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Nordkreis Vorgeschmack auf den Wiederaufbau
Landkreis Nordkreis Vorgeschmack auf den Wiederaufbau
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18:41 11.06.2017
In Amöneburg zeigt Dr. Astrid Wetzel (oben, rechts) Besucherin Karin Decher einen Specht und die farblich dazu passenden Trachtenbänder zum Thema „Kopf und Kragen“. Rundes Programm in Oberrosphe: mit einem Fest auf dem lauschigen Museumsgelände, der Geschichte der Lumpensammler mit Puppen dargestellt und Fotos vom Museum vor dem Brand, die Brigitte Stuhl hier zeigt. Quelle: Carina Becker-Werner
Oberrosphe

Mit alten Trachtenpuppen stellte der Museumsverein heikle Situationen aus dem Leben der Lumpensammler im Burgwald nach und gab damit Einblick in eine Geschichte, die in der Zeit um 1810 spielte. Kurhessen war von napoleonischen Truppen besetzt. Nach Krieg, Missernten und überhöhten Steuern gehörte es zu den ärmsten Gebieten Deutschlands.

„Das Lumpensammeln war natürlich nur ein Vorwand, um auszubaldowern, was es wo zu holen gibt“, erzählt Vorsitzender Hans Bertram. Eine Puppe auf einer Leiter stellt einen Dieb dar, der den Schinken schon im Hosenbund stecken hat und durchs offene Fenster gerade noch nach der Wurst greift. Eine Trachtenpuppe, aufgeknüpft am todbringenden Galgen, steht für die Diebin Christine Strack aus Roda. „Die war so etwas wie der Schinderhannes des Burgwalds“, sagt Bertram und erinnert daran, dass Strack in Gießen verurteilt und erhängt wurde. Eine mannsgroße Puppe stellt den Scherenschleifer dar, der in Oberrosphe einst eine Gans stahl und anschließend für einige Wochen ins Gefängnis wanderte.

Mit der Ausstellung griffen die Oberrospher rund um die beiden Fachwerkhäuser des Alten Forsthofs das Thema des Museumssonntags auf: Für die Lumpensammler ging es vor rund 200 Jahren tatsächlich um „Kopf und Kragen“, um essen oder hungern, ums Stehlen oder Einsitzen. Doch auch im übertragenen Sinne passte das Motto perfekt zum Oberrospher Museum. Dessen Fortbestand hing im Februar nach einem Brand, der den Großteil des Haupthauses zerstörte, am seidenen Faden. Doch der Museumsverein gibt im Jahr seines 40-jährigen Bestehens nicht auf.

„Die Hilfsbereitschaft war absolut überwältigend – so viele Menschen haben hier beim Aufräumen geholfen, so viele haben uns Sachspenden angeboten“, sagt die zweite Vorsitzende Brigitte Stuhl. Der Hof vorm Haupthaus ist vollgestellt mit Containern, 60 bis 70 Kubikmeter Müll mussten aussortiert werden. „Vieles ist unwiederbringlich zerstört worden, aber ganz viel konnten wir auch retten.“

Fachfirma im Einsatz

Davon zeugt ein weiterer großer Baucontainer, der mit noch heilen und inzwischen vom Ruß befreiten Exponaten gefüllt ist. Eine große Lagerfläche haben die Oberrospher mit geretteten Möbeln vollgestellt und mit Planen abgedeckt. „Alles Dinge, die wir in die neue Sammlung wieder aufnehmen werden“, erklärt Stuhl und kündigt an, dass der Verein sich die Wiedereröffnung im Herbst fest zum Ziel gesetzt hat. In der neuen Schau soll es, wie früher, um Alltagsleben in der Zeit von 1900 bis 1950 gehen.

Fast 800 Stunden ehrenamtlicher Arbeit haben die Oberrospher und ihre Helfer in der Zeit von Februar bis Mai geleistet, um die Feuerschäden zu beheben. Jedermanns Arbeitseinsatz ist fein säuberlich registriert. „Hier wird ein- und ausgestempelt“, sagt Hans Bertram und zeigt im Bauwagenbüro auf dem Museumshof eine Stempelmaschine und die dazugehörigen Karten.

Seit zwei Wochen ist im ausgebrannten Hauptgebäude eine Fachfirma aus Rüsselsheim mit der Reinigung der verrußten Räume beschäftigt. Teils sind die Wände schon wieder recht sauber. Der Einsatz der Fachfirma kostet rund 20000 Euro, „zum Glück zahlt das unsere Versicherung“, sagt Brigitte Stuhl. In einer Woche soll die Reinigung abgeschlossen sein, dann folgt der Aufbau einer neuen Elektrik. Auch dafür kommt die Versicherung auf.

Der Wiederaufbau der Ausstellung muss dann vollständig spendenfinanziert gelingen. Dazu leisteten gestern der Rotary-Club Wetter und die SPD einen Beitrag. Sie überbrachten den Oberrosphern die Erlöse ihrer Stände vom Maimarkt in Wetter. Allein die Rotarier hatten mit dem Verkauf von Kuchen mehr als 1200 Euro für Oberrosphe erzielt.

  • In Amöneburg ging‘s beim Museumssonntag um heimische Vögel – und deren Köpfe und Kragen. „Obwohl wir 80 heimische Vögel in unserer Ausstellung haben, sind keine mit den typischen Kragen dabei“, erklärte Dr. Astrid Wetzel, Koordinatorin im Naturschutz-Informationszentrum Amöneburg. Deshalb hatte das Museum den kragenlosen heimischen Vögeln kurzerhand Kragen in Form traditioneller Trachtenbänder und Hauben zugeordnet. So fand sich in der Ausstellung unter anderem eine braune Schleiereule neben einem grün-braunen Haarkranz mit dem dazugehörigen Schmuckband einer Marburger Katholischen Tracht aus dem 19. Jahrhundert.

von Carina Becker-Werner