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Nordkreis Wasserexport ins Rhein-Main-Gebiet soll sinken
Landkreis Nordkreis Wasserexport ins Rhein-Main-Gebiet soll sinken
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00:17 23.07.2018
Ein Moor im Burgwald mit Torfmoos und Wollgras. Der Wasserexport aus Wohratal ins Rhein-Main-Gebiet wird von der Aktionsgemeinschaft „Rettet den Burgwald“ als sehr kritisch angesehen. Es gelte, den Burgwald als Ganzes vor hausgemachten Veränderungen zu schützen. Quelle: Nadine Weigel
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„Dem Ausufern der Fernwasserversorgung des Rhein-Main-Gebietes muss endlich ein Riegel vorgeschoben werden, auch weil der ­Klimawandel die Grundwasserspiegel sinken lässt“, heißt die Grundforderung der Aktionsgemeinschaft „Rettet den Burgwald“ und der Schutzgemeinschaft Vogelsberg (SGV) mit ­ihren Mitgliedsverbänden.

Nun dürfen die Wasserschützer aus dem Nachbarlandkreis und hiesigem Landkreis durchatmen, denn sie haben jetzt etwas „Schriftliches“ an die Hand bekommen. Und das hat sicher Gewicht, denn es kommt vom Hessischen Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.

Das „Schriftliche“ ist zudem für jedermann im Internet einsehbar. Für Dr. Anne Archinal, Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft „Rettet den Burgwald“, ist es ein großer Erfolg, denn in den Kernaussagen für ein neues Leitbild, finden sich viele der Forderungen wieder, die für ­eine Klimaanpassung der Wassergewinnung und für ein Entlasten der Gewinnungsgebiete ­unerlässlich seien.

Zunächst befürchtete die Aktionsgemeinschaft, dass mit dem Abführen von Wasser aus dem Burgwald zur Sicherstellung der Wasserversorgung der Menschen im Rhein-Main-Gebiet eine neue Ära eingeläutet wird, an deren Ende durch die Absenkung des Grundwasserspiegels die Zerstörung des Burgwaldes, so wie wir ihn heute kennen, stehen würde. Dabei besitze ­gerade der Burgwald mit seinen Mooren und Feuchtgebieten eine einzigartige Flora und Fauna, die es zu erhalten gelte. Immerhin kam es 2016 initiiert vom Ministerium zu einem breit angelegten Dialogprozess, an dem sich unter anderem Vertreter der kommunalen Aufgabenträger, der Industrie- und Handelskammer, verschiedener Interessensgruppen wie auch Umwelt- und Naturschützer beteiligten.

Das nun vorliegende Ergebnis: Das Rhein-Main-Gebiet muss sich künftig wesentlich stärker als bisher aus eigenen Ressourcen versorgen.

Anne Archinal: „Jetzt müssen auch konkrete Taten folgen“

Dabei ist es auch kein Tabuthema mehr, dass Trinkwasser für Toilettenspülungen durch Betriebswasser ersetzt werden soll. „Es wäre ein echter Durchbruch, wenn die Städte im Ballungsraum endlich diesen längst überfälligen Schritt gehen würden“, sagt Cécile Hahn, Vorsitzende der SGV, „das neue Leitbild sieht dies als einen wesentlichen Punkt für eine zukunftssichere Wasserversorgung vor.

Der mangelhafte Grundwasserschutz in Rhein-Main darf nicht länger eine Ausrede dafür sein, dem Naturraum des Umlandes immer mehr Trinkwasser entziehen zu wollen.“

„Die anstehende Reform der Wasserversorgung kann außerordentlich viel zur Problemlösung beitragen,“ ergänzt Dr. Anne Archinal, „allerdings nur, wenn den Kernaussagen auch konkrete Taten folgen. Und diese fordern wir jetzt ein. So muss Schluss sein mit dem unsinnigen Wasserexport aus dem Wohratal und aus Stadtallendorf nach Frankfurt. Unsere Ansprechpartner sind hierbei die Behörden, die die Wasserversorger entsprechend anweisen müssen.“

Denn erfolgreich werden die im Leitbild skizzierten Ziele nur sein können, wenn bereits bestehende und künftige Vorschriften in wirksame Maßnahmen umgesetzt werden. Daran aber mangele es nach Ansicht Archinals schon seit vielen Jahren, unter anderem, da die Aufsichtsbehörden unter einem chronischen Personalmangel leiden würden. Die SGV hat bereits mehrfach eine Personalaufstockung gefordert und erwartet jetzt vom Umweltministerium hierzu eine­ konkrete Zusage.

„Das Ministerium sollte mit gutem Beispiel vorangehen, und die ­Voraussetzungen für das Realisieren seines eigenen Leitbildes schaffen,“ sagt Cécile Hahn, „die Behörden müssen endlich wieder das Ruder zum Steuern der Rhein-Main-Wasserversorgung in die Hand nehmen, und dazu braucht es eine schlagkräftige Mannschaft. Die Oberen Wasserbehörden müssen künftig in die Lage versetzt werden, eine naturverträgliche Wasserversorgung konkret zu gestalten, anstatt sie nur auf dem aktuellen Stand zu verwalten.“

Das nun vorliegende neue Leitbild biete eine große Chance, im Rhein-Main-Gebiet eine neue, zukunftssichere hessische Wasserwirtschaft aufzubauen. In den nächsten Monaten werden die Beteiligten, zu denen auch die SGV und ihre Mitgliedsverbände zählen, intensiv an konkreten Vorgaben für eine klimafeste Vereinbarkeit von Wasserversorgung und Naturschutz ­arbeiten.

Noch vor September, also deutlich vor der Hessenwahl im Oktober, sollen die Ergebnisse vorgestellt werden. Und dann, so die Umweltschützer, werde sich zeigen, ob in Wiesbaden genügend politischer Mut existiert, die Fernwassergewinnungsgebiete im Vogelsberg, im Burgwald und im hessischen Ried durch ein Reduzieren der Entnahmemengen zu schützen.

HINTERGRUND

Die insgesamt 13 Kernaussagen den „Leitbildes Integriertes Wasser-Ressourcen-Management“ hier aufrufbar.

Die zentralen Elemente sind

  • der Schutz der Ressourcen,
  • die Formulierung der Rahmenbedingungen für die langfristige Sicherstellung der Wasserversorgung in der Region,
  • eine rationelle Wasserverwendung,
  • die Vermeidung negativer ökologischer und wirtschaftlicher Auswirkungen sowie
  • die Schaffung von Investitions- und Planungssicherheit für die Träger der öffentlichen Wasserversorgung und anderer Nutzer, die auf die Ressource Wasser angewiesen sind.

Unter Punkt 10 der 13 zentralen Kernaussagen heißt es:
„Die Auswirkungen der Nutzung der Wasserressourcen in Form von Umwelt- und Ressourcenkosten werden im Rahmen geeigneter ökonomischer Instrumente berücksichtigt. Damit sollen insbesondere Auswirkungen der Ressourcennutzung ausgeglichen sowie Maßnahmen zum vorsorgenden Schutz der Wasserressourcen sowie zur Sicherstellung einer umweltverträglichen und zukunftsfähigen Wasserversorgung gefördert werden.“

von Götz Schaub