in Goa organisiert und auch dort lebt, gehörte zum Leitungsteam. Die einzelnen Gruppen, insgesamt waren es zwölf, bestanden aus zwei Freiwilligen des internationalen Teams, die jeweils von etwa acht einheimischen Hundefängern begleitet wurden.

„Die freilebenden Hunde in Goa haben ein sehr friedliches Wesen und sind Menschen gegenüber sehr zutraulich. Das ist natürlich von Vorteil.“

Operationen bis in die Dunkelheit

Die Teams brachten dann ihre Hunde zur Auffangstation. Dort war der Einsatzort von Körlings-König. „Unser Team bestand diese vier Wochen aus Shashi, einem indischen Tierarzt, der seit 2006 sowohl in Indien, aber auch Malawi, Tansania und Uganda Projekte betreut hat, Rasha, einer ägyptischen Tierarzthelferin, die ihr Training in Florida absolviert hat und mir.“

Und wie darf man sich die Auffangstation vorstellen? Ganz ­sicher nicht wie eine wohlsortierte Tierarztpraxis, auch nicht wie eine Tierarztpraxis, in der es an elementaren Dingen fehlt. Es muss viel improvisiert werden. Operiert wird auf Tischen, die mit Zeitungspapier ausgelegt werden.

Das OP-Set wird in einem Autoklaven, der an einen Schnellkochtopf erinnert, steril gemacht. Die Behandlungen, Kastrationen und sonstige Operationen liefen nicht in geschlossenen OP-Räumen, sondern unter normalem Tageslicht den ganzen Tag über bis in die Dunkelheit, die dann nur noch von den Stirnlampen der Operateure erhellt wurde.

Operationen unter ungewohnten Umständen, aber professionell ausgeführt. Privatfoto

„Oftmals war es ein Wettlauf mit der Zeit, es war unmöglich, alle Tiere, die mit Verletzungen zu uns kamen, zu retten“, sagt Körlings-König. Die behandelten Straßenhunde wurden später wieder genau dorthin zurückgebracht, wo sie aufgefunden wurden, denn sie leben tatsächlich in ihrem ­Revier, in dem sie sich auskennen. Das war schon eine logistische Herausforderung.

Natürlich wurden die behandelten Hunde­ auch markiert. 10 000 Hunde wurden in diesen vier Wochen geimpft. Der Aufenthalt bestärkte Körlings-König darin, mit diesem Hilfseinsatz eine richtige Entscheidung getroffen zu haben. Die Abende verbrachten­ die Helfer oft zusammen, tauschten sich dabei aus und führten allerlei Diskussionen, geeint im Willen, den Tieren zu helfen.

Natürlich hat sie auch einen Eindruck vom Leben in Goa gewonnen, wo nicht nur die Straßenhunde zum Alltagsbild gehören, sondern auch zahlreiche frei lebende Kühe, die dort als heilige Tiere gelten und wirklich überall, selbst am Strand zu finden sind. Körlings-König kann sich sehr gut vorstellen, so einen Auslandseinsatz noch einmal zu machen, gerne auch an einem anderen Einsatzort irgendwo auf der Welt.

  • Wer ihren Reisebericht gerne komplett lesen möchte, kann dies im Internet auf der Homepage der Tierarztpraxis machen. Unter tieraerzte-wetter.de ist der Bericht unter „Neues aus der Praxis“ eingestellt.

von Götz Schaub

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr