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Schattenspiele wie zu Uromas Zeiten

Ein Herz für Mehlschwalben Schattenspiele wie zu Uromas Zeiten

Früher gehörten Mehlschwalben zu jedem Dorf. Heute sieht man sie indessen in den Dörfern nur noch selten. In Reddehausen hingegen sind sie allgegenwärtig, weil sie am Haus der Familie Rex tolle Nistmöglichkeiten finden.

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Karl-Heinz Rex mag Schwalbennester an seinem Haus.

Quelle: Götz Schaub

Reddehausen. Wenn die Sonne scheint, huschen auf den Straßen Reddehausens kleine Schatten wie Blitze umher. Schaut man nach oben, sieht man den Grund der schnellen Schatten: Mehlschwalben. Geschäftig fliegen sie umher und sammeln Futter für ihren Nachwuchs. 24 künstlich gefertigte Mehlschwalbennester hat Familie Rex an ihrem Haus in der Oberrospher Straße befestigt.

„14 sind derzeit belegt, im vergangenen Jahr waren es allerdings 19“, gibt Karl-Heinz Rex Auskunft. Sein großes Herz für die kleinen Flugkünstler kommt nicht von ungefähr. Er ist in Reddehausen der Vogelschutzbeauftragte und zudem Mitglied der dortigen Ortsgruppe vom Deutschen Naturschutzbund (Nabu).

„Die künstlichen Nester mit dem spezifischen Eingang ausschließlich für Mehlschwalben wurden alle vom Nabu gefertigt. Als Handwerker war es für Karl-Heinz Rex keine große Aufgabe, sie unter dem Dach seines Hauses anzubringen. Unter den Nestern montierte er Auffangbretter für den Dreck und Kot, der sich üblicherweise unter einem Nest so ansammelt.

Mehlschwalben sind Zugvögel, kommen aber in der Regel genau dorthin zurück, wo sie aufgewachsen sind.“ Seit 15 Jahren halten die Schwalben der Familie Rex die Treue. Dabei wohnten dort gleich um die Ecke echte Feinde - Schleiereulen. Schleiereulen schlagen keine Mehlschwalben, sie ziehen vielmehr des Nachts schlafende Schwalben aus ihren Nestern heraus.

Mehlschwalben bringen es auf 70 Stundenkilometer

„Die Schleiereulen sind aber seit drei Jahren nicht mehr da. Die hatten jedes Jahr zwischen drei und fünf Junge“, erzählt Rex. Vielleicht wurden sie Opfer des Uhus, der seit einiger Zeit im benachbarten Göttingen zu Hause ist. Aufpassen müssen die Mehlschwalben dennoch in Reddehausen, denn dort gibt es auch einen brütenden Turmfalken. Der hat aber auch nur eine Chance, wenn er eine Schwalbe am Boden ausmachen kann. In der Luft wissen sich die Schwalben durch ihre Wendigkeit schnell in Sicherheit zu bringen. Man glaubt es kaum, aber die kleinen Tierchen können schneller als 70 Stundenkilometer fliegen, wenn es darauf ankommt.

Weil die Mehlschwalben bei der Familie Rex quasi fertige Wohnungen vorfinden, sparen sie viel Zeit und können deshalb bis zu dreimal in der Sommersaison brüten. Die Nester werden von Karl-Heinz Rex von Zeit zu Zeit auch wieder gesäubert. Das ist nicht nur der besondere Service für die Tiere, sondern auch sehr wichtig, weil sich in den Nestern auch zahlreiche Parasiten einnisten können, die den Mehlschwalben sehr gefährlich werden können. Auf ihren langen Wegen bis nach Afrika kommen die Tiere mit vielen Parasiten in Kontakt, die dann zwangsläufig als blinde Passagiere auch nach Europa gelangen.

Mit Ehefrau Marina und Tochter Irena hat Karl-Heinz Rex auch zahlreichen verletzten Vögeln geholfen. Einige wurden selbst gepflegt, andere zu Experten gebracht. Zuletzt hatten sie es mit einem verletzten Turmfalken aus den Raum Stadtallendorf zu tun. „Den haben wir zu einem Falkner nach Bad Laasphe gebracht.“ Wenn der Vogel wieder aufgepäppelt ist, soll er an seinem Fundort wieder freigelassen werden.

Einer der letzten Pflegevögel im Haus der Familie war ein Eichelhäher. „Wir bekommen einige verletzte Vögel gebracht, aber manchmal können wir auch nichts mehr machen. Etwa wenn die Tiere innere Verletzungen haben.“ Doch es macht Karl-Heinz Rex Spaß, den Tieren zu helfen. Weitere acht Mehlschwalbennester hängen übrigens am alten Gefrierhäuschen in Reddehausen.

Mehlschwalben lieben die Gesellschaft ihrer Artgenossen. Deshalb ist es ratsam, ihnen gleich mehrere Nester anzubieten, ein einzelnes könnte gar verschmäht werden.

Hintergrund: Obwohl die Mehlschwalbe weit über zehn Jahre alt werden kann, beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung nur zwei Jahre. Der Bestand in Europa ist sehr starken Schwankungen ausgesetzt, und liegt so zwischen 20 Millionen und 50 Millionen Tieren. Trotz dieser Anzahl gehen verschiedene Naturschutzverbände davon aus, dass die Mehlschwalbe mittelfristig in ihrem Bestand bedroht sein wird. Seit 2002 steht die Mehlschwalbe in Deutschland bereits auf der Vorwarnliste für bedrohte Vogelarten. Der Vogel des Jahres 1974 hat als klassischer Gebäudebrüter durch den Wandel in den Dörfern zunehmend Schwierigkeiten, geeignete Brutplätze zu finden. Zudem besitzt die Mehlschwalbe eine Reihe von Fressfeinden und Parasiten, die ihr Leben bedrohen. Mehlschwalben legen zwei bis sechs Eier. Die rund zweiwöchige Bebrütung übernehmen das jeweilige Paar gemeinsam. Die geschlüpften Jungtiere bleiben dann rund drei Wochen im Nest. Beginnt eine Mehlschwalbe selbst an einem Haus zu bauen, ist es den Hausbesitzern untersagt, die Nester aus Angst vor Verschmutzung der Hausfassade wieder abzuschlagen. Auffangbretter unter den Nestern bieten einen einfachen Fassadenschutz

von Götz Schaub

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