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Seit 20 Jahren motiviert und kreativ

Interview: Manfred Apell Seit 20 Jahren motiviert und kreativ

Nach 20 Jahren gibt Manfred Apell zu: „Als ich anfing, hatte ich von Themen wie Bauen ehrlich gesagt keine Ahnung.“ Lahntal ist auf die vergangenen zehn Jahre bezogen die einzige Zuzugsgemeinde im Landkreis.

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Manfred Apell ist seit 20 Jahren Bürgermeister in Lahntal.

Quelle: Götz Schaub

Sterzhausen. OP: Herr Apell, war Bürgermeister zu werden ein Berufsziel von Ihnen? Manfred Apell: Keineswegs. Ich hatte einen guten Beruf und wollte ihn auch weitermachen. 1989 wurde ich in den Gemeindevorstand gewählt. Als die SPD 1993 keinen Kandidaten hatte, dachte ich so bei mir, dass ich mir die Aufgabe schon zutrauen würde. Ich war ein Fachmann für Personalwesen und war mir sicher, eine Verwaltung führen zu können. Ich muss aber auch sagen, dass ich viel lernen musste. Als ich anfing, hatte ich von Themen wie Bauen, ehrlich gesagt, keine Ahnung.

OP: Dafür ist aber Lahntal ganz schön gewachsen, oder?

Apell: Das kann man wohl sagen. Wir haben in den 20 Jahren knapp 300 Bauplätze verkauft und sind außerhalb der Stadt Marburg die einzige Zuzugskommune.

OP: Da wohnen aber nicht überall Neubürger. Zuletzt hat die Gemeinde selbst ein neues Haus im Baugebiet von Sterzhausen gekauft.

Apell: Ganz richtig. Das halte ich nach wie vor für eine pfiffige Idee. Wir haben so Platz für eine U-3-Gruppe Kinderkrippe geschaffen, für 280000 Euro. Und sollten die Kinderzahlen tatsächlich drastisch zurückgehen, haben wir nicht einen leer stehenden Kindergarten, sondern ein leer stehendes Wohnhaus, dass wir wieder verkaufen können.

OP: Das Baugebiet in Sterzhausen steckt voller Überraschungen und Erfolgsgeschichten. Apell: Das stimmt. Nicht nur, dass die Grundstücke stets gut weggingen, wir boten dort auch gegen gewissen politischen Widerstand ein innovatives Projekt an, nämlich ein gemeinsames Blockheizkraftwerk für die Wärmeversorgung von mehreren Häusern. Letztendlich durften wir feststellen, dass diese Bauplätze sehr rege nachgefragt und schnell verkauft wurden.

OP: Wenn mal alles so schnell ginge. Hand aufs Herz, haben Sie bei Ihrer letzten Wiederwahl noch daran geglaubt, den Spatenstich zur neuen B 252 noch als Bürgermeister zu erleben? Apell: Nein. Selbst beim Planfeststellungsbeschluss in Todenhausen im vergangenen Jahr fiel es mir angesichts der gut fünf Jahrzehnte dauernden Planungszeit schwer zu glauben, dass ich vielleicht noch mit einem anderen Fahrzeug als einen Rollator über diese Straße fahren werde.

OP: Immerhin stellte dieses Thema Lahntal vor eine Zerreiß­probe. Apell: Sicher hatten wir uns zunächst anders positioniert. Doch als ersichtlich wurde, dass unsere Vorstellungen mit einem Tunnel hinter Göttingen nicht realisiert werden sollten, wussten wir auch, dass wir selbst mit einer Klage langfristig keinen Erfolg erzielen würden. Wir waren aber nach wie vor daran interessiert, die Bürger von Göttingen vom Durchgangsverkehr zu entlasten.

OP: Aber es gab dennoch noch einen Bürgerentscheid in Lahntal. Apell: Das musste so sein, weil es auch andere Meinungen gab. Sicher gab es zu jener Zeit auch emotionale Auseinandersetzungen und ich nehme mich da nicht aus. Ich habe auch mal Dinge gesagt, die mir hinterher leid taten. Das gehört wohl dazu. Über all die Jahre war es mir aber als Bürgermeister wichtig, keine Feinde zu haben, sondern mich nur mit politisch Andersdenkenden auseinanderzusetzen. Ich habe deshalb auch gute Freunde in anderen politischen Lagern gewonnen.

