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„Wir wissen, was wir aufgeben“

Aus für „Löwenzahn“-Hort „Wir wissen, was wir aufgeben“

Das Cölber Parlament hat entschieden, den „Löwenzahn“-Hort zu schließen. Die Eltern sorgen sich nun um ihre Kinder und ­Lebensmodelle.

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Julia Schwick (hinten, von links), Sabine Seffer und Dr. Anja Dohmen fordern gemeinsam mit den Kindern: „Unser Hort soll bleiben!“. Cölbes Gemeindevertreter haben allerdings schon anders entschieden.

Quelle: Nadine Weigel

Cölbe. Nach der Entscheidung der Gemeindevertretung sind die Eltern unsicher, wie es mit der Betreuung weitergeht. Drei Mütter aus dem Elternbeirat haben sich im Interview zur Situation geäußert.

OP: Was sagen Sie zu den Plänen Bürgermeister Carles, den „Löwenzahn“-Hort zu schließen und die Nachmittagsbetreuung der Schulkinder dem Landkreis zu überlassen?
Sabine Seffer: Uns Eltern hat das sehr überrascht. Wir sind auf die Betreuung angewiesen. Wir müssen uns darauf verlassen können, dass unsere Kinder gut versorgt sind, und zwar sowohl was die Zeiten pro Tag als auch die Ferien angeht.

OP: Wie ist die Stimmung unter den Eltern? Was sagen die anderen?
Dr. Anja Dohmen: Alle Eltern haben das Angebot sehr geschätzt. Es kommt ja relativ selten vor, dass die Gemeinde sich so einbringt mit einem ganzheitlichen Konzept. Für viele Eltern war das auch der Grund, hier her zu ziehen. Dementsprechend ist für viele erst mal eine Welt zusammengebrochen, als sie von den Plänen hörten.

OP: Wie schätzen Sie die Qualität der Betreuung im Hort ein?
Dohmen: Als wir uns entschieden haben, unsere Kinder hier in die Betreuung zu geben, war ein wesentlicher Punkt, dass sie das Haus hier kennen und schätzen. Es gibt hier einen hervorragenden Koch, die Kinder lieben ihn. Darüber hinaus ist die Betreuung sehr individuell. Man kennt hier die Stärken und Schwächen der Kinder und geht darauf ein. Ich habe die Sorge, dass das in Zukunft nicht mehr gewährleistet ist.
Julia Schwick: Die Kinder ­haben ja praktisch keine Familie, die sie mittags in Empfang nimmt. Wir wissen aber, dass die Kita hier das ein Stück weit ersetzen kann. Mein Sohn hat schon gesagt: Das Blöde an der Landkreisbetreuung ist, dass die Kinder in Gruppen aufgeteilt werden. Im Hort sind alle Kinder zusammen. Sie verstehen sich als eine Gruppe und das ist für sie eine Art Ersatzfamilie. Auch die Geschwister spielen eine Rolle. Manche haben kleinere Geschwister hier im Kindergarten, wenn sie zur Schule gehen. So können sie ab Mittag zusammenbleiben. Meine kleine Tochter schläft mittags nicht gut ein. Sie geht dann bei ihrem großen Bruder vorbei. Der sagt ihr „Gute Nacht“ und dann klappt das mit dem Einschlafen.

OP: Was ist Ihre größte Sorge, falls der Hort schließen sollte?
Schwick: Meine größte Sorge­ ist, dass es organisatorisch schwieriger wird. Ich muss schauen, ob alle Zeiten abgedeckt sind und wie ich das zusammenbaue. Wer kann mich unterstützen? Und fühlen sich alle noch sicher aufgehoben?
Dohmen: Die Gemeinde sieht das Problem der Eltern ab 15 Uhr, wenn das Betreuungsangebot des Kreises endet, und ist bemüht zu unterstützen. Ich hoffe, dass das tatsächlich so kommt. Unklar ist noch die Situation in den Ferien. Soweit ich weiß, ist die Ferienbetreuung vom Landkreis etwas ganz anderes, als wir sie bisher hier haben. Eine Ferienbetreuung bis 15 Uhr hilft nicht allen ausreichend. Und es sind auch nicht alle Ferienwochen abgedeckt. Das war hier sehr komfortabel. Außer drei Wochen im Sommer und den Weihnachtsferien war man hier bedient.
Seffer: Meine größte Sorge ist, dass die Gruppe in der Schulbetreuung so groß wird, dass einzelne Kinder darin untergehen. Dann wird vielleicht auch das Verhalten der Kinder untereinander rüder. Und ich mache mir auch um die Urlaubsplanung Sorgen. Wir schauen schon, wie das in diesem Jahr aussieht. Die Betreuung für die Ferien ist gerade nicht verlässlich planbar.
Schwick: Es gibt auch Familien, die mit den morgendlichen Zeiten hadern. Die sagen: Wir brauchen ab 7 Uhr jemanden.
Seffer: Bei der Schulbetreuung des Kreises kann man aktuell ab 7.30 Uhr das Kind anmelden.
Dohmen: Wir können noch nicht sagen, wie die Qualität der Landkreisbetreuung ist. Aber wir fürchten uns vor dem Unbekannten und wissen, was wir aufgeben müssen.

OP: Der Bürgermeister sagt, dass der Landkreis für die Schulbetreuung zuständig ist und dafür auch Geld bekommt. Trägt diese Argumentation?
Dohmen: Es kann jeder von uns nachvollziehen, wenn die Gemeinde sagt: Das ist eigentlich nicht unsere Aufgabe, sondern die Aufgabe des Kreises, der durch das Angebot der Gemeinde Geld spart. Es ist die Pflicht des Bürgermeisters, auf die Gemeindekasse zu schauen.
Schwick: Wir haben uns vielleicht zu blauäugig darauf verlassen, was wir hier vorgefunden haben. Und wir haben damit gerechnet, dass es so weiterläuft. Das hatte offensichtlich keine Basis.
Dohmen: Ich denke, in der Politik ist bislang noch zu wenig angekommen, dass junge Familien ihre Kinder in die Krippe bringen, um beruflich Fuß zu fassen. Und die kommen dann natürlich nicht auf die Idee, aufzuhören zu arbeiten, sobald das Kind in die Schule kommt.

OP: Das Parlament hat gestern Abend den Plänen des Bürgermeisters zugestimmt. Was wünschen Sie sich nun?
Seffer: Ich wünsche mir, dass es nicht direkt zum Sommer passiert, sondern dass es noch eine Frist von anderthalb Jahren gibt. Damit es einen guten Übergang gibt.
Dohmen: Wir freuen uns über Absichtserklärungen und wenn uns das Gefühl gegeben wird, dass man verstanden wird. Aber allein damit ist eine Planung noch nicht möglich. Für uns Eltern ist es unverständlich, warum der Landkreis nicht sagt: Jawohl Gemeinde, ihr macht das. Ihr nehmt uns die Aufgabe ab. Wir beteiligen uns an den Kosten. Dann könnte die Gemeinde vielleicht so weitermachen.
Schwick: Offensichtlich geht das nicht. Wir haben uns ein Stück weit damit abgefunden, dass sich das nicht ändert. Wir müssen jetzt schauen, wie wir das für die Familien aushaltbar abdecken.

von Dominic Heitz

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