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Wegbereiter für die Medizingeschichte

Bundesverdienstkreuz Wegbereiter für die Medizingeschichte

Für sein Engagement an der Universität und seinen ehrenamtlichen Einsatz für die Kultur wird Professor Gerhard Aumüller mit dem „Verdienstkreuz am Bande“ ausgezeichnet.

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Anatom, Heimatkundler und Autor: Professor Gerhard Aumüller forscht auch noch im Ruhestand.

Quelle: Carolin Acker

Marburg. Zwischen Bücherregalen mit jahrhundertealten Einbänden steht Professor Gerhard Aumüller im Gang der Bibliothek der Mediengeschichte in Marburg. Er greift nach einem Lehrbuch und blättert durch die von den Jahren vergilbten Seiten. Der Geruch von alten Büchern liegt in der Luft. Dort hat er viel Zeit verbracht, versunken in die Medizingeschichte, als Hochschullehrer und für eigene Forschungszwecke. Zwischen historischen und neuen Werken stehen auch einige Publikationen von Aumüller selbst.

Dass es das Institut für Medizingeschichte in Marburg bis heute noch gibt, daran ist Gerhard Aumüller maßgeblich beteiligt. Er setzt sich dafür ein, dass Bibliothek und Sammlung erhalten bleiben und in der Bahnhofstraße 7 in Marburg untergebracht werden. ­Außerdem ergreift er die Initiative, den Nachlass von Emil von Behring in Marburg zu bewahren. Im gleichen Gebäude sind heute Behring-Archiv und Ausstellung zu Hause, beides steht Besuchern offen. „Das wäre ohne die Beteiligung von Kollegen und Mitarbeitern natürlich nicht möglich gewesen“, sagt Gerhard Aumüller.

Bundesverdienstkreuz für ehrenamtlichen Einsatz

Für sein Wirken an der Universität Marburg, seinen ­ehrenamtlichen Einsatz für die Wissenschaft und die Kultur wird Gerhard Aumüller von Finanzminister Dr. Thomas Schäfer der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland in der Ordensstufe „Verdienstkreuz am Bande“ verliehen.  

Damit hat er nicht gerechnet: Im August vergangenen Jahres erhält der emeritierte Hochschullehrer einen Brief. Darin steht, dass er für das „Verdienstkreuz am Bande“ nominiert wurde. „Zuerst dachte ich, die verwechseln mich bestimmt“, erzählt der 74-Jährige. Aber es war keine Verwechslung: Ein ehemaliger Student des Professors, heute Mitarbeiter beim Landkreis, schlägt ihn für diese Auszeichnung vor.

Gebürtig stammt Aumüller aus Arolsen im Kreis Waldeck-Frankenberg. Die Universitätsstadt Marburg kennt er seit Kindertagen. „Am oberhessischen Flair und an der Universität als bedeutende, kulturelle Einrichtung habe ich im Studium ­Gefallen gefunden.“ Schließlich weckt während seines Studiums der Medizin und Anthropologie in Mainz, Würzburg und Marburg besonders die Anatomie mit der anatomischen Sammlung an der Marburger Universität sein Interesse für dieses Fachgebiet.

Über viele Wege führt es Aumüller zurück nach Marburg

Er promoviert, unterrichtet am anatomischen Institut Heidelberg als Universitätsdozent, hält sich für Forschungszwecke in den USA und in England auf. 1981 schließlich folgt Aumüller dem Ruf nach Marburg. Er wird Professor für Anatomie.  Ein Ziel behält er dabei fest im Blick: die wichtigen Kulturzeugnisse an der Universität für Medizin und Medizingeschichte zu erhalten.

Zusammen mit seiner Ehefrau, ebenfalls Medizinerin, und seinem Sohn zieht er in 1984 nach Simtshausen. Wieso es die Familie gerade dorthin verschlägt? „Simtshausen war auch die Heimat von Euricius Cordus – dem ersten Marburger Medizinprofessor“, sagt Gerhard Aumüller lachend. Ein weiterer Grund sind außerdem die Natur und der naheliegende Burgwald, wo Aumüller mit seiner Frau gern Pilze sammelt.

Mit der Forschung zu Cordus beschäftigt sich der Anatom sehr ausgiebig. Zum 500. Jahrestag von Euricius Cordus, der mit Spitzname „Ritze“– kurz für Heinrich – gerufen wurde, schreibt Aumüller aus einer  Komposition von Cordus ein Heimatlied für die Simtshäuser. Er engagiert sich auch darüber hinaus in seinem Dorf, entwirft ein Wappen für Simtshausen und schreibt ein Theaterstück. Zum Reformationsjubiläum in diesem Jahr arrangiert Aumüller ein weiteres Stück. „Der gestohlene Kirchenschlüssel“ wird im November 2016 in Münchhausen aufgeführt.

Heimatkunde, Musikgeschichte und Orgelbau

Heimathistorisch interessiert ist Gerhard Aumüller über die Grenzen Simtshausens hinaus. Er wirkt im Vorstand der Marburger Ortsgruppe des Hessischen Geschichtsvereins mit, engagiert sich in der Historischen Kommission für Hessen. Der vielseitige Aumüller beschäftigt sich auch mit Musik. Als Organist begleitet er Gottesdienste­ in Münchhausen und beschäftigt sich ausgiebig mit dem Orgelbau.

Seit 2008 ist der Simtshäuser im Ruhestand – zur Ruhe kommt er aber nicht wirklich. Er forscht weiter in der Anatomie sowie privat in der Medizin- und Musikgeschichte. Ein Schwerpunkt bleibt der „Lange Anton“.

Das Skelett des riesenwüchsigen Mannes befindet in der anatomischen Sammlung in Marburg. Die Verlegung von Helmstedt dorthin treibt Aumüller in den 90er-Jahren wesentlich voran. „Es ist weltweit eines der ersten Präparate, von dem Forscher die Biografie kennen.“ Aumüller ergründet die Lebensgeschichte des 2,5 Meter großen Mannes: dass der Riese viel gereist ist und in 1596 an den Leiden des Riesenwuchs, verursacht durch eine Überproduktion von Wachstumshormonen, gestorben ist.

In diesem Jahr wird der Anatomie-Professor 75 Jahre alt. Seine Forschung ist noch lange nicht abgeschlossen. Ende Februar geht es für ihn nach München. Dann geht die Recherche zum „Langen Anton“ weiter.

von Carolin Acker

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