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Nordkreis Rentner sägt Bäume beim Nachbarn um
Landkreis Nordkreis Rentner sägt Bäume beim Nachbarn um
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00:16 13.02.2019
Der Rentner musste sich vor dem Marburger Amtsgericht verantworten. Quelle: Manfred Schubert
Wetter

Ein 83-Jähriger aus einem Ortsteil von Wetter musste sich jetzt vor dem Amtsgericht dafür verantworten, dass er im April 2018 acht Zwetschgenbäume abgesägt hat, die nahe der Grenze zu seinem Grundstück wuchsen. Den hierbei entstandenen Schaden, die Kosten für die Wiederbeschaffung und das Einpflanzen neuer Bäume, bezifferte Oberamtsanwältin Tina Grün mit 880 Euro.

Der Rentner gab unumwunden zu, die Bäume umgesägt zu haben, jedoch ohne das fremde Grundstück zu betreten. Dann holte er zur Erklärung aus, warum er dies getan habe: Früher, als die Wiese hinter seinem Grundstück noch von Bauern als Weide genutzt wurde, habe Frieden und Ordnung geherrscht. Dann sei ein neuer Besitzer gekommen – kein Landwirt –, der habe mit der Wiese nichts anfangen können und sie verpachtet.

Beschuldigte: "Grenzbebauung war Schikane"

Seitdem gebe es Ärger, unter anderem sei die Grenzbebauung entstanden. Er habe mit dem Wiesenbesitzer reden wollen. „Ich konnte gar nicht glauben, was ich zu hören bekam: Er sei Geschäftsmann und habe keine Zeit, sich mit einem Rentner zu unterhalten“, empörte sich der Beschuldigte.

Er hatte einige Fotos mitgebracht, um zu zeigen, dass Äste auf seinem Dach lagen. Auch Wurzeln hätten bis auf sein Grundstück gereicht. „Der Nachbar sollte sie wegmachen, das hat er nicht getan. Laut Nachbarrechtsgesetz müssen Bäume mindestens zwei Meter Abstand zur Grenze einhalten“, sagte der Rentner.

Richterin Juliane Hockel belehrte ihn, dass Steinobstbäume nur anderthalb Meter Abstand einhalten müssten und man das Entfernen auch nur innerhalb einer bestimmten Frist verlangen könne. „Es war Schikane, die Bäume waren so eng gesetzt wie eine Hecke“, versuchte der Beschuldigte sein Vorgehen weiter zu rechtfertigen.

Oberamtsanwältin: "Wir leben in einem Rechtsstaat"

„Das ist ja Eigenmacht, dafür gibt es das Schiedsamt, das können Sie zur Klärung anrufen. Sie hätten die Bäume nicht selbst abmachen dürfen. Wir leben in einem Rechtsstaat, Sie müssen den normalen Weg beschreiten, können sich auch Rat von einem Anwalt holen“, antwortete Oberamtsanwältin Grün.

„Wir waren dreimal beim Schiedsamt, es gab keine Einigung, meine Frau bekam einen Herzinfarkt wegen des Ärgers. Auf Baumaterial im Wert von 1.000 Euro auf meinem Grund wurde Erde geworfen. Ich will und kann das gesundheitlich nicht mehr, will nicht mehr streiten und habe das alles an meine Kinder abgegeben“, klagte der Beschuldigte weiter.

Der Besitzer des Nachbargrundstücks, ein 54 Jahre alter Maschinenschlossermeister, sagte als Zeuge aus, dass er und sein Nachbar sich in den vergangenen Jahren in diversen Sachen nicht einig gewesen seien. Deswegen sei man schon mehrmals bei der Schiedsfrau gewesen.

Zeuge wollte Schlusspunkt setzten

Das Grundstück habe er bereits seit 20 Jahren an eine Frau verpachtet. Als er voriges Jahr aus dem Urlaub zurückkehrte, habe er festgestellt, dass alle Bäume zum Nachbargrundstück umgesägt waren. Diese hätten etwa fünf bis acht Jahre dort gestanden. „Ich fand das übergriffig. Ich ging zur Polizei, weil ich einfach einen Schlusspunkt setzen wollte.

Ständig hat er einem Dreck aufs Grundstück geworfen, dann die Bäume umgesägt, und dann hat er auch noch den nächsten Streit vor dem Schiedsamt angekündigt. Sein Anwalt erzählte mir, dass ihn wohl die Nutzung der Wiese störe“, erklärte der Zeuge. Die Bäume habe zudem nicht er selbst, sondern die Pächterin gesetzt.

Diese, eine 46-Jährige aus Marburg, berichtete, dass sie nach dem Umschneiden der Bäume eine Wildkamera aufgestellt habe. Auf den Aufnahmen sehe man, dass sich zwei Tage später der Nachbar wieder mit seiner Heckenschere über den Zaun lehne und an der Hecke herumschnipple.

Beschuldigter wurde gefilmt

„Das Unkraut kam rüber. Damit nicht mehr rüberwächst, habe ich es etwa 30 Zentimeter weit weggeschnitten“, sagte der Beschuldigte. „Das kann ich widerlegen“, rief die Zeugin und präsentierte dem Gericht Fotos von der Aktion. „Das ist eine gute Wildkamera“, befand die Oberamtsanwältin.

„Man sieht, wie Sie den ganzen Arm und die Heckenschere über den Zaun strecken, das sind gut zwei Meter. Sie dürfen aber nur den Überhang abschneiden“, fuhr sie fort und fragte: „Sind Sie bereit, den Materialwert von, sagen wir, 300 Euro für die Bäume zu zahlen?“ Angesichts der Rente von knapp 700 Euro schlug sie eine Ratenzahlung von 50 Euro monatlich vor. Die Pächterin erklärte sich bereit, die neuen Bäume etwas weiter, in zwei Metern Abstand, zu pflanzen.

Richterin Hockel verkündete den Beschluss, das Verfahren für die Dauer von sechs Monaten vorläufig einzustellen unter der Auflage, dass der Beschuldigte monatlich 50 Euro an die Geschädigte zahlt. Im Gespräch mit der OP sagte die Pächterin, dass sie das Grundstück hauptsächlich am Wochenende mit ihrem Kind nutze. Zu diesem Zweck habe sie dort einen ehemaligen Zirkuswagen als Wochenendhäuschen aufgestellt.

von Manfred Schubert