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Spannende Einblicke in frühere Zeiten

„Was in der Zeitung steht“ Spannende Einblicke in frühere Zeiten

Holger Durben aus Münchhausen hat eine ganz ­besondere Art gewählt, Dorf- und Gemeindegeschichte aufzuarbeiten. Er hat zusammengetragen, was hiesige Zeitungen seit 1822 über seine Heimat ­veröffentlicht haben.

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Die Idee zum umfassenden Münchhäuser Lesebuch „Was in der Zeitung steht“ hatte Holger Durben nach dem Studium einer Chronik von Helmut Wissemann über Frankenberg.

Quelle: Götz Schaub

Münchhausen. Es ist Heimatgeschichte pur, es ist aber auch die Geschichte des Lokal-Journalismus‘. Was früher alles geschrieben wurde, ist heute oftmals undenkbar geworden. Wie heute geschrieben wird, war früher undenkbar. Inhalte und Stil der Darstellung haben sich mitunter dramatisch geändert. Was die Darstellungen über knapp zwei Jahrhunderte eint, ist ihre Entstehungsregion: Münchhausen und Umgebung.

Holger Durben interessiert sich für die lokale Geschichte. Er ist Mitglied im Heimat- und Geschichtsverein Münchhausen und natürlich auch im Förderverein Christenberg. „Was ich hier zusammengetragen habe, ist keine klassische Chronik, auch wenn die Texte­ chronologisch angeordnet sind“, sagt Holger Durben über sein Werk. Es ist eine Aufstellung aller auffindbaren Artikel, die zumeist in hiesigen Zeitungen erschienen sind. „Deshalb auch der klare Titel ‚Was in der Zeitung steht‘“, sagt Durben.

Verheißungsvolle Quellen

Aus Sicht eines Heimatforschers bieten Zeitungsartikel aus längst vergangenen Zeiten aber immer verheißungsvolle Quellen für Dorfchroniken. Datenschutz und Persönlichkeitsrechte waren damals nicht gerade die Leitfäden im Journalismus. Wenn sich zwei Menschen in Münchhausen geschlagen haben, dann standen sie mit vollem Namen in der Zeitung, auch oder gar erst recht dann, wenn dabei einer der Kontrahenten zu Tode gekommen war. „Natürlich ist die Quellenlage am Anfang dünner. Aber ich habe dann schon schnell bemerkt, dass ich nicht alles in einem­ Band unterbringen kann“, so Durben.

Band 1 geht von 1822 bis 1969

Also hat er zunächst einen Band erstellt, der von 1822 bis 1969 geht. „Es ist schwierig, einen Schnitt zu machen, aber ich denke, ab 1970 geht es dann so langsam auf die Gebietsreform von 1974 zu und damit dann zur Gemeinde Münchhausen, wie wir sie heute kennen. Aus dieser Sicht macht der Schnitt dort einen Sinn. Und irgendwann lässt sich ein Buch auch nicht mehr so gut binden oder blättern, wenn es zu umfassend ist“, merkt er an.

Sein Lesebuch, wie er es nennt, ist im Din-A-4-Format erschienen und bringt es auf 708 Seiten. Das Besondere ist, dass Nachdruck, Vervielfältigung und Verwendung in elektronischen Medien ausdrücklich gestattet ist. Alle­ Texte sind beim Autor als Word-Dokument erhältlich. Durben will damit kein Geld verdienen, sondern Menschen für vergangene ­Geschichten begeistern.

Zeitungsarchive retten Geschichten

„Wenn es die Zeitungsarchive nicht gäbe, wären all die Geschichten für immer verschwunden.“ Dabei müsse natürlich immer berücksichtigt werden, dass der absolute Wahrheitsgehalt einer Begebenheit damit nicht bewiesen sein kann, etwa, wer eine Schlägerei wirklich anfing. Man muss sich darauf verlassen, was in der Zeitung stand. Der erste Band speist sich aus verschiedenen Zeitungen. Los geht es mit dem „Wochenblatt für die Provinz Oberhessen“ von 1822 bis 1866. Dann ab 1866 kommt die Oberhessische Presse mit ihren Vorgängern ins Spiel, die deshalb vor zwei Jahren ihr 150-jähriges Bestehen feierte.

Zudem sind Artikel der Frankenberger Zeitung mit den ­dazugehörigen Kreisblättern berücksichtigt worden. Hinzu­ kommen noch ein paar Zufallsfunde, wie Durben sagt. Beim Zusammentragen der Artikel und Meldungen konnte sich Durben auf Microfiche stützen, die es an der Philipps-Universität gibt. Trotzdem kamen für die reine Recherche innerhalb von drei Jahren mehr als 1000 Arbeitsstunden zusammen. Belohnt wurde Durben dabei mit einem nicht für möglich gehaltenen Einblick in seine eigene Familiengeschichte. Nun, so las er von seinem Ur-urgroßvater, der 1876 in eine Schlägerei verwickelt wurde, in deren Verlauf dessen Kontrahent tödliche Verletzungen erlitt.

