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Nordkreis Prozess um Auto-Attacke von Cölbe
Landkreis Nordkreis Prozess um Auto-Attacke von Cölbe
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00:19 26.10.2018
Der Angeklagte mit Rechtsanwalt Frank Richtberg. Die Verteidigung bezweifelt, dass dem Angeklagten eine Tötungsabsicht nachzuweisen ist und pocht auf eine Nothilfe-Situation. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Zwei Augenzeugen berichteten am dritten Verhandlungstag vor dem Schwurgericht von verschiedenen Wahrnehmungen über den tumultartigen Menschenauflauf auf der Cölber Hauptstraße Mitte April.

Von seiner Wohnung aus hatte einer der Anwohner eine gute Sicht auf das Geschehen auf der Kasseler Straße, wurde an diesem Abend von „sehr lautem Krach und Tumult“ geweckt. Er bemerkte immer mehr Personen, die zusammenkamen, sich lautstark stritten. Laut Vorwurf ging es dabei um eine Auseinandersetzung zwischen zwei zerstrittenen Familien. Innerhalb weniger Minuten sei die Zahl auf rund 20 Personen angewachsen, beide Seiten erhielten noch Zulauf. „Beide Parteien gingen immer wieder aufeinander zu, es wurde immer schlimmer, fing an zu eskalieren und dann kam es zu Handgreiflichkeiten“, so der Zeuge. Seiner Erinnerung nach „flogen Tische und Stühle und andere Gegenstände durch die Luft“. Erst danach sollen die beiden Wagen eingetroffen sein, die in Richtung der Menge fuhren. Zuerst ein schwarzes Auto, das neben dem Mob zum Stehen kam, gefahren vom Sohn des Angeklagten. Der Vater steht wegen versuchten Totschlags vor Gericht – ihm wird vorgeworfen, seinen Kleinwagen gezielt in die Menschenmenge gesteuert zu haben. Laut Anklage mit Tötungsabsicht, laut des Beschuldigten in einer Nothilfe-Situation, da er seinen Sohn vor den Angriffen schützen wollte. Denn aus der Menge heraus sei erst der Wagen angegriffen worden, danach der Sohn selber. Sein eigenes Auto sollte dabei quasi als Schutzschild dienen und der pöbelnden Menge Angst einjagen, so der Angeklagte.

Der erste Zeuge konnte eine Attacke nicht bestätigen – das Auto sei nicht zum Ziel geworden. Ein zweiter Augenzeuge gab dagegen an, dass der Wagen des Sohnes kurz nach dessen Ankunft tatsächlich „mit Flaschen und anderen Gegenständen beworfen wurde“.

Generell sei das Eintreffen des schnell fahrenden Autos quasi Auslöser für eine neuerliche Eskalation der aufgeheizten Situation gewesen. Die Aktion des zweiten Wagens in Richtung Menge habe dann „wie eine Reaktion auf den Angriff gewirkt“, so einer der Nachbarn. Da sei es schon „fast verwunderlich“, dass das Ganze nicht in einer Massenschlägerei geendet war und der angebliche Mob danach ruhig auf die Polizei gewartet hatte. 

Die rasante Anfahrt des zweiten Wagens zuvor konnten beide Zeugen noch beobachten. Einer war sich sicher, dass der Wagen kurz darauf mehrere Menschen touchierte – „es wurden Personen getroffen, es war wohl ein leichter Anprall“. Zumindest seien mehrere zur Seite gesprungen, relativierte der Nachbar auf Nachfrage der Verteidigung. Diese bezweifelt, dass die Zeugen auf der mäßig beleuchteten Straße eine ausreichend gute Sicht hatten.

Auf dem Überwachungsvideo, das den gesamten Vorfall dokumentiert, ist nicht ganz klar zu erkennen, ob und wen das Auto in der Menge tatsächlich berührte. Dies hatte die Kammer bereits zuvor festgestellt, die nun herauszufinden hat, ob an dem Tatabend tatsächlich eine Notwehrlage vorlag oder der Vorwurf der versuchten Tötung zum Tragen kommt, „das sind die beiden möglichen Kriegsschauplätze“, fasste der vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm zusammen.
Ein weiterer Videobeweis zeigt indes eine frühere Auseinandersetzung zwischen dem Angeklagten und einem Mitglied der anderen Familie, mit der Verwandte des Beschuldigten offenbar im Klinsch liegen.
Auf dem Band ist ein Angriff des Kontrahenten vor zwei Jahren zu sehen, der dem Angeklagten mit einer langen Holzlatte droht und versucht, ihn zu schlagen.

Nach kurzer Rangelei werden beide von weiteren Personen getrennt. Laut des Angeklagten zeige das Video, dass der andere Mann bereits zuvor gewalttätig gegen ihn wurde. „Wir sind danach alle reingegangen, weil es hieß, die anderen würden sich Schusswaffen besorgen“, kommentierte der Beschuldigte die Szene.

Das Video ist auch in einem anderen Verfahren Beweismittel – beide Familien treffen nicht zum ersten Mal vor Gericht aufeinander. Unter anderem laufen Verfahren wegen möglichem Landfriedensbruch und gefährlicher Körperverletzung.

von Ina Tannert