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Nordkreis „Wir klären das auf!“
Landkreis Nordkreis „Wir klären das auf!“
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06:16 02.05.2012
Marburg

„Es gibt mindestens eine Falschaussage“, war Richter Cai Adrian Boesken überzeugt. Um zu klären, ob der 21-jährige Angeklagte zweier Körperverletzungen und einer Beleidigung schuldig ist, sagten während der Verhandlung im Amtsgericht zwölf Zeugen aus. Der Angeklagte selbst äußerte sich nicht zu den Vorwürfen.

Der Maurergeselle soll am 30. Oktober vergangenen Jahres nach einer Technoparty im Dorfgemeinschaftshaus in Münchhausen-Niederasphe auf dem Nachhauseweg zwei junge Männer heftigst geschlagen und einen anderen beleidigt haben. Ein 18-Jähriger musste für fünf Tage ins Krankenhaus. Vier Zähne schlug ihm der Angreifer aus, die ihm wieder eingesetzt wurden, zudem trug er eine Oberkiefer-Fraktur, eine Platzwunde auf der Oberlippe und ein Schädelhirntrauma davon. Seinem 19-jährigen Freund musste ein Zahn gezogen werden, weil er zur Hälfte herausgeschlagen wurde. Ihr 17-jähriger Freund kam mit einem Schrecken davon, er wurde nicht verletzt.

Die Geschädigten, die alle aus dem Nordkreis stammen, waren sich nicht sicher, wer sie körperlich angegriffen hatte. Allerdings meinte der 19-Jährige, in dem 20-jährigen Zeugen, der gemeinsam mit dem Angeklagten auf die Geschädigten getroffen war, den Angreifer zu erkennen.

Der 20-Jährige war mit einem Zeugenbeistand zur Verhandlung erschienen und vermied es, auf einige Fragen zu antworten. Seine Aussagen über den Ablauf des Abends unterschieden sich auffällig von denen seines 22-jährigen Freundes, der ebenfalls während der Auseinandersetzung anwesend war. Der 22-Jährige gab an, die Tätlichkeiten selbst nicht gesehen zu haben, aber der Angeklagte könne es nicht gewesen sein, weil er zu weit von den Geschädigten entfernt stand. Während er zunächst aussagte, sowohl der Angeklagte als auch der 20-Jährige hätten ihm gegenüber geäußert, dass sie selbst nicht wüssten, wer geschlagen habe, korrigierte er später, der 20-Jährige hätte zugegeben, die Tat allein begangen zu haben. Allerdings habe der Zeuge gehört, wie der Angeklagte seinen Freund aufgefordert habe: „Komm, denen hauen wir auf die Fresse!“

Dagegen war sich eine 17-jährige Schülerin, die sich gemeinsam mit ihrer Freundin von den drei geschädigten Männern nach Hause bringen lassen wollte, sicher, im Angeklagten den Angreifer zu erkennen. Dieser habe den 17-Jährigen gegen eine Straßenlaterne gedrückt. Als er erneut auf ihn losgehen wollte, habe sie sich zwischen die beiden gestellt und dem Angreifer direkt ins Gesicht gesehen, als sie nach dem Grund für sein Handeln fragte, worauf er angeblich antwortete: „Weil er ein Spasti ist.“ Zudem war die Zeugin davon überzeugt, dass derselbe Angreifer auch die beiden anderen Geschädigten niedergeschlagen habe, hatte es aber nicht gesehen. Der 17-Jährige, der gegen die Straßenlaterne gedrückt worden war, ging dagegen aufgrund des zeitlichen Ablaufs und der Entfernung der Personen zueinander davon aus, dass zwei Personen an dem Angriff auf die drei jungen Männer beteiligt waren.

Nach allerlei widersprüchlichen Aussagen gerieten Richter und Staatsanwalt Sebastian Brieden an die Grenzen ihrer Geduld, als sich zwei weitere Zeuginnen in Falschaussagen verstrickten. Die beiden 20-jährigen Frauen, die den Abend mit dem Angeklagten und seinen beiden Freunden verbrachten, mussten wiederholt belehrt werden, dass bei Falschaussagen Freiheitsstrafe droht. Nach immer neuen Varianten, wie der Abend verlaufen sei, gaben beide dann an, der 20-jährige Freund des Angeklagten habe sie zu den Falschaussagen angestiftet. „Das Verfahren hat eine besondere Dynamik und Schwierigkeiten entwickelt“, resümierte der Direktor des Amtsgerichts nach der sechsstündigen Verhandlung, an deren Ende noch kein Urteil gefällt werden konnte. An dem Fortsetzungstermin am 8. Mai sollen der 20-jährige Freund des Angeklagten und die beiden jungen Frauen gehört werden. Boesken war fest entschlossen: „Wir klären das auf!“

von Simone Schwalm

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