Zweiter Band bis Weihnachten

Es war allerdings nicht ein Artikel in den hiesigen Medien, sondern einer im Barmer Wochenblatt von 1857. Nach Barmen bei Wuppertal hatte es offensichtlich einen geistlichen aus dem hiesigen Raum verschlagen. Und dieser Mann, Georg Seibert, rechnete dort unverholen mit dem Ur-ur-ur-urgroßvater von Holger Durben ab. Der Sohn des Ur-ur-ur-urgroßvaters hatte jedenfalls auch von dieser Veröffentlichung erfahren und sich gegen diese Darstellungen gewehrt und ein Gerichtsverfahren gegen den Verfasser angestrengt. „Aber wie das ausgegangen ist, ist mir nicht bekannt“, sagt Durben.

Einen Anspruch auf Vollständigkeit hat Durben nicht. „Gerade in früheren Zeiten gab es bei den Artikeln keine Ortsbezeichnung am Anfang, so wie es heute der Fall ist. Manchmal stand da nur Marburg und Umgebung. Da muss man dann schon sehr viel querlesen und schauen, ob ein solcher Artikel vielleicht was mit Münchhausen oder seinen heutigen Ortsteilen zu tun hat.“

Dabei stieß er aber auch auf eine Meldung, in der es darum ging, dass ein Bahnmitarbeiter bei Sarnau ein Baby fand. „Ich wusste zufällig, dass dieser Bahnmitarbeiter aus Münchhausen kam.“  Seinen zweiten Band will der 44-jährige gebürtige Münchhäuser nach Möglichkeit Weihnachten fertig haben.

Einfach lesen, was der Nachbar macht

Früher musste man offensichtlich nur des Lesens mächtig sein, um zu erfahren, wer was im Dorf gemacht hatte oder wer seine Zelte abbrechen und auswandern wollte. Im Wochenblatt für die Provinz Oberhessen von 1822 bis 1866 gibt es ­eigentlich keine recherchierten  Geschichten zu lesen. Vielmehr geht es um Vorkommnisse und Mitteilungen, die sich oft mit Grundstücksverkäufen, Versteigerungen und Schuldforderungen beschäftigen, aber auch mit Vergehen und Verbrechen ­aller Art. Es wurden gerichtliche Vorladungen mitgeteilt, aber auch wer verhaftet wurde, wer sich unerlaubt einfach umhertrieb. Selbst zehnjährige Kinder, die des Bettelns bezichtigt wurden, wurden mit vollem Namen genannt.

Immer wieder werden Steckbriefe veröffentlicht. Es wurde mitgeteilt, wem was wo gestohlen wurde, wer sich seiner Strafe entzogen hat und polizeilich gesucht wurde und welche Steckbriefe sich durch namentlich angezeigte Verhaftungen „erledigt“ haben. Und es wurde auch mitgeteilt, wer „wegen Verschwendung und schlechter Bewirthschaftung seines Gutes“ unter Curatel eines Familienmitglieds gestellt wurde.

Ein Leben in Armut:  Heute Stoff für einen Film?

Die Zeitung, oder sagen wir besser, das Wochenblatt, stellt aber auch eine Quelle für die Ahnenforschung dar. Insbesondere, wenn etwa Amerikaner oder Australier nach ihren deutschen Vorfahren suchen. Denn Auswanderungswillige mussten zuvor um „Entlassung aus dem Kurhessischen Unterthanenverbande nachsuchen“, was entsprechend auch veröffentlicht wurde. Und ja, es waren nicht wenige Münchhäuser, die in den 50er und 60er Jahren des 19. Jahrhunderts ihre Zukunft in Australien, aber auch in Amerika sahen. Ihre Beweggründe stehen natürlich nicht dabei, aber aus anderen Quellen wissen wir, dass die Ernten um diese Zeit alles andere als gut waren und viele Menschen ihre letzte Habe verloren.

Es lassen sich auch temporär Lebensläufe nachvollziehen, die mit ein bisschen Fantasie auch den Stoff für einen Abenteuerroman hergeben. Man denke da etwa an „Die Wanderhure“ von Iny Klocke und Elmar Wohlrath, die diesen Roman unter den ­Namen Iny Lorentz veröffentlichten.

Es gab auch mal Belobigungen

Hier der lokale Stoff: 1858 wurde nach einer ledigen 20-jährigen Frau aus Münchhausen gesucht, die sich einige­ Zeit in Friedberg und Homburg, dann wieder im Großherzogtum Hessen „herumtreibt“. Sie wurde aufgefordert, „für das in der Heimath zurückgelassene uneheliche Kind in ausreichender Weise zu sorgen“. „Widrigenfalls“ werde sie steckbrieflich verfolgt. 1861 wurde die selbe Frau gesucht, weil sie einer andern Frau ein Tuch gestohlen und sich erneut „zwecklos umhergetrieben“ haben soll. Im Laufe der nächsten Jahre kommt sie immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt, kann sich aber auch immer wieder der Bestrafung entziehen. Ende offen. Vielleicht steht es auch irgendwo in den Kirchenbüchern. Vielleicht machte sie aber auch ihr Glück in Australien oder in Amerika. Vielleicht weiß es ja ­jemand aus Münchhausen.

Ach, und ganz selten gab es auch mal was über Belobigungen zu lesen. Etwa im Juli 1858 für jene Bürger aus Münchhausen und Simtshausen, die im Todenhäuser Forste mitgeholfen hatten, einen Waldbrand zu löschen. In den kommenden Wochen werden weitere historische Zeitungsberichte aus dem Buch „Was in der Zeitung steht“ vorgestellt. 

von Götz Schaub

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