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Unerreichbar: Wenn der Dachboden zur Telefonzelle wird

Kein Netz in Oberrosphe Unerreichbar: Wenn der Dachboden zur Telefonzelle wird

Es gibt Touristen, die das Weltall bereisen und Autos, die elektrisch betrieben werden. Willkommen im 21. Jahrhundert. Was es allerdings nicht gibt: eine zuverlässige Telefon- und Interetverbindung in Oberrosphe.

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Oberrosphe. Der Weg zu Maria Baum führt vorbei an Kuhwiesen und Feldern. Im Zickzack durch die Landschaft. Städter würden behaupten, Maria Baum lebe in einem Kaff. Sie selbst kann bei solch einem Urteil nur milde lächeln. Kaff hin oder her. Hier lebt es sich gut. Wenn da nicht die Sache mit dem Telefon- und Internetanschluss wäre. Auf den ist in Oberrosphe nämlich kein Verlass. Knapp vier Wochen lang haben zahlreiche Dorfbewohner, allesamt Kunden der Deutschen Telekom, nun ohne eine Verbindung zur Außenwelt hinter sich. Im Zeitalter von Handys und mobilem Internet sei das zwar ärgerlich, grundsätzlich aber kein Problem. Das zumindest meint der Städter. Was aber, wenn es nahezu keinen Handyempfang im Ort gibt?
Genau das ist der Fall in Oberrosphe – da mussten die Anwohner kreativ werden. Wahlweise auch sportlich: Maria Baum beispielsweise kletterte mehrmals täglich auf den Dachboden. In Winterjacke und mit Handschuhen. Vorbei an Spinnweben über knarzende Balken. Hier oben hat sie Empfang. Manchmal zumindest. „Heute ist es wolkenlos – das bedeutet: schöner Empfang“, erklärt sie. Das muss er sein, der Oberrospher Galgenhumor.

Die Zwangspause bringt Stress statt Entspannung

Für die 59-Jährige ist es besonders wichtig erreichbar zu sein. Sie hat eine Werkstatt für Paramentik und Textilkunst – sie ist eine der wenigen ausgebildeten Handstickerinnen deutschlandweit. „Ich biete Stickereien für alle Textilien an, die während eines Gottesdienstes gebraucht werden“, erläutert sie, während sie einen Faden gezielt durch den Stoff bohrt. Zu ihr nehmen Kirchenvertreter aus ganz Deutschland Kontakt auf. Hauptaufgabenfeld der Stickkünstlerin: Die Herstellung von Paramenten. Der edel verzierten Stoffe, die einen Altar schmücken.
Maria Baum braucht die Stille für ihre Stickerei. „Das ist eine künstlerische Arbeit. Dafür brauche ich Ruhe. Ich mache keinen Entwurf zweimal“ erklärt sie. Aber Maria Baum braucht auch die Aufträge, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Und deswegen verzeiht sie gönnerhaft, wenn das Läuten des Telefons die Ruhe durchbricht.  Aber von Weihnachten bis Dreikönig schwieg ihr Telefon. Dreieinhalb lange Wochen. „Ist doch entspannt, wenn das Telefon mal Ruhe gibt, die Mails nicht  gelesen werden können“ – das würde wohl der stressgeplagte Städter sagen.
„Ist überhaupt nicht entspannend. Im Gegenteil: man erholt sich nicht, weil man immer auf der Hut ist“, sagt hingegen Maria Baum. Dreieinhalb Wochen lang kletterte sie auf den Dachboden, um mit ihrer Familie oder ihren Kunden zu sprechen. Dreieinhalb Wochen lauschte sie jeden Tag hoffnungsvoll auf ein Freizeichen – und hörte doch immer nur eines: Nichts. Eine tote Leitung. Dreieinhalb Wochen rief sie jeden Tag mit dem Handy vom Dachboden aus bei der Telekom an. Nur um immer wieder vertröstet zu werden, in der Warteschleife verloren zu gehen oder falschen Versprechungen zu vertrauen.
Andere im Ort sind da schon kreativer geworden. Vertrauen ausschließlich auf das Handynetz, selbst dann noch, wenn sie für jedes Telefonat, das sie führen wollen, ein paar Meter die Straße hinauf wandern müssen. „Aber das will ich nicht. Ich möchte mit meinen Kunden sprechen, ohne dass das jeder mitbekommt“, so Baum. Wieder andere haben sich einen eigenen Telefonmast in den Garten gestellt.
Immer wieder, wenn Maria Baum die Servicenummer der Telekom wählt, fragt sie nach dem großen „Warum“. Warum ist es im 21. Jahrhundert nicht möglich, ein Dorf zuverlässig ans Kommunikationsnetz anzuschließen? Ein Mitarbeiter der Telekom wagte einmal vor Jahren, seine Theorie auszusprechen. Die restlichen schweigen zu dem „Watum“. Einer der Verteilerkästen stehe nun einmal in der Lahnaue. Bei Hochwasser komme es zu Problemen.

Kein Telefon bedeutet: kein Kundenkontakt

Und in der Tat: als Telefon und Internet ausfielen und die Oberrospher um Jahre zurückwarf, kämpften die Flüsse gerade mit dem Schmelzwasser.
Mit energischen Stichen arbeitet Maria Baum weiter. Der Faden fliegt über den Stoff. Sie hält inne, fädelt neu ein, schüttelt den Kopf: „Wenn man so lange nicht erreichbar ist, dann ist das eine Katastrophe. Es ist entsetzlich.“ Maria Baum kann noch nicht abschätzen, ob ihr ein wirtschaftlicher Schaden entstanden ist. Beweisen kann sie es sowieso nicht. „Wenn hier niemand steht und tobt, weil ich nicht antworte, weiß ich auch nicht, dass jemand versucht hat, mich zu kontaktieren.“
Schlimmer noch als ihren möglichen wirtschaftlichen Schaden bewertet sie den Schaden, der „ihrem Oberrosphe“, ihrem Dorf, in dem sie doch so gerne wohnt, zugefügt wurde. „Mit so einer Aktion werden die zahlreichen politischen Bemühungen, die Dörfer nicht zu entvölkern, konterkariert. Wir sind hier so kreativ und bemüht – und dann kommt die Telekom nicht in die Pötte und macht wieder alles kaputt.“

von Marie Lisa Schulz

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