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Sauferei endet mit einer Freiheitsstrafe

Gerichtsverhandlung Sauferei endet mit einer Freiheitsstrafe

Um einen Abend, an dem alle Beteiligten reichlich betrunken waren, zu rekonstruieren, braucht man viel Geduld. Amtsrichterin Isabel Rojahn hatte sie.

Marburg. Vor Gericht stand ein 48 Jahre alter Mann aus dem Nordkreis, der sich der Körperverletzung schuldig gemacht haben soll. An einem Donnerstag im April hatte der arbeitslose Vater eines vierjährigen Sohnes mit mehreren Körperverletzungen eine blutige Spur hinterlassen.

Zunächst soll er einen Freund aufgesucht haben, mit dem er mehrere Gläser Wodka leerte. Schon betrunken verprügelte er seinen Trinkpartner und zog weiter. Als er auf dem Parkplatz des Rewe-Marktes in Wetter auf einen entfernten Bekannten stieß, der ihm ein Bier ausgab, verletzte er auch diesen „wie aus heiterem Himmel und ohne ersichtlichen Grund“ mit einem Kopfstoß ins Gesicht und brach ihm damit die Nase. Später am Abend tauchte er wieder in der Wohnung seines Freundes auf. Der ließ ihn, in der Annahme er wolle sich für die Prügel früher am Tag entschuldigen, in die Wohnung.

Doch der Betrunkene ging direkt in die Küche, wo er auf einen weiteren Bekannten stieß. Als dieser ihm mitteilte, dass sich in der Wohnung kein Alkohol mehr befinde, schlug ihm der Angeklagte mit der Faust ins Gesicht und brach auch ihm die Nase. Unmittelbar darauf verließ er die Wohnung. Angeklagt war der Mann nur in den beiden letzten Fällen, sein ebenfalls verprügelter Freund hatte von einer Anklage abgesehen.

Der Bekannte, auf den der Wetteraner in der Wohnung gestoßen war, trat als Nebenkläger auf. Der Geschädigte von dem Rewe-Parkplatz erschien als Zeuge, ebenso wie der Freund, in dessen Wohnung man zusammen getrunken hatte.

Da Angeklagte ohne Verteidiger erschienen war, in der Absicht sich selbst zu verteidigen, zog sich seine Aussage in die Länge. Immer wieder musste Richterin Rojahn ihn ermahnen, beim Wesentlichen zu bleiben, nicht abzuschweifen und ihre Fragen zu beantworten. Nervös und voller Wut auf sich und seine Kumpanen begann der Angeklagte zunächst mit einem Geständnis: „Ich bekenne mich schuldig mit meinem Bekannten Wodka getrunken zu haben, obwohl ich weiß, dass ich das Zeug nicht vertrage.“ An die Vorfälle der Körperverletzung könne er sich allerdings nicht erinnern, da habe er einen kompletten „Filmriss“.

Zeitweise mutete die Verhandlung beinahe komödiantisch an, stieß der Angeklagte in Pausen böse Drohungen und Verwünschungen gegen alles und jeden aus, belastete sich selbst, war dann wieder ehrlich verzweifelt.

Polizist bringt zum Prozess gleich einen Haftbefehl mit

Als sein Trinkkumpan als Zeuge auftrat, versuchte der Angeklagte seine Aufgabe besonders ernst zu nehmen und sprach ihn mit „Sie“ an. Vollständig vorbei mit seiner Seelenruhe war es, nachdem ein Polizist, der an besagtem Tag an die Orte des Geschehens gerufen worden war, einen Haftbefehl mitbrachte, der nach Abschluss der Verhandlung zu vollstrecken war.

Der Angeklagte war seinen Zahlungen, zu denen er im Januar 2012 auf Grund eines ähnlichen Delikts verurteilt worden war, nicht nachgekommen. Auch wenn sich die Aussagen des Zeugen und der Personen mit denen er an dem Apriltag in Kontakt gekommen war, in Hinblick auf Zeit- und Handlungsabläufe teilweise grundlegend widersprachen - waren sie doch alle betrunken gewesen -, sah das Gericht die Vorwürfe in vollem Umfang als erwiesen an.

Nach vier Verurteilungen innerhalb der vergangenen drei Jahre auf Grund von Körperverletzung, sahen weder Staatsanwalt Mark Seipelt noch die Richterin eine Geldstrafe noch als angemessen an, sondern verhängten die nächste Strafstufe, die Freiheitsstrafe auf Bewährung.

Der Anwalt des Nebenklägers, Dr. Walter Wolf bezeichnete den Angeklagten als eine Persönlichkeit wie „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“. Unter Alkoholeinfluss werde der sonst so friedliche Mann zu einem aggressiven Schläger. Er wurde zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung verurteilt. Die Bewährung setzte man auf drei Jahre fest, Bewährungsauflagen sind neben der Straffreiheit, 100 Stunden gemeinnützige Arbeit, sowie die Aufnahme einer Alkoholtherapie. „Ich stamme aus einer Familie, in der immer viel Alkohol getrunken wurde. Wir sind Teil einer Randgesellschaft“, sagte der Angeklagte abschließend.

von Kristina Gerstenmaier

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