OP: Was macht Lahntal so attraktiv, dass dort die Bauplätze so gut weggegangen sind? Apell: Es ist zu einfach, zu sagen, dass wir davon profitieren, im Speckgürtel der Stadt Marburg zu liegen, wie es einige behaupten. Da gibt es Gemeinden, die geografisch besser liegen als wir. Wir haben stets die gesellschaftliche Entwicklung im Blick gehabt und uns überlegt, was in jeweils zehn Jahren wichtig werden könnte, worauf wir Antworten brauchen. Dabei haben wir den Schwerpunkt auf Kinderbetreuung und Seniorenarbeit gelegt. Wenn wir attraktiv bleiben wollen, müssen wir den sozialen Invest bedienen. Das heißt auch, dass wir nicht bei allen Vorhaben unter Geldgesichtspunkten handeln dürfen. Deshalb bin ich sehr stolz darauf, dass wir das Gesundheitszentrum in der Alten Schule in Goßfelden umgesetzt haben, um die ärztliche Versorgung sicherzustellen. Auch Krafts Hof in Sterzhausen war zu Beginn ein riskantes Unterfangen. Aber wer nicht wagt, kann auch nichts entwickeln. Der St.-Elisabeth-Verein war dabei ein absoluter Glücksgriff für uns. Die Einrichtung ist ein Aushängeschild für die Gemeinde und wird sehr gut angenommen.

OP: In Ihrer bisherigen Amtszeit gab es auch ein Projekt, von dem Sie mal gesagt haben, dass Sie es wohl nicht angegangen hätten, wenn Sie vorher gewusst hätten, wie viel Arbeit auf Sie zukommt. Apell: Das ist richtig. Dabei handelt es sich um die Furka­tion, die Renaturierung der Lahn­aue zwischen Caldern und Sterzhausen. Nicht, dass es kein sinnvolles Projekt gewesen wäre. Natürlich bin ich froh, dass wir es umgesetzt haben. Aber es hat viel Arbeit und Kraft gekostet. Das war einer so kleinen Verwaltung wie der unsrigen eigentlich nicht zuzumuten. Allein die beteiligten Behörden unter einen Hut zu bringen und die vielen Grundstücksverhandlungen nahmen viel Zeit in Anspruch.

OP: Welche Projekte außer den schon angesprochenen halten Sie noch für die wichtigsten der vergangenen 20 Jahre? Apell: Auf jeden Fall den Bau der Kindergärten in Sterzhausen und Sarnau sowie den Bau des Feuerwehrgerätehauses für die Wehren Sarnau-Göttingen und Goßfelden. Und die Zusammenlegung des Bauhofes mit der Stadt Wetter war eine echte Sternstunde in meinem Berufsleben.

OP: Das war wohl so etwas wie Pionierarbeit in Sachen interkommunale Zusammenarbeit? Apell: So kann man es bezeichnen. Heute gehört zum Bauhof ja auch noch Cölbe mit dazu und es klappt alles sehr gut.

OP: Sie haben nun auch noch etwas Zeit vor sich. Es ist anzu­nehmen, dass die Arbeit nicht weniger geworden ist. Apell: Sicher nicht. Der Beruf des Bürgermeisters ist zu jeder Zeit einer der kreativsten, die es gibt. Und man wird immer vor neue Herausforderungen gestellt. Dominante Themenfelder sind nun auch erneuerbare Energien und die interkommunale Zusammenarbeit etwa beim Klimaschutz.

OP: Was halten Sie in Bezug auf erneuerbare Energien für Lahntal für realistisch? Apell: Nun, den einen Weg wird es sicherlich nicht geben. Aber es gibt viele Ansätze wie die Neubaugebiete mit dem gemeinsamen Blockheizkraftwerk in Caldern und Sterzhausen. Ich will hoffen, dass wir zusammen mit Wetter und Cölbe ein paar Windkraftanlagen im Wollenberg hinbekommen, aber man muss auch realistisch bleiben. Ob es schlussendlich möglich sein wird, muss sich noch zeigen.

Eine weitere Aufgabe wird es sein, sich der Mobilitätsfrage zu stellen. Angesichts dramatisch steigender Benzinpreise müssen wir den öffentlichen Nahverkehr weiterentwickeln, um als ländlicher Wohnort attraktiv zu bleiben. Auch wir brauchen für älter werdende Mitbürger ein Angebot, damit sie die Ärzte und Einkaufsmöglichkeiten in Lahntal besser erreichen können.

OP: Denken Sie da an einen Bürgerbus, wie es ihn in der Gemeinde Weimar gibt? Apell: Das wäre ein Modell. Uns fehlt aber noch der geeignete Wagen dafür.

von Götz Schaub

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