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Nordkreis Geplante Randale oder Zufall?
Landkreis Nordkreis Geplante Randale oder Zufall?
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21:00 13.11.2018
Der Angeklagte mit seinem Rechtsanwalt Frank Richtberg. Die Verteidigung geht bei der Autofahrt von einer Notwehr-Situation aus. Quelle: Ina Tannert
Marburg

Sowohl der Angeklagte, wie auch der Hauptgeschädigte – beides Wortführer der angeblich miteinander verfeindeten Familien – werfen sich gegenseitig vor, den drohenden Straßenkampf heraufbeschworen zu haben. Wie der Angeklagte mitgeteilt hatte, ­habe sich bereits lange vor der ­verhängnisvollen Autofahrt ­eine größere Menge auf der ­gegenüberliegenden Straßenseite versammelt, die provozierten und Drohungen gegen ihn ausstießen. Der Geschädigte wiederum hatte keine Angaben vor Gericht gemacht, jedoch einen Trauerfall in der Familie als Hintergrund genannt. Dies bestätigte am Freitag ein weiterer Zeuge vor dem Schwurgericht.

Andere Beteiligte hatten  zuvor die Vermutung aufgestellt, dass die ein oder andere Seite – je nach Zeuge – vielleicht den Auflauf initiiert, per Telefon weitere Angehörige alarmiert hatte. Davon sprach auch ein weiterer Zeuge, ein unbeteiligter Passant, der von seiner eigenen Wahrnehmung der Tat Mitte April berichtete. Demnach habe der spätere Geschädigte telefoniert, sagte so etwas wie „kommen Sie hierher.“ Kurz darauf habe es einen regelrechten Aufmarsch gegeben, „zehn bis fünfzehn Personen haben sich versammelt.“

Wollte der Fahrer der Gruppe nur Angst machen?

Nach seiner Erinnerung kam ein Teil des Mobs aus Richtung Bahnhof auf der Straße zusammen, mehrere aus der Menge „gingen direkt aufeinander los.“ Bei einigen der Anwesenden meinte er, einen Schlagstock sowie ein Messer und eine Schusswaffe gesehen zu haben, während andere versucht haben sollen, die aufgebrachte Menge zu beruhigen. In diese angespannte Situation hinein rauschten­ die beiden Fahrzeuge. Das ­schwarze Auto – gefahren vom Sohn des Angeklagten – sei mit hoher Geschwindigkeit auf die Gruppe zugefahren, „er hat mit dem Auto die Leute angegriffen“, sagte der Zeuge, meinte dann jedoch: „Es entstand kein Schaden – ich hatte den Eindruck, dass er denen Angst machen wollte, hätte er vorgehabt jemanden zu verletzen, hätte­ er es gekonnt.“

Zeuge: Geschädigter humpelte erst, als die Polizei eintraf

Diese Version deckt sich in Teilen mit anderen Aussagen, die davon ausgehen, dass hinter dem Einsatz der Autos keine Tötungsabsicht steht, sondern die Menge eingeschüchtert und auseinandergetrieben werden sollte. Das zweite Auto mit dem Angeklagten am Steuer sei dabei „durch die Menge gefahren und hat Menschen getroffen, die wurden zurückgeworfen“, meinte der Passant. Er habe zumindest einige humpeln sehen. Das tat auch ein weiterer Augenzeuge, der jedoch die Vermutung aufstellte, dass sich manche Beteiligten gezielt als Opfer darstellten: Demnach fing einer der Geschädigten „erst dann an zu humpeln, als die Polizei eintraf“, so der Zeuge. Zuvor hätten die möglichen Opfer noch aggressiv in Richtung der Gegenseite gepöbelt.

Erinnerungen der Beteiligten gehen weit auseinander

Dass jedoch nach Aussage des ersten Zeugen das zweite Auto­ erst zehn Minuten nach dem ersten auftauchte, sorgte für Unglauben vor Gericht. Wie die Überwachungsbänder vom Tatort zeigen, kam das zweite Fahrzeug fast unmittelbar nach dem ersten bei der Menge an.

Es war nicht die erste Aussage, die einen anscheinend unmöglichen Zeitablauf beinhaltete. Angaben wie diese und sehr unterschiedliche Perspektiven der Anwesenden erschweren die Beweisaufnahme in dem Prozess, der schon „ein Schulbeispiel dafür ist, was das menschliche Erinnerungsvermögen anstellen kann“, befand der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm. Nicht nur, dass das Gehirn ganz automatisch versuche, die erlebten Abläufe chronologisch einzuordnen, auch andere Begebenheiten verzerren häufig die Wahrnehmung, gaukelten im schlechtesten Fall eine falsche Erinnerung vor.

von Ina Tannert